Profi-Gamer "Fatal1ty" 70.000 Dollar Jahreseinkommen

Johnathan Wendel ist ein Profi-Killer. Er macht sein Geld, indem er "fraggt" und metzelt: Unangefochten führt er zur Zeit die Weltranglisten der Quake-Spieler an. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über den Alltag eines Profi-Gamers und warum er eigentlich zu wenig verdient.

Die Karriere des Johnathan Wendel begann einigermaßen überraschend im Oktober 1999. Damals war er 18 Jahre alt, ein ziemlich guter Quake-Spieler und wollte mal ein großes Turnier ausprobieren. Also fuhr er von seinem Elternhaus in Missouri nach Dallas im US-Bundesstaat Texas: Dort fand im Hyatt Regency das alljährliche "Frag"-Turnier der Quake-3-Elite statt. Johnathan belegte den dritten Platz, dotiert mit 4000 Dollar, und war fortan ein gemachter Mann.

"Von da an wurde ich überall eingeladen", erzählt der inzwischen 21-jährige Amerikaner mit dem Spielernamen "Fatal1ty". "Ich fuhr zu einem Turnier nach Schweden. Es war für die Top-Twelve-Player der Welt, und ich war einer davon. Ich kam hin und habe alle geschlagen. 18 Spiele hintereinander gewonnen".

"Sein" Spiel heißt Quake 3 und ist Legende: Das indizierte Metzelspiel ist die neueste Version der Mutter aller Ego-Shooter. Quake ist eine Weiterentwicklung aus Doom, das Anfang der Neunziger erstmals ein breites Publikum mit einer Spielform vertraut machte, die Sozialarbeitern graue Haare wachsen lässt: Nonstop im Dauerstress wird da geballert, was das Zeug hält. In Deutschland darf für diese Metzelorgien aus dem Hause id Software nicht geworben werden.

In den Jahren 2000 und 2001 gewann Wendel die Quake-3-Championship der Cyberathlete Professional League (CPL). Das ist der höchste Titel, der in der Welt des First-Person-Shooter-Games vergeben wird. Als zweimaliger Weltmeister wurde Johnathan in die 1997 begonnene "Hall of Fame" der CPL aufgenommen. Auch in der aktuellen Weltrangliste mit 122 Spielern liegt "Fatal1ty" auf Platz eins.

Johnathan brüstet sich gern mit seinen Erfolgen. Fünf Minuten nach Beginn des Gesprächs zählt er seine Trophäen auf: Im Dezember gewann er einen Ford Focus XS3 ("Yeah, I won a car, a 30.000 dollar value") - dafür, dass er bei "Aliens vs. Predator 2" unschlagbar war. Auch ein Motorrad hat er mal erspielt ("eine Suzuki, das beste Motorrad der Welt, Einzelhandelspreis 12.000 Dollar"). Immer alles vom Feinsten, das ist ihm wichtig zu betonen. Insgesamt hat er nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren rund 150.000 Dollar verdient, Sponsorengelder inklusive. Genau weiß er es nicht. "Ich zähle es nicht."

Johnathan Superstar?

Seine Lebensweisheit, die er sich im Laufe des Profi-Daseins angeeignet hat, geht ungefähr so: "Du musst es ihnen zeigen. Dann bezahlen sie für alles, Reisen, Hotels, Essen." Einer von "denen" ist sein Sponsor, der Maus-Hersteller Razor. Auch die Medien haben sein Ego kräftig gefüttert. "Ich war schon auf CNN, Tech TV, lokalen Sendern. Auch wenn ich nach Deutschland komme, bin ich in den Nachrichten." Weil er schon mal im Fernsehen war, glaubt er, dass viele Menschen seinen Namen kennen: "Ich schätze, so 50 bis 100 Millionen", sagt er.

Johnathan Superstar - das ist das Bild, was er von sich selbst zeichnet. Der Spielergott, zu dem sie alle aufschauen. "Ich bekomme E-Mails von Gamern aus aller Welt, die meine Demos (aufgezeichnete Quake-Matches, die Red.) gesehen haben. Sie schreiben: Wow, das war einfach unglaublich, was du da gemacht hast. Sie sind hin und weg, können es nicht glauben, weil ich fast das Unmögliche schaffe." So unschuldig kommt seine jugendliche Übertreibungslust daher, dass er schon wieder sympathisch ist.

