Politposse Wie Lord James die britische Wirtschaft retten wollte

Die britische Regierung braucht dringend Geld, da können ein paar geschenkte Milliarden nicht schaden. Das dachte sich ein Lord - und präsentierte im Oberhaus einen mysteriösen Wohltäter, der Britanniens Wirtschaft mit Gold retten wolle. Der Coup wurde schnell als Schwindel enttarnt.
House of Lords: Berüchtigt dafür, mitunter Kuriositäten zu produzieren

House of Lords: Berüchtigt dafür, mitunter Kuriositäten zu produzieren

Foto: MICHAEL STEPHANS/ AP

Im britischen Oberhaus herrscht kein Mangel an Exzentrikern, die ehrenwerten Lords sind bekannt für skurrile Auftritte. Doch was Lord James von Blackheath  sich in der Debatte über das Sparpaket der Regierung geleistet hat, war selbst für britische Adlige außergewöhnlich.

In einer langen Rede  erklärte der 72-jährige konservative Politiker am Montag, er habe über einen vertrauenswürdigen Mittelsmann aus der Londoner City ein Angebot erhalten: Eine reiche "Stiftung X" wolle der britischen Regierung fünf Milliarden Pfund schenken. Die Stiftung erwarte von der Regierung nichts im Gegenzug, sie wolle nur bei der Lösung der Wirtschaftskrise helfen. Bis Weihnachten, führte der Lord aus, stellten die uneigennützigen Gönner weitere 17 Milliarden Pfund für Schulen und Krankenhäuser in Aussicht.

Es sei nun allein an der britischen Regierung, das großzügige Angebot anzunehmen, sagte der Lord. "Ein ranghohes Regierungsmitglied muss nur die Einladung annehmen, den Vorsitzenden der Stiftung X anzurufen, und dann sind wir im Geschäft." Er sei ja nur "ein alternder, obsessiver Lord", fügte James hinzu. Aber dieses Thema sei zu groß, um es einfach zu ignorieren.

"Vollkommen echt und aufrichtig"

Lord James war offensichtlich begeistert von dem Beitrag, den er zur Haushaltssanierung der liberal-konservativen Koalition leisten konnte. In den vergangenen fünf Monaten habe er die "Stiftung X" geprüft und sei zu dem Schluss gekommen, dass sie "vollkommen echt und aufrichtig" sei, sagte er vor seinen verblüfften Kollegen im Oberhaus.

Damit nicht genug: Der umtriebige Lord ließ auch den Staatssekretär im Finanzministerium, Lord Sassoon, das Angebot prüfen. Er arrangierte ein Treffen eines Vertreters der "Stiftung X" mit dem Vorsitzenden des Oberhauses, Lord Strathclyde. Sogar der Gouverneur der Bank von England, Mervyn King, wurde mit der Sache befasst. Der habe ihm am Telefon jedoch gesagt "Get lost!" ("Lassen Sie mich in Ruhe"), sagte James.

Auch Lord Strathclyde war skeptisch. Er wandte ein, dass die Zahl der Goldbarren, die die Stiftung angeblich in Besitz hat, die Menge allen je geschürften Goldes auf der Welt übersteige. Dieses Argument sei jedoch falsch, sagte James im Oberhaus, das habe er im Internet gegoogelt. Wenn man sich die Reserven der Vatikanbank anschaue… - an dieser Stelle unterbrach der Sitzungsleiter den Redner und sagte, er sei in der fünfzehnten Minute und möge zum Schluss kommen.

James schaffte es immerhin noch, seine Qualifikation als Ansprechpartner für solche Milliardentransfers dadurch zu belegen, dass er schon Milliarden von Terrorgeldern der IRA und einer anderen Organisation gewaschen habe. Den Lachern im Oberhaus auf dieses Bekenntnis ließ er eine schräge Erklärung folgen, die er später in der Presse weiter vertiefte: Er habe im Auftrag von Regierung und Banken Scheinfirmen von Terrororganisationen abgewickelt und dabei aus deren schmutzigem Geld sauberes gemacht.

