Sammelboom und Preissteigerungen Was alte »Pokémon«-Karten heute wert sind

»Pokémon«-Karten haben sich zuletzt zum Netztrend entwickelt. Manche werden für sechsstellige Summen verkauft. Wir zeigen Preise, Zuschauerzahlen – und das Potenzial anderer Sammelkartenspiele.
Sammelkarten-Verkauf auf einer Messe: »Pokémon«-Karten wurden kürzlich zu einem YouTube- und Twitch-Phänomen

Sammelkarten-Verkauf auf einer Messe: »Pokémon«-Karten wurden kürzlich zu einem YouTube- und Twitch-Phänomen

Foto: Ollie Millington / Getty Images

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Alt fühle ich mich als Kind der Neunzigerjahre eigentlich noch nicht. Kürzlich aber war ich voll nostalgischer Gefühle, als in zahlreichen Twitch-Streams vor laufender Kamera sogenannte Boosterpacks des »Pokémon«-Sammelkartenspiels geöffnet wurden . Da kamen sofort Erinnerungen an meine Schulzeit auf. Stießen Streamer in den Packs auf rare Karten, schrien sie vor Freude, als hätten sie im Lotto gewonnen.

Tatsächlich geht es bei »Pokémon«-Karten längst nicht mehr nur um Monster-Duelle auf dem Pausenhof, sondern auch um Geld. Einzelne seltene Karten in besonders gutem Zustand sind bereits zu sechsstelligen Preisen verkauft worden.

Solche Meldungen machten mich neugierig: Könnten meine Karten aus der Zeit um die Jahrtausendwende heute auch viel wert sein? Und was ist eigentlich mit den Hunderten von Karten anderer Spiele wie »Yu-Gi-Oh!« und »Magic: The Gathering«, die ich als Kind noch wesentlich fleißiger sammelte? Lassen auch die sich zu Geld machen?

Im alten Kinderzimmer fündig geworden

Die Voraussetzungen, die meine Sammlung bietet, sind durchwachsen. Einerseits wollte ich früher nicht alle, sondern vor allem jene »Pokémon«-Karten besitzen, mit denen ich meine Freunde in dem jeweiligen Spiel am besten besiegen kann. Anderseits spielten meine Freunde und ich »Pokémon« eher selten, weshalb rund 80 Karten in meinem alten Kinderzimmer viel Zeit in Plastikhüllen verbrachten. Das schützte sie zumindest vor Kratzern.

»Yu-Gi-Oh!«- und »Magic: The Gathering«-Karten habe ich bestimmt fünf- und achtmal so viele wie »Pokémon«-Karten. Beide Spiele haben wir auch viel häufiger gespielt, da wir die Regeln besser kannten: Das erklärt, warum vieler dieser Karten in keinem besonders guten Zustand mehr sind. Immerhin haben sie noch diesen Geruch von bedruckter Pappe an sich, der sich fest in mein Gehirn eingebrannt hat.

Einen ersten Überblick über die aktuellen Kartenpreise verschaffte ich mir mit dem »Price Guide« der Website TCGPlayer.com . Dabei zeigt sich schnell: Viel Geld bekommt man für gebrauchte, also bereits zum Spielen benutzte Karten nicht mehr.

Die meisten Karten bringen kaum etwas

Obwohl der durchschnittliche Preis einer englischen Karte bei »Pokémon« und »Magic« bei fast zehn Dollar liegt, geht die Preisspanne für die einzelnen Karten doch weit auseinander. Der Wert der allermeisten Karten liegt unter einem Dollar, die Preise für die entsprechenden Karten in deutscher Sprache sind meist noch niedriger.

Wahre Schätze, die einem die Monatsmiete zahlen können, sind bei allen drei Spielen nur sehr wenige Karten. Ich besitze leider keine davon. Grundsätzlich wechseln jene Top-Karten meist über Auktionsportale wie Ebay den Besitzer, das höchste Gebot gewinnt. Eine Garantie, dass Verkäufer dabei wirklich ihre Traumbeträge bekommen, gibt es so nicht. Für Sammler verlieren Karten schon bei kleineren Fehlern oder Gebrauchsspuren extrem an Wert.

Kein Wunder also, dass sich viele Streamer mit originalverpackten »Pokémon«-Boosterpacks eingedeckt haben. Diese über Jahre ungeöffneten Sets beinhalten absehbar Karten in einem nahezu makellosen Zustand. Zugleich gilt aber: Ob in dem jeweiligen Pack besonders begehrte oder vergleichsweise unspektakuläre Karten stecken, ist vorher nicht bekannt — man braucht also Geld, aber auch Glück.