Sitzsportarten: "Spieler schwitzen sogar"

Rund 200 Millionen Gamer gibt es auf der Welt. 30 Millionen davon sind laut CPL Profi-Material. Seit ihrer Gründung 1997 fordert die "Liga der Cyberathleten", Videospielen als legitime Sportart anzuerkennen. Angeln und Schach gälten schließlich auch als Sport. "Videospieler schwitzen sogar", sagt Angel Munoz, Gründer der CPL. Er möchte die Liga zur NBA der Videospieler machen - komplett mit Teams, Sponsoren und Fernsehübertragungen. Eine zweite Liga, die Professional Gamers League (PGL), die das Gleiche vorhatte, hat jedoch bereits wieder dichtgemacht.

Mit Stars wie Johnathan soll der "Sport" attraktiv gemacht werden. Zu den Turnieren kommen bereits bis zu 2000 Zuschauer. Doch bisher können nur wenige Spieler ihren Lebensunterhalt mit Videospielen verdienen. "Du musst die Nummer eins sein", sagt Johnathan. Neben ihm gebe es vielleicht noch 20 Spieler, die eine "annehmbare Summe" machten, "so 10.000 bis 20.000 Dollar pro Jahr". Die Konkurrenz ist groß, und die Spiele ändern sich ständig. Zuletzt hat die CPL auch unter der Rezession gelitten. "Business is slow, es gibt weniger Turniere", sagt Jonathan.

In seinem kurzen Leben hat Johnathan bereits einiges durchgemacht: "Wolfenstein 3D, Doom, Doom 2, Quake, Quake 2, Quake 3", zählt er auf - jedes der Spiele ist indiziert, was für Gamer einer Empfehlung gleichkommt, dass es dabei um "guten Stoff" geht.

Jedes Mal, wenn die Kultfirma id Software einen Upgrade des Shooter-Games veröffentlicht, beginnt der Lernprozess von vorn. Bis zu einem Jahr dauert es, bis Johnathan in dem neuen Spiel genauso gut ist wie in dem alten: Es dauert ein halbes, junges Leben, bis man es zur Nummer eins bringt.

Acht Stunden tägliches Training, Leben in der Videowelt, für Beziehungen "keine Zeit": Der Preis, die Nummer eins zu sein. "Fatal1ty" will das auch bleiben, für immer: Der Beginn eines Spielerlebens? Weiter...

Sein allererstes Videospiel probierte er "so 1985": Nintendo Mario Brothers. Da war er vier Jahre. "Tagsüber habe ich Sport getrieben und nachts gespielt", beschreibt er seine Kindheit. Ihn interessierten alle Spiele, "alles, was mit Wettbewerb und Action zu tun hat". Basketball, Football, Hockey, "ich bin ziemlich gut in allem". In der High School sei er Kapitän des Tennis-Teams gewesen.

Schach hingegen kann er nicht ernst nehmen. "Was ist schon so schwierig daran, ein Steinchen in einen Kasten zu setzen?", fragt er. Ihn beeindrucken nur motorische Leistungen; wahre Genies zeichnen sich durch gute Reflexe aus.

Seit er Profi-Gamer ist, hat Johnathan kaum noch Zeit für Sport oder, wie er sagt, "anderen Sport". Täglich trainiert er acht Stunden, vor Turnieren auch mehr. Einen Monat bereitet er sich auf die großen Turniere vor. Drei bis vier spielt er pro Jahr. Die Veranstalter sind meist die CPL, QuakeCon oder id Software. Die Preissumme beläuft sich regelmäßig auf über 100.000 Dollar, der Sieger bekommt oft 30.000 Dollar. Nebenher macht Johnathan, was er "Business stuff" nennt: Telefonieren mit seinem Agenten, E-Mail-Interviews mit Gaming-Websites, ab und zu ein "echtes" Interview ("so wie mit dir jetzt").

