Sound-Bibliotheken Wie Presets moderne Musik prägen

Vielen Musikern ist es zu umständlich, Klänge mit Synthesizern selbst zu formen. Sie nutzen lieber die Voreinstellungen, die Presets, die bis heute die Popmusik beeinflussen.

Roland Germany

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Die ersten Presets gab es in den Synthesizern der Siebzigerjahre. Die von den Herstellern in ihre Geräte programmierten Klänge sollten eigentlich nur zeigen, welche Sounds mit den elektronischen Instrumenten möglich sind. Heute werden elektronische Musikinstrumente oft mit Hunderten solcher Presets geliefert. Das spielt Musikern in die Hände, die keine Lust haben, sich mit der komplizierten Klangformung zu beschäftigen. Für ihre Musik nehmen sie einfach die ab Werk mitgelieferten Sounds. So prägen Presets bis heute, wie Popmusik klingt.

Einer der sich damit auskennt, ist Mate Galic. Auf dem Hamburger Reeperbahn Festival sprach der technische Leiter des Softwareherstellers Native Instruments (NI), der in den Neunzigern erfolgreicher Techno-DJ war, über die Einflüsse von Presets auf Musik.

Zum Beispiel wie der TB-303-Synthesizer von Roland in den Achtzigern maßgeblich den Sound des Acidhouse definierte. "Da ging es gar nicht so sehr darum so viel Sounddesign zu machen, sondern das war einfach so minimal - man musste das einfach ein bisschen missbrauchen und dann hat das einen neuen Sound gemacht", so Galic. Bis heute hat der Sound des TB-303 einen hohen Wiedererkennungswert.

Eines der bekanntesten Beispiele für die Nutzung fertiger Sounds ist der DJ Skrillex. Durch die Nutzung von Presets hat er ein Gerne geprägt: Dubstep. Für seine Songs nutzte Skrillex einen virtuellen Synthesizer von NI. "Auf gewisse Art und Weise haben wir ihn mit einigen Presets inspiriert. Aber auch er hat eine ganze Generation von Produzenten inspiriert und auch maßgeblich einen Sound definiert, obwohl er Presets benutzt hat", sagt Galic.

Der von Presets beeinflusste elektronische Sound in Kombination mit Rock- und Pop-Elementen hat elektronische Musik in den USA stadionfähig gemacht. Acht Grammys hat Skrillex in den vergangenen Jahren bekommen.

"Um tolle Musik zu machen, muss man nicht seine eigenen Instrumente entwickeln", sagt Galic. "Sondern man muss sich ein paar Instrumente heraussuchen und lernen, diese zu beherrschen." Das gelte auch für elektronische Musikinstrumente.

Eine Verbindung von Musik und Technologie

Vor 30 Jahren brauchte man noch viel technisches Verständnis, um mit einem Synthesizer arbeiten zu können. "In den Achtzigern gab es Instrumente wie den DX7 von Yamaha, der so schrecklich zu bedienen war, dass er nur durch die Presets gelebt hat und dadurch sehr bezeichnende Sounds erzeugt hat, weil die Leute mit genau denen gearbeitet haben", sagt Galic. Viele Menschen würden den metallischen Sound des DX7 deshalb mit der Musik der Achtzigerjahre verbinden.

Das Beispiel macht deutlich, wie eng die Arbeit eines Künstlers an die Entwicklung von Musiktechnik gekoppelt ist. Ohne die aktuellen Computer und Software, hätte auch Skrillex nicht seinen typischen Sound.

Deshalb haben auch diejenigen, die Presets kreieren, viel Einfluss auf die Wiedererkennbarkeit der von ihnen bestückten elektronischen Musikinstrumente - und manchmal auch auf die Klänge einer musikalischen Ära. Heute arbeiten im Hintergrund regelrechte Klangforscher, "die auf der Suche nach etwas sind, das man so noch nie gehört hat", so Galic.

Demokratisierung der Musik

Die Technologie jedenfalls macht es heute leichter, Musik zu produzieren, die zumindest technisch besser klingt als noch vor drei Jahren. Viele Musiker sind dazu übergegangen, statt echter Instrumente deren elektronische Imitationen zu verwenden. Selbst Filmmusiken für Hollywoodproduktionen werden zum Teil am Rechner erstellt.

Die technologische Entwicklung hat aber auch ihre Tücken. Das Live-Erlebnis mit einem Künstler, der mit einem Rechner musiziert, ist wenig mitreißend. Nicht ohne Grund sind solche Musiker als Knöpfchendrücker verschrien.

Mate Galic glaubt, dass die Entwicklung von Hardware für Software-Musikinstrumente deshalb wieder an Bedeutung gewinnen wird. "Seien es jetzt Dinge, die man anfassen kann oder Dinge in der virtuellen Welt", sagt Galic, denn nach seiner Meinung wird es nicht mehr lange dauern, bis Musik im virtuellen Räumen an virtuellen Musikinstrumenten entsteht. Für die Live-Präsentation würde so etwas ganz neue Möglichkeiten bieten - und ganz neue Schwierigkeiten.