Auf Ebay gefragter als noch zum Jahresanfang

In der Coronakrise war es für Hobbysammler mitunter schwer, überhaupt an Boosterpacks zu kommen. Oftmals wurden alle erhältlichen Produkte des Sammelkartenspiels von Dritten weggekauft und dann teurer auf Ebay  angeboten.

Allein über Ebay Deutschland wurden in den vergangenen drei Monaten originalverpackte Decks, Displays und Booster für insgesamt mehr als 855.000 Euro verkauft. Etwa die Hälfte dieser Summe floss im Zusammenhang mit »Pokémon«-Kartensets. 341.000 Euro wurden für »Yu-Gi-Oh!«-Sets ausgegeben, knapp 85.000 Euro für die von »Magic: The Gathering«.

Die Daten von Ebay Deutschland zeigen auch, wann der »Pokémon«-Hype auf der Plattform seinen bisherigen Höhepunkt hatte. So gab es Mitte Januar nur 152 Verkäufe pro Woche, Ende März aber 543. Für »Magic: The Gathering« ist ein vergleichbarer Trend nicht zu beobachten, bei »Yu-Gi-Oh!« dagegen stieg die Zahl der Verkäufe ebenfalls. Zuletzt gab es sogar mehr Verkäufe rund um »Yu-Gi-Oh!« als rund um »Pokémon«.

Wie es mit den Verkaufszahlen und Preisen auf Ebay weitergeht, ist schwer abschätzbar. Nach der Pandemie allerdings sollten die Hersteller und Händler von Karten Lieferketten wieder besser bedienen können, das könnte Entspannung in den Markt bringen.

Die Karten sind zum Spielen da

Das große Comeback der »Pokémon«-Karten wurde ohnehin entscheidend von bestimmten Streamern wie Logan Paul und Trymacs befeuert. Live auf Twitch oder als Aufzeichnung auf YouTube schauten ihnen Anfang des Jahres plötzlich viele Tausend Menschen dabei zu, wie sie Boosterpacks öffneten.

»Pokémon«-Karten waren auf Twitch bis dahin kein großes Thema, andere Sammelkartenspiele hingegen schon. »Yu-Gi-Oh!« zum Beispiel verzeichnete vor der Pandemie einen Rekord an Spielern und Spielerinnen auf offiziellen Turnieren und auch »Magic« erfreut sich trotz seines Alters immer noch großer Beliebtheit.

Auf Twitch profitierten beide Reihen kaum vom »Pokémon«-Hype. Sie hatten das aber auch gar nicht nötig, wie Zahlen der Website TwitchTracker zeigen: Ihre Zuschauerschaft war schon immer konstant hoch, was auch an den Digital-Ablegern der Sammelkartenspiele liegt, die unter anderem »Magic: The Gathering Arena« und »Yu-Gi-Oh! Duel Links« heißen.

Der König der Sammelkartenspiele auf Twitch blieb und bleibt aber mit Abstand Blizzards »Hearthstone«. Das im beliebten »Warcraft«-Universum angesiedelte Videospiel ließ sich nur bei der Spitzenanzahl an Zuschauern kurzzeitig von »Pokémon« vom Thron stoßen. Üblicherweise jedoch schauen viel mehr Menschen »Hearthstone«-Streams als Streams zu »Pokémon«-Karten.

Es ist mal wieder Zeit für ein Duell

Ich selbst habe letztlich entschieden, keine meiner alten Karten zum Verkauf anzubieten. Einerseits, weil ich nach meinem Fund im Kinderzimmer Lust darauf bekam, selbst mit den Karten zu spielen, am besten mit meinen Freunden von damals. Anderseits, weil ich preislich gesehen ohnehin eher Masse statt Klasse im Angebot hätte.

Das allerdings muss nicht bei jedem so sein. Ein Blick in alte Kartons und Sammelalben kann sich lohnen, sowohl bei »Pokémon«-Karten, als auch bei denen zu »Yu-Gi-Oh!« und »Magic: The Gathering«. Hier ist für alle Fälle noch eine Übersicht von englischsprachigen Karten, mit denen sich ordentlich Geld machen lässt, wenn man sie in der Sammlung hat.

Wollen Sie selbst die Verkaufschancen für eine bestimmte deutsche Karte zum Beispiel aus dem Jahr 1999 abschätzen, hilft ein Besuch auf der Website der PSA , einer wichtigen Bewertungsfirma für Sammelobjekte . Die Preise dort sind allerdings wesentlich höher als man sie auf Auktionsportalen findet, da der Zustand der Karten bereits bewertet wurde, wodurch sich ihr Wert enorm steigert.

Auf Ebay Deutschland können Sie mithilfe der erweiterten Suche  die Preise von verkauften Karten in den letzten drei Monaten abgleichen. Grundlegende Tipps zum Abschätzen des Wertes von Karten finden Sie auch hier bei Chip.de .

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