Besessen: Ein Leben für die Daddelei

Für ein amerikanisches Kid aus der Provinz ist er viel gereist. Er war schon in Köln, in Schweden, in Singapur, in Holland. Wo er hinkommt, warten die Medien - das zumindest ist sein Eindruck. Jede Reise dauert bis zu sechs Wochen. Johnathan mag sein Leben, vier Monate des Jahres in der Welt unterwegs, den Rest zu Hause in Lee's Summit im US-Bundesstaat Missouri.

Manchmal nimmt er sich seinen mit Werbestickern übersäten Ford Focus und fährt für ein langes Wochenende in den Nachbarstaat Nebraska zu Freunden. "Wir schließen uns ein und spielen fünf Tage und Nächte durch", schwärmt er. Auch kleine Turniere spielt der Champ noch, die, wo es nur um 200 Dollar geht. Einfach, weil es Spaß macht. Eine Freundin hat er seit 2000 nicht mehr: "Für so was habe ich keine Zeit."

Vergangenen Monat ist Johnathan zu Hause ausgezogen. Er hatte bei seinem Vater James gelebt, sein kleiner Bruder Jeffrey bei der Mutter Judy. Jetzt wohnt Johnathan vorübergehend bei einem Freund und dessen Mutter. Damit er jemandem zum Spielen habe, erklärt er.

Im Sommer will er nach Minnesota ziehen, um als Profi-Gamer in einem Videospielladen in der "Mall of America" zu arbeiten. Der PR-Gig in dem größten Einkaufszentrum des Landes hängt allerdings noch davon ab, ob er den Ein-Jahres-Vertrag bekommt. "Mein Agent handelt das gerade aus."

Eine Zeitlang war er auch auf dem College, DeVry in Kansas City. Das hat er jedoch schnell aufgegeben. "Die Professoren waren ziemlich unflexibel, wenn ich zu einem Turnier nach Schweden musste", sagt er. Um zu unterstreichen, dass das keine Fehlentscheidung war, fügt er hinzu: "Vier Monate nachdem ich weg war, habe ich 40.000 Dollar an einem Wochenende gewonnen."

Das Videospielen ging nicht ohne Kämpfe zu Hause ab. Einmal nahmen sie ihm den Computer weg. "Meine Mutter sagte: Jetzt reicht's", erinnert sich Jonathan. Volle acht Monate blieb der Computer im Schrank. Als Ersatz spielte der damals 16-Jährige Tennis: "Jeden Tag." Seine Mutter findet die Videospielerei bis heute nicht gut. Sein Vater hingegen hat nichts dagegen. Schließlich verdient Johnathan gutes Geld.

Über seine Zukunft macht sich Johnathan keine Sorgen. Anders als bei Tennis oder Football gebe es keine Altersgrenze für Profi-Gamer. Obwohl, wenn er darüber nachdenkt: Alle ernst zu nehmenden Gamer sind Anfang 20 oder jünger. "Ein paar 30-Jährige sind auch noch ganz fit", sagt er gönnerhaft. Aber die Reflexe scheinen doch nachzulassen.

Noch ein Fall könnte ihm zu denken geben: Denn Johnathan ist nicht der erste Quake-Star. Ende der Neunziger dominierte Dennis "Thresh" Fong die Szene. Er wurde damals der "Michael Jordan of Gaming" genannt. Er fuhr auch nicht Ford Focus, sondern Ferrari - so wie John Carmack, der legendäre Quake-Erfinder. Dennoch ist "Thresh" schnell in Vergessenheit geraten, nachdem er sich 1999 mit 21 Jahren zur Ruhe setzte und auf sein Internetportal Gamers.com konzentrierte.

Doch Johnathan ficht das nicht an: Er will spielen, solange es ihm Spaß macht. Für die Zukunft schwebt ihm Consulting vor, für Spielehersteller und sonstige Tech-Firmen. Im Moment entwickelt er ein neues Mousepad. "Ich will mein Leben in den Dienst der Gaming-Community stellen", sagt er pathetisch. Dass er mit Daddeln so viel Geld verdient, findet er vollkommen gerechtfertigt. "Hey, es steckt mehr Geld in unserer Branche als in Hollywood. Und wir sind wie die Superstars von Hollywood."

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