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Janne Knödler

Neuer Bericht über sexuelle Gewalt Die Chefs des Pornhub-Mutterkonzerns treten zurück

Janne Knödler
Ein Netzwelt-Newsletter von Janne Knödler
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Jahrelang leiteten zwei nahezu unsichtbare Männer das vielleicht größte Tech-Imperium, das niemand kennt: MindGeek. Nun räumen sie ihre Posten, was angeblich rein gar nichts mit illegalen Videos auf Pornhub zu tun hat.

Liebe Leserin, lieber Leser,

kennen Sie eigentlich die Chefinnen und Chefs der großen Tech-Konzerne?

Facebooks beziehungsweise Metas Mark Zuckerberg – leicht. Apples Tim Cook auch.

YouTubes Susan Wojcicki, Instagrams Adam Mosseri, Googles Sundar Pichai, Microsofts Satya Nadella – nicht ganz einfach, für die meisten Nerds aber ein Klacks.

Nur wer bitte kennt die Chefs von MindGeek?

Und wenn jetzt die nächste Frage lautet »Mind-Was?«, dann bin ich bei Ihnen. Erstaunlich eigentlich. Denn MindGeeks Seiten werden – nach eigenen Angaben – jeden Monat 4,5 Milliarden Mal besucht. In Deutschland liegt ein Angebot des Konzerns immerhin auf Platz 26  der meistbesuchten Websites. Direkt hinter der Tagesschau, noch vor Wetter.com. Die Seite ist Pornhub, und sie gehört, wie Dutzende andere, zu einem der mächtigsten Konzerne in einer der lukrativsten Ecken des Internets, der Onlinepornografie.

Am Dienstag kam heraus: Die beiden MindGeek-Chefs, Feras Antoon und David Tassilo, treten zurück. Nach fast einem Jahrzehnt im Job und kurz, nachdem das Magazin »The New Yorker«  eine Recherche über den Konzern veröffentlicht hatte.

So ganz neu sind deren Ergebnisse nicht. Der Artikel ist lang, gut recherchiert und beinhaltet viele Gesprächspartner (auch wenn sich die eine oder andere Person im Nachhinein von der Recherche distanzierte). Die Vorwürfe lauten:

Pornhub, das Flaggschiff des MindGeek-Konzerns, tue zu wenig gegen illegale Inhalte. Immer wieder landeten Videos von Menschen auf der Seite, die niemals dort sein wollten. Menschen, die nackt in Umkleiden gefilmt wurden, deren Ex-Partner heimlich aufgenommene Sex-Tapes veröffentlichen, Vergewaltigungsvideos. Inhalte von Minderjährigen. Alles illegal, alles unglaublich schädigend für die Menschen, die dort gezeigt werden. Häufig kämpfen die Opfer jahrelang für die Löschung der Videos – mit bestenfalls durchwachsenem Erfolg.

Reich geworden auch mit Videos, die Leben zerstörten

All das ist Brancheninsidern, Opfern und MindGeek selbst seit Jahren bekannt. In der Öffentlichkeit interessierte es lange nur wenige Menschen. Im Dezember 2021 dann veröffentlichte der »New-York-Times«-Kolumnist Nicholas Kristof seine Recherchen  dazu, was Pornhub eine Menge Ärger einbrachte, über den auch der SPIEGEL berichtete: Die Zahlungsdienstleister Visa und MasterCard zogen sich zurück , eine Petition, die Pornhubs Ende fordert , erreichte mehr als zwei Millionen Unterschriften. Und sie zwang die MindGeek-Chefs in die Öffentlichkeit. Zumindest ein wenig.

Endlich, kann man sagen. Denn jahrelang hatten es die beiden Männer, die reich wurden, während der lasche Umgang mit illegalen Inhalten andere Leben zerstörte, es geschafft, sich weitestgehend der Öffentlichkeit zu entziehen. Antoon, ein Kanadier mit grauem Bart und Geheimratsecken, kam als Schwager eines der Gründer zum Konzern. Damals, 2011, erzählte er noch bei Rib-Eye-Steaks  von den goldenen Anfängen des Imperiums: Dass man sich auf Frauen mit großen Brüsten spezialisierte etwa, weil die Nische »so billig« gewesen sei. Über sich selbst wollte er allerdings wenig verraten.

