Fabian Reinbold

Pranger im Internet Feuert die Idioten nicht!

In den sozialen Medien regiert die sofortige Empörung - da kann ein einziger dummer Satz schnell den Job kosten. Dabei sollten Arbeitgeber mit Augenmaß strafen und gelassen abwarten, bis der Shitstorm vorüberzieht.
Facebook-Diskussion: Dieses Bild hatte der Lehrling kommentiert, es folgte der Rausschmiss

Facebook-Diskussion: Dieses Bild hatte der Lehrling kommentiert, es folgte der Rausschmiss

Foto: Screenshot Facebook Freiwillige Feuerwehr Feldkirchen

Erinnern Sie sich an den Porsche-Lehrling? Sein Fall liegt schon eine gute Woche, also umgerechnet zwei bis drei Empörungszyklen, zurück. Danach beherrschten vor allem ein löwenjagender Zahnarzt und, wie alle paar Monate, der "Bild"-Briefeschreiber Franz Josef Wagner  die Debatten im Netz. Der Porsche-Lehrling jedoch lohnt einen zweiten Blick. Sein Fall steht exemplarisch für ein neues Phänomen.

Der 17-Jährige aus Österreich machte eine Ausbildung zum Kfz-Techniker. Dann meldeten Aktivisten, die Ausländerfeinde enttarnen wollen, seinem Arbeitgeber einen Satz, den der Jugendliche auf Facebook geschrieben hatte. Der Satz war unfassbar dumm, menschenverachtend, keine Frage. Porsche (wohlgemerkt: nicht der deutsche Autobauer, sondern der gleichnamige österreichische Autohändler) handelte schnell, nahm sich selbst aus der Schusslinie, indem er den Azubi vor die Tür setzte. Was für ein feiger Zug.

Es hat sich etwas verschoben im Netz. Die Empörten, die regelmäßig ihre Stimme im Namen der Moral erheben und ihrer Ohnmacht Ausdruck verleihen wollen, sind selbst mächtig geworden. Sie kegeln längst nicht mehr nur Politiker aus dem Amt, sondern führen auch jene der öffentlichen Bestrafung zu, die sie selbst zu diesem Zweck erst an die Öffentlichkeit gezerrt haben. "Feuert den Idioten!" lautet ihr Schlachtruf, wenn jemand einen ausländerfeindlichen, homophoben oder sexistischen Satz von sich gegeben hat.

Und manche Mächtige wirken dagegen plötzlich nahezu ohnmächtig. Dass der größte Autohändler Europas vor einem Trüppchen Netzschnüffler kuscht, das ist neu.

Die Klagen über den wütenden Mob im Netz mehren sich, richten sich aber fast immer in die falsche Richtung. Der Mob soll sich zivilisieren, ist zu hören. Klingt gut, wird aber nicht passieren. Es ist die andere Seite, die sich ändern muss: Unternehmen, Verbände, Universitäten - sie alle reagieren auf die Hysterie im Netz mittlerweile genauso überdreht wie die Serienempörer, die im Namen der Moral rollende Köpfe fordern. Sicher, auch die Medien schnitzen sich aus der öffentlichen Aufregung bequem Geschichten. Aber diejenigen, die Verantwortung tragen, sollten endlich lernen, mit dem Shitstorm zu leben. Drei Lektionen:

1. Der Shitstorm gehört dazu

Die sozialen Medien schaffen eine neue Öffentlichkeit, sie wirken als fünfte Gewalt, und das ist gut so. Die Debatten im Netz bereichern die Demokratie, gerade dann, wenn Leute ihre Stimme gegen Unrecht erheben.

Dass es mittlerweile so schrill und so atemlos geworden ist, hat damit zu tun, dass manche der Aktiven längst zu "Empörungsjunkies" (so nennt sie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen) geworden sind. Sie sind besonders laut, schießen sich auf den Deppen des Tages ein, wittern immer neue Skandale, über die sie jene von gestern schnell wieder vergessen. Konstruktiv ist das nicht, aber logisch: Die sozialen Medien sind ganz auf das Bedürfnis nach Zustimmung zugeschnitten. Für den emotionalen Schnellschuss, für den persönlichen Angriff gibt es die meisten Retweets und Likes. So weit, so menschlich. Daran sollte man sich erinnern, wenn es mal wieder brodelt.

2. Durchatmen! Nicht hyperventilieren!

Jeder kann vom Proteststurm getroffen werden, das ist die neue Normalität. Auch wenn Kommentare im Minutentakt einprasseln: für Verantwortliche einer Firma ist das kein Grund, in Schnappatmung zu verfallen. Studien zeigen, dass Unternehmen nach Shitstorms so gut wie nie wirtschaftliche Schäden erleiden. Warum also die Panik?

