Protest gegen Primark: "Konsumtempel, den kein Mensch braucht"

Dieser Beitrag wurde am 01.11.2018 auf bento.de veröffentlicht.

Ein rotes Oberteil für 6 Euro, eine schwarze Hose mit Knopfleiste für 16 Euro: Billige Arbeitskräfte in Schwellenländern machen solche Preise für Mode erst möglich. Weil das viele im Alltag verdrängen, haben Aktivistinnen und Aktivisten am vergangenen Samstag in Berlin protestiert, vor einer neuen Filiale des Ramsch-Riesen Primark. Sie brachten einen Sarg mit.

Worum ging es beim Sarg-Protest vor Primark?

Vor dem riesigen Laden am Bahnhof Zoo hatten die Aktivistinnen zur besten Shopping-Zeit am Samstag Papiertüten mit blauen Kreuzen aufgebaut – wie Grabsteine. Eine schwarz verhüllte Frau schob einen als Sarg umgebauten Kinderwagen und legte Blumen nieder, in Primark-Blau und mit 3-Euro-Preisschild.

Von ihrer Aktion haben die Aktivisten ein Video ins Netz gestellt. Zu sehen sind fröhliche Shopper in Berlin und verzweifelte Menschen, die 2013 in Bangladesch Angehörige verloren hatten. Damals war eine Textilfabrik eingestürzt, in der unter anderem für Primark, Walmart und Benetton genäht wurde. Mehr als 1000 Menschen starben 

Wer steckt dahinter?

Das Künstlerkollektiv Rocco und seine Brüder . Auch das komplett möblierte Zimmer in einem Berliner U-Bahn-Tunnel (hier geht's zum Video ) und die "Wehrmacht-Stolpersteine" vor der AfD-Zentrale in Berlin gehen auf ihr Konto.

Anlass für die Sarg-Aktion sei die Eröffnung des neuen Primarks ein paar Tage zuvor gewesen, erzählen sie uns. Es ist der dritte Primark in Berlin und nach Ansicht der Roccos "ein neuer Konsumtempel, den kein Mensch braucht – oder brauchen sollte".

Hier ist das Video der Protestaktion:

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Ist die Situation in der Herstellung von Kleidung wirklich so schlimm wie im Video?

In vielen Ländern leider ja. Hier sind ein paar Fakten:

  • Um günstige Ware anbieten zu können, lassen viele Marken ihre Kleidung billig im Ausland produzieren. Billig bedeutet vor allem: extrem niedrige Löhne für die Beschäftigten vor Ort und oft auch sehr schlechte Arbeitsbedingungen
  • Um beim Beispiel im Video zu bleiben: Allein in Bangladesch arbeiten 3,5 bis 4 Millionen Menschen in der Kleidungsfertigung. Davon sind die meisten Frauen und fast alle dieser Jobs sind prekär. (BGMEA University )
  • Der gesetzliche Mindestlohn liegt dort umgerechnet bei etwa 84 Euro im Monat – für einen Vollzeitjob. (Reuters 
  • Bei dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes 2013 in Sabhar nahe der Hauptstadt Dhaka starben 1135 Menschen und 2438 wurden verletzt. Zu den Auftraggebern der Fabrik gehörten viele Bekleidungsgeschäfte, darunter Primark.
  • Die Katastrophe hat die weltweite Aufmerksamkeit auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen in der Kleidungsindustrie von Bangaladesch gelenkt. Danach versprach die Industrie Verbesserungen. Doch auch fünf Jahre später sind die Bedingungen nicht viel besser. (Tagesschau )
  • Die Regierungen in den Ländern stehen in der Verantwortung, Standards zu setzen. Doch Aktivistinnen kritisieren auch die Unternehmen in den Industrieländern, die durch den Kampf um das billigste Produkt die Gehälter und Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern bestimmten. 
  • Organisationen wie Human Rights Watch versuchen, die Unternehmen zu Transparenz zu bewegen und ihre Produktionskette öffentlich zu machen (NPR ). Der Gedanke dahinter: Wenn man weiß, in welchen Fabriken Unternehmen ihre Klamotten herstellen lassen, kann man sie auch unter Druck setzen, dort bessere Arbeitsbedingungen zu verlangen.

Wie haben Shopper auf den Protest reagiert?

"Die Menschen haben massenweise fotografiert, diskutiert und geguckt", schreiben uns die Aktivisten. Sie wollen bei einigen Shoppern sogar Schuldgefühle bemerkt haben.

Was sagt Primark?

Im Video hört man, wie ein Sicherheitsmann die schwarz verhüllte Frau mit dem Sarg-Kinderwagen aus dem Geschäft wirft. Man sieht außerdem, wie Mitarbeiter die "Grabsteine" auf der Verkehrsinsel wegräumen. Nichts sollte den Shopping-Samstag stören.

Wir haben bei Primark nachgefragt. Ein Sprecher sagte uns, dass sich Primark über einen Dialog mit den Aktivisten freuen würde. Man halte hohe Standards in der Lieferkette ein, trotz der günstigen Endprodukte. Die Menschen, die sie herstellen, würden anständig behandelt und fair bezahlt.

Primark hat im Frühjahr 2018 eine Liste seiner Lieferanten  veröffentlicht. So lässt sich zum Beispiel nachsehen, in welchen 522 Fabriken in China und 93 Fabriken in Bangladesch für Primark produziert wird.

Was stimmt nun? 

Die niedrigen Preise für Wegwerf-Mode bedeuten, dass Menschen für wenig Geld arbeiten. Spätestens seit der Katastrophe in Bangladesch achten Unternehmen stärker auf ihre Lieferkette. Sie wollen nicht in den Verdacht geraten, den Tod von Menschen in Kauf zu nehmen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Näherinnen und Näher nun plötzlich gut behandelt werden.

Am Ende bleibt es natürlich jedem selbst überlassen, wo man einkaufen geht. Aber wer sich fragt, wie nachhaltig und fair die Lieblingsmarke ist: Die Plattform "Rank a Brand " ist ein guter Startpunkt, es herauszufinden.

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