Prosus kauft Stack Overflow Investmentfirma übernimmt Programmierer-Portal für 1,8 Milliarden Dollar

Wer nicht zur Szene gehört, hat davon noch nie gehört. Doch für Millionen Entwickler ist Stack Overflow ein unverzichtbares Werkzeug. Jetzt wechselt die Plattform den Besitzer. Was bedeutet der Deal?
Wer immer professionell programmiert, hat Stack Overflow zu schätzen gelernt. Wird die Übernahme daran etwas ändern?

Wer immer professionell programmiert, hat Stack Overflow zu schätzen gelernt. Wird die Übernahme daran etwas ändern?

Foto: Stack Overflow

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Die Nachricht überraschte Millionen Softwareentwickler weltweit: Der europäische Technologie-Investor Prosus übernimmt die in New York ansässige Onlineplattform Stack Overflow, die das Handwerk des Programmierens im vergangenen Jahrzehnt grundlegend verändert hat. 1,8 Milliarden Dollar ist Prosus der Deal wert. Bis zum Herbst soll die Übernahme abgeschlossen sein.

Dabei ist Stack Overflow der breiten Öffentlichkeit fast unbekannt. Doch für Softwareentwickler ist das Onlineangebot fast unverzichtbar geworden. Hier können sie Fragen stellen wie: »Wieso wird mein PHP-Programm nicht ausgeführt?« Oder: »Wie stelle ich sicher, dass eine E-Mail-Adresse korrekt eingegeben wurde?«. Wann immer ein Entwickler nicht weiterkommt, ist ein Blick auf Stack Overflow angesagt – egal, ob es um das Programmieren von Webseiten oder Software für komplexe Industrieanlagen geht.

Anders als bei manch anderen Frageportalen und sozialen Plattformen dominiert bei Stack Overflow nicht das Halbwissen: Wer qualifizierte Fragen stellt, kann auch mit qualifizierten Antworten rechnen. Die enthalten nicht nur kluge Ratschläge, sondern oft auch fertigen Programm-Code, den die Fragesteller direkt in ihre Programme kopieren können.

Das Feedback der Plattform wird so sehr geschätzt, dass es bereits Studien gibt, wie man dort Fragen so stellt , dass sie auch sicher beantwortet werden. Auf der anderen Seite gibt es die Sorge, dass die dort kopierten Code-Schnipsel negative Auswirkungen  auf die Softwaresicherheit haben. Der Popularität schaden diese Bedenken allerdings nicht: Über 100 Millionen Aufrufe verzeichnet Stack Overflow pro Monat, alle 14 Sekunden wird eine neue Frage gestellt.

Reputation siegt

Möglich wurde der Erfolg durch ein ausgeklügeltes Bewertungssystem: Wer einen funktionierenden Lösungsweg anbietet, wird aufgewertet. Wer hingegen am Thema vorbeiredet, wird abgestraft. Mittlerweile schauen auch Personalabteilungen von großen Konzernen darauf, welche Reputation bestimmte Entwickler bei Stack Overflow haben und verteilen demgemäß Jobangebote. Oder sie schalten ihre Stellenanzeigen direkt auf der Plattform.

Geld verdient das Portal zum einen mit Werbung, zum anderen mit Dienstleistungen für Profis. Konzerne wie beispielsweise Siemens, Microsoft oder Chevron zahlen für Team-Funktionen bei Stack Overflow und können von dem dort in 13 Jahren gesammelten Wissen profitieren. Der Basis-Dienst ist jedoch kostenfrei, sodass sich auch Programmier-Anfänger bedienen können.

Milliarden aus Chinageschäften

Das soll auch so bleiben. Firmengründer Joel Spolsky verspricht : »Die gesamte Firma bleibt so, wie sie jetzt ist – wir haben lediglich neue Eigentümer«. Das Führungspersonal bleibe an Bord, radikale neue Änderungen soll es nicht geben. Spolsky hat sich allerdings bereits vor Jahren aus dem täglichen Geschäft zurückgezogen.

Wie auch Stack Overflow ist der neue Eigentümer Prosus in der Öffentlichkeit kaum bekannt, hat aber im Internet einen riesigen Fußabdruck hinterlassen. So gehört der Investmentfirma ein knappes Drittel des chinesischen Internetkonzerns Tencent. Laut »Wall Street Journal « hat der Mutterkonzern die Anteile im Jahr 2001 für gerade einmal 34 Millionen Dollar eingekauft. Als Prosus im April ein Prozent von Tencent verkaufte, brachte das 14,6 Milliarden Dollar ein.

Mit dem Geld geht Prosus auf Einkaufstour. Neben Stack Overflow hat das Unternehmen bereits in Udemy, Brainly und CodeAcademy investiert, allesamt Spezialisten für Onlineschulungen. Das Investmentunternehmen setzt darauf , dass der Trend zu Homeoffice und mobilem Arbeiten auch nach der Coronapandemie anhalten wird.

Die Entwickler-Community reagiert mit vorsichtigem Misstrauen auf die Übernahme von Stack Overflow durch Prosus. »Die Investoren wollen irgendwann einen Ertrag für ihre Investments sehen«, schreibt  ein Stack-Overflow-Nutzer. »Und sie wollen wahrscheinlich Teile der Firma für mehr Geld verkaufen«. Auf der ebenfalls bei Entwicklern beliebten Nachrichtenplattform Slashdot ist der Spott  schärfer: »Hier kommt die Paywall!«, lautet einer der bestbewerteten Kommentare.

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