Prankvideos auf YouTube Irritieren, schockieren, polarisieren

Halloweenstreiche, das ganze Jahr: Auf YouTube liegen sogenannte Prankvideos im Trend. Filmemacher führen darin nichtsahnende Passanten vor, testen die Grenzen des Erlaubten - und überschreiten sie.

Krusty der Clown
ddp images/ interTOPICS/ Capital Pictures

Krusty der Clown

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Zwei Freunde haben eine Autopanne und werden entführt. Die fremden Männer bringen sie weg von der Straße, dann zieht einer der Entführer eine Waffe und erschießt eines der Opfer. Sein Freund schreit in Todesangst, bricht in Tränen aus. Der vermeintlich Tote steht auf, lacht: Sie haben dem Freund nur einen Streich gespielt, "just a prank".

Im Internet hat sich schnell ein Video dieses vermeintlichen Spaßes der jungen Engländer verbreitet. Auf YouTube ist es mittlerweile gelöscht, aber auf einer anderen Plattform steht es noch online. Denn viele Internetnutzer lieben solche Clips. Mittlerweile gibt es Millionen von Prankvideos im Netz, in denen Menschen ihren Mitmenschen teils üble, teils harmlose Streiche spielen.

Auch deutsche YouTuber wie Leon Machère mischen mit. Der Videomacher, der eigentlich Rustem Ramaj heißt, ist auf YouTube als "Pranker" bekannt. Er dreht Videos, in denen er eine falsche Realität vortäuscht und damit Leute reinlegt, auf Englisch: prank. In einem Video gibt er sich als Polizist aus, fährt mit Blaulicht durch Hamburg und kontrolliert die Ausweise fremder Menschen. Pranker wie Machère wollen irritieren, provozieren - und vor allem Klicks sammeln.

Belohnung für Zuschauer und Macher

Laut dem Psychologen Michael Thiel geht es bei den Pranks um das Gefühl der Schadenfreude. Sich über andere lustig zu machen, aktiviere in unserem Gehirn die Glückshormone. Das gelte auch für den Zuschauer, bei dem über sogenannte Spiegelneuronen ähnliche Gefühle aktiviert werden. Es fühlt sich für ihn so an, als wäre er direkt dabei, sagt Thiel.

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Schlechte Scherze: Wie für YouTube geprankt wird

Den Prankern fehlt Empathie

Dass sie in ihren Videos regelmäßig Grenzen überschreiten, sei nicht nur aus psychologischer Sicht eine gefährliche Sache, sagt Thiel. "Unser Gehirn gewöhnt sich an Reize und irgendwann fehlt der Kick." Wer nicht polarisiert, langweilt seine Zuschauer.

Die Pranker würden dabei die Konsequenzen ihrer Streiche ausblenden - ihnen fehle die Empathie für ihre Opfer. Der Videomacher kalkuliere die Reaktionen genau ein. "Genau darum geht es in den Videos: Die Pranker benutzen Leute", sagt der Psychologe. "Ein Verhalten, das auch Psychopathen attestiert wird."

Streiche enden vor Gericht

Wie ein Prank aus dem Ruder laufen kann, zeigte auch jüngst der Fall des Hamburger YouTubers ApoRed. Er wurde wegen eines Pranks zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. In einem geschmacklosen Video versetzte er Passanten in Todesangst, als er vortäuschte, eine Bombe bei sich zu tragen: "30 Sekunden habt ihr alle Zeit. Rennt lieber, wenn euer Leben was wert ist."

Nicht jeder darf gefilmt werden

Laut dem Kölner Anwalt Eberhard Reinecke gilt die Faustregel: "Ein Pranker macht sich schuldig, sobald er die Rechte einer anderen Person mit seinem Streich verletzt." Wenn in ihren Videos Körperverletzung, Hausfriedensbruch oder Diebstahl zu sehen sind, müssten die Videomacher mit einer Strafe rechnen.

Komplizierter wird es beim Persönlichkeitsrecht der im Video zu sehenden Personen. "Zufällig anwesende Passanten sind eher nicht geschützt", sagt der Jurist. Dies gelte insbesondere, wenn in der Öffentlichkeit gefilmt wird. "Holt der YouTuber aber stehenbleibende Passanten ins Bild, um beispielsweise den Erfolg seiner Aktion zu belegen, könnte sich die Sache schon anders darstellen."

Klarer ist der Fall für die Opfer der Streiche, die in den Videos zu sehen sind. Der Urheber muss sie informieren, dass sie in seinem Video auftauchen. Hat er keine dokumentierte Zustimmung, obwohl die Gesichter klar zu erkennen sind, kann das Video juristische Folgen haben. Es liege jedoch an der betroffenen Person selbst, Anzeige zu erstatten, erklärt Anwalt Reinecke.

Die Profis sichern sich ab

Das Persönlichkeitsrecht bei Drehs beschäftigt auch die Produktionsfirmen von Fernsehshows. "Generell werden Einverständniserklärungen im Vorfeld eingeholt", erklärt Simone Lenzen, Sprecherin von Endemol Shine. Wenn spontan gedreht wird oder Personen überrascht werden, würden die Teams anschließend fragen. "In beiden Fällen ist es so, dass die gefilmten Personen über das Format und die Auswertung des gedrehten Materials im Rahmen der Einverständniserklärung informiert werden."

Zu der Produktionsfirma Endemol Shine gehören unter anderem die Formate mit den Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, "Wer wird Millionär?" und "Big Brother".

Gibt es eine solche Einverständniserklärung nicht, sind die Kläger vor Gericht meistens erfolgreich, so Anwalt Reinecke. Wenn Personen in besonders peinlichen Situationen auftauchen, käme es häufig zu einer Entschädigungszahlung. Eberhard Reinecke spricht von Summen zwischen 5000 und 10.000 Euro. An deutschen Gerichten seien Klagen zum Persönlichkeitsrecht immer häufiger Thema, sagt der Anwalt. Das liege auch an der Popularität der Prankvideos.



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