Porno-Offerte Ist Napster bald Poppster?

Einst leitete Napster den P2P-Boom ein, bevor die Pionierfirma - trotz Kooperationen mit einzelnen Unternehmen - der Rache der Branchenverbände erlag. Jetzt bleibt Napster nichts als der berühmte Name - und an dem zeigt sich ein Pornounternehmen interessiert.

Was macht man mit einer Firma, deren einst glänzender Ruf durch einen quälenden Gerichtsmarathon mit abschließender Zwangsschließung gründlich ramponiert ist? Die zwei Jahre verzweifelt versuchte, die einst so zahlreiche "Kundschaft" Monat um Monat zu vertrösten und bei der Stange zu halten? Das Musik verbreiten wollte und doch nichts als nostalgische T-Shirts zu bieten hatte? Dessen dereinst innovative Software längst rechts und links überholt und als P2P-Konzept letztlich veraltet ist?

Man schließt sie.

Als mit dem offiziellen Rückzug von Bertelsmann die schon viel zu lang dauernde Totenmesse für Napster ihren Höhepunkt erreichte, reagierten die Betreiber genau so: Noch am selben Tag schickte der Vorstand die Belegschaft nach Hause. Die Fahne hoch hält nun allein ein kleines Team, das nichts mehr zu tun hat, als die "Assets" des Unternehmens zu verkaufen: Viel mehr als Marke, Web-Adresse und die weiterentwickelte Software ist das nicht mehr.

Napster ist groggy, platt, kaputt - von den ehemaligen Fans längst vergessen, für die Industrie längst überflüssig. Die zeigt mittlerweile mit eigenen Musikdiensten und neueren technischen Lösungen, wie man den freien, aber wahrscheinlich illegalen Tauschbörsen keine Konkurrenz macht.

Aber eine international bekannte Marke und Adresse sind ja schon was - und genau für die interessiert sich nun das spanische Unternehmen Privat Media. Das handelt mit nackten Tatsachen, und das sogar an der Börse. Eine Million Aktien bot Private Media Napster nun als Preis, und die sind derzeit immerhin rund 2,4 Millionen Dollar wert. Am Donnerstag flatterte Napster das Angebot ins Haus, geantwortet, sagt Private Media, hat darauf noch niemand.

Pornografie: Nach wie vor eine heiße Ware im Web

Dabei wären die Pornografen so gern auch offiziell dabei im Kreis der P2P-Gemeinde. Ähnlich wie Musik- und Filmindustrie geht der Pornobranche seit langem der nackte Allerwerteste auf Grundeis.

Abgesehen von Musik wird wohl nichts so häufig "kostenfrei" im Web verteilt wie nackte Tatsachen. Der Gedanke, mit einer geschlossenen, kommerziellen P2P-Börse zumindest an der Verteilung der "weggefundenen" Dateien zu verdienen, ist da durchaus nahe liegend.

Charles Prast, Chef von Private, sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Napster zu kaufen ist unser Ansatz, den P2P-Markt mit einem geschlossenen Modell anzugehen."

Was die Napster-Software heute noch wert ist, machte Prast ebenfalls klar: kein Interesse, null, nada - die könnte Napster gern behalten. Da setze die Porno-Industrie lieber auf eine eigene Lösung, die derzeit bereits "von mehreren großen Unternehmen" gemeinsam entwickelt werde.

Das klingt nach mächtig viel Schmuddelkram - schon Private gilt als weltweit größter Pornohändler -, aber auch nach Sinn und Verstand.

Denn das Modell zeigt einen Weg auf: Statt eine Börse nur als Verteilplattform zu sehen, will Private seinen Usern den Datentausch tatsächlich erlauben. Vorausgesetzt, die Rechtehalter des getauschten Materials sitzen mit im Boot, hätten sie auch finanziell etwas davon, dass die User im Rahmen der P2P-Börse auch noch die Vertriebskosten mit übernähmen. Private will die Börse als Verkaufsplattform nutzen, über Abogebühren ist bisher nichts bekannt. Das klingt dünn, allerdings sind die laufenden Kosten der Branche vergleichsweise gering: Auch das Problem von Tantiemenzahlungen an Künstler ist in der Pornobranche wohl weniger verbreitet.

Die Nachricht vom Gebot für Napster machte schnell die Runde. Noch schweigt Napster, doch ob das Unternehmen sich das wirklich leisten kann, bezweifeln Analysten wie Mike McGuire von GartnerG2: "Wenn das ernst gemeint ist, dann fiele es Napster wohl nicht leicht, das Angebot abzuschlagen." Denn jetzt besitze Napster vor allem eines: viel rote Tinte. "Persönlicher Stolz", meint McGuire, sei da ein schwaches Argument gegen ein ernst zu nehmendes Gebot.

Denn über einen übergroßen Ansturm potenzieller Käufer kann sich Napster nicht wirklich beklagen: In der Entertainment-Branche gilt die Marke als verbrannt.

Frank Patalong

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