Natürlich gilt es, Kritik ernstzunehmen, und die meisten Stürme der Entrüstung haben einen konkreten Anlass. Aber: Der Shitstorm zieht vorüber, in fast allen Fällen geschieht das nach 48 Stunden. Spätestens dann wird die Debatte, wenn sie überhaupt noch lebt, ausgeglichener. Oder sie dreht sich in eine ganz andere Richtung. Aktuelles Beispiel: Merkel und das Flüchtlingskind. Mit etwas Abstand erschien die herzenskalte Kanzlerin vielen plötzlich doch ganz vernünftig.

Und auch während dieser Zeit wirken die Proteststürme gerade unter dem Brennglas Twitter größer, als sie sind. In Deutschland etwa ist der Dienst nicht mehr als eine Nische für mehrheitlich progressive Aktivisten, Politiker und Journalisten. Wenn es also mal wieder heißt, dass Twitter explodiert, dann bedeutet das nur: die Filterblase ist so eng, dass ein paar Dutzend gut Vernetzte genügen, um ihrer Erregung den Anschein eines Orkans zu verpassen. Wer sich öfter im Kurznachrichtendienst herumtreibt, merkt: Es sind oft dieselben Leute, die sich montags über Löwenjäger aufregen und mittwochs über Wagner.

Es ist also aktionistisch, wenn - ein Fall aus dem Juni - ein Forscher schon 24 Stunden, nachdem er einen Altherrenwitz auf einer Konferenz in Seoul gerissen hat, gezwungen wird, seinen Lehrauftrag in London aufzugeben.

3. Auch Idioten brauchen Verteidiger

Wenn die Empörungsjunkies die Rolle der Fahnder und der Ankläger übernehmen - und am allerliebsten noch jene des Richters -, muss auch jemand den Verteidiger geben. Im Fall des Porsche-Azubis hätte das sein Arbeitgeber übernehmen müssen. Das erste Statement hätte so aussehen können: "Wir verurteilen den Kommentar unseres Lehrlings. Für Fremdenhass ist bei uns kein Platz. Wir suchen noch heute das Gespräch mit ihm." Der Applaus der Empörten wäre wohl leiser ausgefallen.

Stattdessen, der 17-Jährige hatte sich noch entschuldigt für den Satz, sagte ein Porsche-Sprecher: "Der Lehrvertrag wurde mit sofortiger Wirkung vorzeitig beendet. Wir lehnen jegliche Art der Diskriminierung ab. Dieser Vorfall hat uns zum Handeln gezwungen." Das war selbst dem Anführer der Netzschnüffler, der Porsche auf den Fall gestoßen hatte, zu hart: "Eine Verwarnung hätte gereicht", sagte der Prangeraufseher, der seinen Namen zurückhält. Doch die Verantwortlichen hatten sich für Ausgrenzung entschieden.

Im Mai, also quasi vor Urzeiten und längst vergessen, brach die Empörung über eine Kolumnistin eines Lokalblattes herein. Sie hatte einer verunsicherten Mutter den verkrampften Rat gegeben, die Kinder bei der Hochzeit eines schwulen Paares nicht mitzunehmen. Ihre Zeitung "Westfalenblatt" versuchte am ersten Tag der Empörung noch, sich inhaltlich zu verteidigen. Am zweiten Tag erklärte sie die Zusammenarbeit mit der Kolumnistin für beendet. Was für ein Einknicken für eine Zeitung, die doch von der öffentlichen Debatte lebt!

Ausschluss widerspricht dem Prinzip der offenen Gesellschaft

Bedeuten die drei Lektionen nun, dass wir uns in Zukunft einfach entspannen sollen, wenn gepöbelt und gehetzt wird? Natürlich nicht. Es ist wichtig, dagegen die Stimme zu erheben. Die NDR-Journalistin Anja Reschke hat in den Tagesthemen gefordert , ausländerfeindliche Äußerungen "an den öffentlichen Pranger" zu stellen und dafür viel Applaus bekommen. Es geht genau um solche Sätze wie des Porsche-Azubis. Reschkes Losung, die jetzt oft geteilt wird: "Mund aufmachen, Haltung zeigen."

Das Motto ist richtig, es gilt aber genauso andersherum - also für die Fälle, in denen die Empörungsjunkies über das Ziel hinausschießen. Diejenigen, die Verantwortung für Angeprangerte tragen, dürfen dann nicht in Panik verfallen, sondern müssen auch den Mund aufmachen und Haltung zeigen. Sonst greift eine Kultur der unmittelbaren Bestrafung und Verbannung um sich.

Ein panischer Ausschluss jener, deren Meinung, deren Hetze wir aus gutem Grund ablehnen, widerspricht dem Prinzip einer offenen Gesellschaft, für die sich viele Engagierte eigentlich einsetzen. Im Gegenteil, die Jobverlustbestrafung lädt weiter zur Radikalisierung ein. Es bleibt ein seltsames Gefühl, wenn ein einziger Satz auf Facebook über die Zukunft eines 17-Jährigen entscheidet.

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