insgesamt 25 Beiträge
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davornestehtneampel 02.10.2016
1.
Im ersten Video ist übrigens schön zu sehen, dass die TB-303 gerade keine auf Knopfdruck abrufbaren Presets hat, sondern immer den Sound produziert, der der aktuellen Einstellung der Drehregler entspricht... :)
3-plus-1 02.10.2016
2. Das ist schon seit
Faszinierend, jetzt ist in der Pop-Kultur die Erkenntnis angekommen, die man aus der Demo-Szene des Commodore Amiga Homecomputers schon in den 1980ern kannte. Während vorher die Soundchips der Homecomputer direkt programmiert werden mussten, machte es der Soundtracker von Karsten Obarski auf dem Amiga zum ersten Mal möglich aus Digi-Schnipseln mit wechselnder Tonhöhe auf vier Audiokanälen selber sehr speicherplatzsparende Musiken zu komponieren: Soundmodule, kurz MODs. Zu den im Artikel beschriebenen Sythesizern hatten nicht viele Jugendliche Zugang, zu einem Amiga mit Soundtracker aber schon und so entstanden unfassbar viele MODs, die bei Demos oder Spielecrack-Intros zum Einsatz kamen. Der Effekt war aber derselbe: Obwohl theoretisch alles möglich war, wurden doch meist die Sounds auf den ersten Effektdisketten des Soundtrackers eingesetzt ... und so klangen die Intromusiken dann auch. Typisch Amiga und auch heute noch wiedererkennbar. Kein Wunder also, wenn der gleiche Effekt auch bei den Produzenten im Studio mit etwas zeitlicher Verzögerung eingesetzt hat, zumal es ja auch Überschneidungen gab und gibt. So hat sich z.B. Timbaland für den Mix von "Do It" für Nelly Furtado ganz ungeniert bei dem Amiga-MOD "Acidjazzed Evening" bedient. Auch Hardy Hards "The Silver Surfer entstammt dem Amiga-MOD "Beams of Light". Also, wenn da schon so schamlos kopiert wird, erwarte ich erst gar nicht, dass heutige Komponisten über die Presets der Keyboards hinaus gehen und da bisher unbekannte Effekte herauskitzeln, wie das etwa Alan Wilder zur besten Zeit von Depeche Mode noch gemacht hat. Von echte Kreativpionieren, wie Kraftwerk, Jean-Michel Jarre oder Harold Faltermeyer fange ich da gar nicht erst an.
3-plus-1 02.10.2016
3. Das ist schon seit
Faszinierend, jetzt ist in der Pop-Kultur die Erkenntnis angekommen, die man aus der Demo-Szene des Commodore Amiga Homecomputers schon in den 1980ern kannte. Während vorher die Soundchips der Homecomputer direkt programmiert werden mussten, machte es der Soundtracker von Karsten Obarski auf dem Amiga zum ersten Mal möglich aus Digi-Schnipseln mit wechselnder Tonhöhe auf vier Audiokanälen selber sehr speicherplatzsparende Musiken zu komponieren: Soundmodule, kurz MODs. Zu den im Artikel beschriebenen Sythesizern hatten nicht viele Jugendliche Zugang, zu einem Amiga mit Soundtracker aber schon und so entstanden unfassbar viele MODs, die bei Demos oder Spielecrack-Intros zum Einsatz kamen. Der Effekt war aber derselbe: Obwohl theoretisch alles möglich war, wurden doch meist die Sounds auf den ersten Effektdisketten des Soundtrackers eingesetzt ... und so klangen die Intromusiken dann auch. Typisch Amiga und auch heute noch wiedererkennbar. Kein Wunder also, wenn der gleiche Effekt auch bei den Produzenten im Studio mit etwas zeitlicher Verzögerung eingesetzt hat, zumal es ja auch Überschneidungen gab und gibt. So hat sich z.B. Timbaland für den Mix von "Do It" für Nelly Furtado ganz ungeniert bei dem Amiga-MOD "Acidjazzed Evening" bedient. Auch Hardy Hards "The Silver Surfer entstammt dem Amiga-MOD "Beams of Light". Also, wenn da schon so schamlos kopiert wird, erwarte ich erst gar nicht, dass heutige Komponisten über die Presets der Keyboards hinaus gehen und da bisher unbekannte Effekte herauskitzeln, wie das etwa Alan Wilder zur besten Zeit von Depeche Mode noch gemacht hat. Von echte Kreativpionieren, wie Kraftwerk, Jean-Michel Jarre oder Harold Faltermeyer fange ich da gar nicht erst an.
postfach22767 02.10.2016
4. naiv
"Viele Musiker sind dazu übergegangen, statt echter Instrumente deren elektronische Imitationen zu verwenden." Der Artikel zeigt in erster Linie, dass sich die Autorin das erste Mal damit auseinandergsetzt und keinen Überblick hat.
Ringmodulation 02.10.2016
5. Chance vertan
Aus diesem Thema hätte man sehr viel machen können, wenn die Ablösung der analogen Synthesizer durch digitale Geräte (zeitlich grob zu verorten zu Beginn der 80er Jahre) irgendwie zur Sprache gekommen wäre. Wo doch Roland schon genannt wurde, hätte man sehr schön zeigen können, wie der Übergang von AX zu DX im Namen der Keyboards das Ende einer Ära markierte. Die Klangsuche mittels Drehregler auf Moog und Oberheim war die Spezialität des (hauptsächlich) Progressive-Rock, während die Popstars der 80er einfach die angesagten Klänge ihrer Zeit verwendeten, und das waren Presets der Keyboards. Zudem ist es nicht gerade leicht, auf einem digitalen Synthesizer einen neuen, angenehmen Klang zu ertüfteln. Ansonsten noch: Techno-DJs der 90er zur Musik der 70er zu befragen bietet kaum Aussicht auf eine realistische Einschätzung, da hätte man die Zeitgenossen von Kraftwerk fragen müssen. Gefallen hat mir die Charakterisierung von Dubsteb als "Gerne" -- möchtegerne.
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