Eine Art gehobener "Nigeria-Scam"?

Es sei die "außergewöhnlichste Rede", die er je gelesen habe, schrieb der britische Blogger Hopi Sen , der sie am Dienstag öffentlich machte. Denn Lord James war bislang nicht als naiver Opa bekannt, der auf Internetbetrüger hereinfällt, sondern als ausgebuffter Finanzprofi mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Londoner City. Sein Urteil hat Gewicht, oder vielmehr, hatte Gewicht. Denn sein leidenschaftlicher Einsatz für die "Stiftung X" macht ihn nun zum Gespött im Londoner Parlamentsviertel Westminster.

"Es ist traurig, dass Lord James sich von einem ziemlich offensichtlichen und dummen Hoax hat hereinlegen lassen", kommentiert Polit-Blogger Hopi Sen.

Lord Myners von der Labour-Opposition nutzte die Gelegenheit, James nach Strich und Faden zu verspotten. Der ehrenwerte Kollege habe ohne Frage die Lösung für sämtliche Finanzprobleme der Regierung gefunden, sagte er im Oberhaus. Ob denn der Herr Staatssekretär erklären könne, wieso die Regierung nicht schon geantwortet habe. Darauf Staatssekretär Sassoon ironisch: "Natürlich nehmen wir jeden ernst, der in unsere Wirtschaft investieren will."

Noch mal 75 Milliarden obendrauf

In der britischen Blogospähre wurde sogleich vermutet, dass es sich bei der mysteriösen "Stiftung X" um das berüchtigte " United Nations Office of International Treasury Control " (UNOITC) handele. Die fiktive Organisation, die nichts mit der Uno zu tun hat, führt seit Jahren eine halbseidene, eigentlich lediglich virtuelle Existenz und macht Regierungen und Unternehmen unglaubliche Angebote - häufig in der Höhe von fünf Milliarden Dollar. Diese Summe bot die geheimnisvolle Organisation beispielsweise einst für den britischen Autobauer Rover - verkauft wurde der letztlich für etwa 50 Millionen Pfund.

Lord James hält jedoch an seinem Glauben fest, dass die "Stiftung X" eine legitime Organisation ist. "Ich bin überzeugt, sie ist echt", sagte er dem IT-Fachdienst ZDNet am Donnerstag. Es handele sich nicht um das UNOITC.

Gegenüber Sky News legte er noch einmal nach, stellte in Aussicht, dass "Foundation X" bis zu 75 Milliarden Pfund verleihen wolle, um Britanniens Schulden zu tilgen und dabei zu helfen, die Welt zu retten.

James beschrieb Stiftung X gegenüber Sky News als "riesige supranationale Ansammlung von Finanzmitteln", die Stiftung X über 100 Jahre angesammelt habe. Ihr Ziel sei es, die globale Wirtschaft und deren Mittel vor wachsender Instabilität zu retten. Als Leumund hätten sie eine "Liste, die Menschen von höchstem Profil auf der Weltbühne" umfasse, benannt. Deren Namen nennt der Lord genauso wenig wie den wahren Namen seiner "Foundation X".

Die skurrile Episode dürfte die Kritiker des Oberhauses in ihrer Forderung bestätigen, endlich die Lords auf Lebenszeit abzuschaffen. Für Blogger Hopi Sen  besteht der eigentliche Skandal darin, dass eine einzige, gut vernetzte Person mehrere Schlüsselfiguren der Regierung dazu bewegen kann, sich ernsthaft mit einem Internetschwindel auseinandersetzen.

Der unglückliche Lord James hingegen verdiene keinen Spott, sondern Mitleid: Es sei offensichtlich, dass man ihn entweder hochgenommen habe - oder er "nicht mehr ganz dabei" sei.

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