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17. September 2002, 11:09 Uhr

Problem gelöst

Klebrige CDs kann man nicht klauen

Der verzweifelte Kampf der Musikindustrie gegen Raubkopien und P2P treibt inzwischen groteske Blüten. Die US-Firma Epic verschickt fest in CD-Player eingeklebte CDs an Musikjournalisten, damit die die Hits nicht vorab unters Volk bringen können. Oder ist das alles nur Werbung?

Legale CDs: Die Industrie bietet von jedem neuen Werk eines Künstlers fertig gebrannte, hübsch gestaltete CDs an - und künftig dazu so manches Leckerli
DPA

Legale CDs: Die Industrie bietet von jedem neuen Werk eines Künstlers fertig gebrannte, hübsch gestaltete CDs an - und künftig dazu so manches Leckerli

Es gibt Methoden, die klingen zunächst einmal teuer: Wenn das US-Label Epic etwa hingeht und Musikjournalisten zu jeder neuen Scheibe obendrein mit einem CD-Player beglückt. Nicht, dass man damit etwas anfangen könnte: Fest zugeleimt sind die Geräte, die Kopfhörer angeklebt, und drinnen dreht sich folglich einsam und bis ihre Beschichtung erodiert eine einzige Silberscheibe. Die erreicht den Musikjournalisten bereits vor der Veröffentlichung - und genau hier liegt der Hase im Pfeffer.

Denn Musikjournalisten sind verdächtig, Top-Neuheiten schon vor der Zeit unters Volk zu bringen. Und das noch nicht einmal aus Gewinnstreben, sondern ganz kostenfrei, per P2P. Wie sonst wäre Eminems Neue so früh unter den KaZaA geraten, hätte man Coldplay früher im Jugendheim als im Plattenladen hören können, Grönemeyer sowieso?

"Offensichtlich", kommentiert solche Untaten trocken eine Sprecherin von Epic, "haben wir ein Problem mit Piraterie." Und versiegelte CD-Player zu verschicken, sei eben eine Methode, dieses Problem anzugehen.

Keine besonders taugliche, meinen dazu Branchenexperten: Erstens lassen sich viele CD-Player auch von hinten aufschrauben, zweitens sei das alles doch nur eine Farce und schiebe das Problem nur auf. Wenn Musikjournalisten die Songs nicht weitergäben, dann besorgten das schon Radio-DJs, Kopierwerk-Angestellte - und vielleicht sogar manchmal die Musikfirmen selbst, um den Karrieren abgehalfterter Noch-Stars noch einmal einen letzten Push zu verleihen. Spätestens mit der Veröffentlichung einer neuen Scheibe landeten die Songs - Kopierschutz hin oder her - doch wieder in den P2P-Börsen.

Das wird nun auch mit Pearl Jams neuem Album "Riot Act" und Tori Amos' "Scarlet's Walk" geschehen - und vielleicht weit schneller, als wenn man die Rezensions-Vorabs nicht in CD-Player geklebt hätte. Denn eine

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bessere Werbung hätte sich Epic kaum ausdenken können: Zu den heißest erwarteten Top-Acts gehören die Perlenmarmelade und die leicht abgefahrene Pianistin schon länger nicht mehr.

Ihre neuen Produkte publikumswirksam zur heißen Ware zu stilisieren mag da helfen - genauso, wie Universals neueste Pläne, Musikliebhaber wieder davon zu überzeugen, dass Original-CD besser seien als "gezogene" Dateien.

Das will Universal beweisen, indem das Unternehmen jede CD ausgerechnet des neuen Bon-Jovi-Albums "Bounce" mit einem individuellen Code versieht, mit dessen Hilfe der legitime Käufer in den Genuss geldwerter Vorteile kommen soll. Am Vorab-Kauf von Konzertkarten soll er zum Beispiel teilnehmen dürfen, aber auch Zugang zu speziellen Downloadbereichen bekommen, in dem bisher unveröffentlichte Bonusstücke von Bon Jovi warten.

Solche Aktionen regelte in Deutschland bis vor kurzem die Beipackverordnung: Das sind Rabatte, Werbegeschenke, Bonbons zur Belohnung.

Warum auch nicht? Die Industrie steht vor der Wahl, ihre Produkte wieder so attraktiv aufzuwerten, dass sie ihre Käufer halten kann, oder aber massiv und mit juristischen Mitteln gegen ihre eigenen Kunden vorzugehen. Längst wird in Branchenverbänden laut darüber nachgedacht, und in den USA laufen tatsächlich schon erste Prozesse zwischen RIAA und Serviceprovidern, die die Identitäten ihrer Kunden nicht offen legen wollen.

Noch experimentiert die Industrie mit Zuckerbrot und Peitsche, doch schon jetzt zeigt sich, dass sie dabei ältesten Gepflogenheiten des Handels treu bleibt: Die Peitsche zückt man, um seine Pfründe zu verteidigen, Zuckerbrot gibt's als Dreingabe zum potenziellen Ladenhüter - und am Tag darauf bei KaZaA?

Frank Patalong

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