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28. November 2018, 12:06 Uhr

Projekt Dragonfly

Google-Mitarbeiter protestieren gegen zensierte Such-App für China

Google-Angestellte fordern die Unternehmensführung auf, das Projekt Dragonfly nicht weiter zu verfolgen. Die angeblich geplante zensierte Such-App für China würde einen "gefährlichen Präzedenzfall schaffen".

Erneut regt sich bei Google interne Kritik an hauspolitischen Vorgängen. Im Frühsommer hatten mehrere Tausend Mitarbeiter eine Petition gegen Googles Kooperation mit dem US-Verteidigungsministerium im Project Maven unterzeichnet, einige deswegen sogar gekündigt. Anfang November hatten Zigtausende Angestellter in aller Welt aus Protest gegen Googles Umgang mit Sexismusvorwürfen kurzzeitig die Arbeit niedergelegt. Nun verlangen Google-Mitarbeiter zum wiederholten Mal die Beendigung von "Project Dragonfly" - der Entwicklung einer zensierten Such-App für China.

Mehr als 200 Ingenieure, Designer und Manager haben dazu einen offenen Brief unterschrieben, in dem sie Googles Führung dafür kritisieren, bisher nur unzureichend auf die Bedenken von Mitarbeitern sowie Menschenrechtsorganisationen eingegangen zu sein.

"Wir lehnen Technologie ab, die den Mächtigen hilft, die Verwundbaren zu unterdrücken, wo auch immer sie sein mögen", heißt es in dem Brief. Die chinesische Regierung sei "sicherlich nicht die einzige, die bereit ist, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken". Das Projekt Dragonfly könnte einen "gefährlichen Präzedenzfall schaffen, der es Google schwerer machen würde, anderen Ländern ähnliche Zugeständnisse zu verweigern".

"Wir verdienen es zu wissen, was wir entwickeln"

Die App für das mobile Betriebssystem Android soll angeblich den Zensurvorschriften der kommunistischen Führung in Peking entsprechen und in China gesperrte Websites und Suchbegriffe etwa zu Menschenrechten, Demokratie oder Religion sperren. Googles normale Suchmaschine ist in China seit 2010 offiziell nicht mehr verfügbar, weil sie den Vorgaben der Regierung entgegensteht. CEO Sundar Pichai hat indes nie einen Hehl daraus gemacht, dass er auf dem großen chinesischen Markt präsent sein will.

Viele der Unterzeichner würden für Google arbeiten, weil sie angenommen hätten, das Unternehmen würde seine Werte über den Profit stellen, heißt es in dem offenen Brief weiter. Das sei aber offenbar nicht länger der Fall. Google sei zu mächtig, um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden: "Wir verdienen es zu wissen, was wir entwickeln, und wir verdienen ein Mitspracherecht in so wichtigen Entscheidungen".

Bereits im August hatten mehr als 1000 Mitarbeiter der Geschäftsführung einen Brief geschrieben, in dem sie ihre Bedenken zu dem China-Projekt äußerten. Auch mehrere US-Abgeordnete hatten Informationen zu dem Projekt verlangt.

Googles Management wiederholte auf Anfrage von US-Medien, was es schon zuvor mitgeteilt hatte: Man sei nicht kurz davor, ein Suchprodukt auf den chinesischen Markt zu bringen. Auch von chinesischer Seite heißt es bisher stets, ein entsprechender Google-Dienst sei in absehbarer Zeit unrealistisch.

pbe/Reuters

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