Über Tassilo ist noch weniger bekannt, außer, dass er Fan praktischer Steuersparmodelle ist. Sein Name taucht wiederholt in den Pandora Papers auf , einem gigantischen Datenleck, das offenlegt, wie Reiche und Konzernchefs ihr Geld in Steueroasen parkten.

Der letzte öffentliche Auftritt war eher ein unfreiwilliger

Gemeinsam führten die beiden den Konzern, der sich immer mehr von einem etwas amateurhaften Sammelsurium aus Porno-Buden zu einer sleeken, perfekt vertikal integrierten Porno-Contentmaschine entwickelte.  Keiner von ihnen hatten vorher viel mit Pornos zu tun. Tatsächlich sagte Antoon einmal fast etwas prahlerisch, dass er nicht einmal Sets betrat , als er das MindGeek schon leitete. Als wäre es ein Vorteil, das Business nicht zu kennen, in dem man arbeitet.

Einen ihrer seltenen öffentlichen Auftritte hatten die beiden unfreiwillig: Als Reaktion auf die Recherchen der »New York Times« lud das kanadische Parlament (MindGeeks Hauptsitz ist in Montreal) die beiden zu einer Anhörung  ein. Per Videocall sagten Missbrauchsopfer aus, im Anschluss versuchten Antoon und Tassilo in bestem Corporate-Sprech, den Fragen der aufgebrachten Parlamentarier auszuweichen. Man wisse nicht, wie viele Beschwerden es gegen Pornhub in den letzten Jahren gegeben habe. Darüber, wie Inhalte moderiert würden, könne man leider auch keine Angaben machen. Und obwohl man nichts falsch mache, wolle man sich bessern. Antoon: »Es tut uns sehr leid, falls dies Auswirkungen auf Opfer hatte.« Falls.

Pornhub-Website: »So billig«

Pornhub-Website: »So billig«

Foto: picture alliance / empics

Pornhub und MindGeek, sollte man wissen, sind – wenn auch weit von perfekt entfernt – nicht die schlimmsten Player im Onlineporno-Business. Konkurrent xhamster etwa, auch darüber haben wir schon berichtet , hat jahrelang seine Hintermänner versteckt, öffentliche Stellen an der Nase herumgeführt und seinen Aufstieg mit zweifelhaften Mitteln vorangetrieben. Pornhub immerhin erlaubt seit der »New-York-Times«-Recherche nur noch Uploads von verifizierten Nutzern , Millionen von Videos wurden gelöscht. Ein großer Schritt für eine Tube-Seite. Viele Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen kritisieren den Fokus von Medien und Aktivisten auf den Konzern, der immerhin Inhalte moderiert und Sexarbeiter anstellt.

Dass Tassilos und Antoons Ausstieg überhaupt etwas mit den im »New Yorker« wieder aufgedeckten Problemen zu tun gehabt haben soll, dementiert MindGeek: Der Schritt sei seit Anfang 2022 geplant gewesen. Vorübergehend, sagte ein Sprecher dem Magazin »Variety« , würde der Ersatz aus den eigenen Führungsetagen kommen. Langfristig sei man auf der Suche nach Ersatz.

Vielleicht ist das eine Chance, jemanden an die Spitze des Konzerns zu setzen, der sich tatsächlich für das Business, für Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter, für die Tücken der Moderation von Inhalten interessiert. Der auch mal ein Pornoset besucht. Vielleicht aber wird es bei MindGeek genauso intransparent weitergehen wie bisher. Gut möglich, dass eines der mächtigsten Pornounternehmen der Welt bald wieder von jemandem geleitet wird, den niemand kennt. Antoon und Tassilo bleiben fürs Erste Anteilseigner.

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Ich wünsche Ihnen eine sommerliche Woche,

Janne Knödler