Platzeck-Rückzug Websozis sind sprachlos

Nach dem Rücktritt von Franz Müntefering hatten SPD-Mitglieder im Netz mobil gemacht, geklagt, diskutiert. Nun, nach dem Rückzug von Matthias Platzeck von der Parteispitze, scheinen die Websozis vor ihren Tastaturen zu versteinern. Einige wenige verleihen ihrer Enttäuschung Ausdruck.


Es ist fast, als hielte das rote Netz in Deutschland den Atem an. Stunden nach der Erklärung von SPD-Chef Matthias Platzeck, er werde seinen Job aus gesundheitlichen Gründen aufgeben, ist kaum eine Reaktion zu lesen. Anders als nach dem Rücktritt von Franz Müntefering vom gleichen Amt verharren die Netzbürger unter den Sozialdemokraten in erschrockenem Schweigen.

"Websozis.de": Immer noch der Merkel-Aprilscherz

"Websozis.de": Immer noch der Merkel-Aprilscherz

Im Forum des "Vorwärts" betrifft am Nachmittag der neueste Beitrag den Kinofilm "Das Leben der Anderen", im "WebSoziBlog" steht an erster Stelle immer noch der Aprilscherz, demzufolge Angela Merkel aus der Kirche ausgetreten sein soll. Im "Reddblogg" geht es ganz oben immer noch um den vorletzten Vorsitzenden ("Wir wollen Franz"), bei Roteblogs.de sorgt man sich um den Wahlkampf für die niedersächsischen Kommunen - die Wahl ist im September. SPD-Bloggerin Gerda Scharbeutz freut sich immer noch, dass endlich Frühling ist, im Blog von SPD-Mitglied Alexander Sempf geht es um Bürgersorgen im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft.

Nach dem Rücktritt von Franz Müntefering sah das ganz anders aus. Binnen Stunden hatten sich im Netz Initiativen gegründet, die ihn zum Umdenken überreden wollten, Foren, Gästebücher und Weblogs quollen über vor Kommentaren und virtuellen Entsetzensschreien. Heute dagegen bleibt es ruhig. Als seien die Sozialdemokraten vor ihren Tastaturen versteinert ob des Rückzugs ihres neuen Sympathieträgers.

"Keine Enttäuschung gegenüber Platzeck"

SPD-Mitglied René Repasi beschreibt im  Weblog der Sozialdemokraten in Baden-Württemberg eine Reaktion, die stellvertretend für die SPD in der ganzen Republik stehen könnte: "Wie jeden Morgen sitze ich an meinem Laptop, trinke meinen Kaffee, schreibe E-Mails und lese SPIEGEL ONLINE. Als ich vor wenigen Minuten auf dessen Homepage landete, verfiel ich erst einmal in Schockstarre: 'SPD-Chef Platzeck tritt zurück.'"

Enttäuschung mache sich bei ihm breit, schreibt Repasi, aber "keine Enttäuschung gegenüber Platzeck; es ist vielmehr die Enttäuschung, dass die SPD wieder einmal einen hervorragenden Mann zerschlissen hat." Kommentiert hat seinen Eintrag nachmittags noch niemand. So oder ähnlich sieht es bei allen aus, die sich im Netz bislang zum überraschenden Rückzug des SPD-Vorsitzenden geäußert haben.

"Ich bin bestürzt"

Im Blog der SPD von Nordrhein-Westfalen gibt es lange nur drei Kommentare zu der Schock-Meldung. Enttäuschung und Mitgefühl halten sich die Waage: "Immerhin muss man diesmal ja niemandem Vorwürfe machen, weil Matthias' Rücktritt schlichtweg durch höhere Gewalt bedingt war", schreibt ein Nutzer namens Benno, "trotzdem ist das eine traurige und mehr noch: ärgerliche Nachricht. Ich (und ich denke, viele andere auch) war mir nämlich schon sehr sicher, dass Matthias der nächste Kanzlerkandidat sein würde."

"Carsten" merkt an, dass Platzeck ein Parteivorsitzender war, "den auch viele Nicht-Parteimitglieder in meinem Umfeld sehr sympathisch fanden".

Einer der sehr wenigen Blogs mit einer persönlichen Stellungnahme zum Geschehen an der Spitze der SPD ist "Sonntags". Dort heißt es: "Ich bin bestürzt, aber mir bleibt auch nichts anderes, als ihm Gute Besserung und Gesundheit zu wünschen. (...) Ich bin traurig über den Rücktritt, denn Platzeck versprach Hoffnung, dass meine Partei jünger und frischer würde. Ob Kurt Beck das verkörpert?"

Christian Stöcker



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