Protest im Internet Riesenwut auf #S21-Polizeieinsatz

Augenzeugen berichten, aus dem ganzen Land kommen Solidaritätsadressen: Im Internet entladen sich Wut und Frust über den Polizeieinsatz gegen die "Stuttgart 21"-Gegner. SPIEGEL ONLINE über die Diskussion im Netz.
Twitter-Website: Wut auf Politik und Polizei im Sekundentakt

Twitter-Website: Wut auf Politik und Polizei im Sekundentakt

"Warnung: Nicht mit Kastanien werfen - sonst kommt die Polizei mit Knüppel, Wasserwerfer & Reizgas", so fasst ein Twitter-Nutzer  den gestrigen Übergriff von Einsatzkräften auf die weitgehend friedlichen Demonstranten im Stuttgarter Schlossgarten zusammen. Viele flüchten sich in Ironie: "Die hessische und bayerische Bereitschaftspolizei hat einen heldenhaften Sieg über die 9. Klasse der Waldorfschule errungen", schreibt Christian S. , und Angelo V . fragt: "Demonstranten sind so unfassbar laut und zeigen sogar den Stinkefinger. Was bleibt einem da, außer Wasserwerfer, Knüppel und Tränengas?"

Über den Kurznachrichtendienst entlädt sich die Wut auf die politisch Verantwortlichen. Am Freitagvormittag kommen zeitweise jede Minute hundert neue Nachrichten mit dem Tag #s21  für "Stuttgart 21" hinzu. Es ist das beherrschende Thema der Stunde.

Neue Proteste werden koordiniert, Informationen über Polizeikontrollen über Personenkontrollen in Zügen in Richtung Stuttgart ausgetauscht. Vor allem aber drücken viele Nutzer ihre Wut und ihr Unverständnis aus. Dass Politiker am Freitag ausgerechnet die Demonstranten auffordern, friedlich zu bleiben, empfinden sie als puren Hohn: "Vielleicht sollte sie das ihrem Innenminister sagen", schreibt Freddie H. 

"Schaffe, schaffe, Scheißle baue"

Ein Link zum ZDF-Interview  mit Landesinnenminister Heribert Rech wird herumgereicht, in dem der CDU-Politiker noch am Abend der Übergriffe von Moderatorin Marietta Slomka befragt wird - und keine besonders gute Figur macht. "Rücktritt" ist dann auch das freundlichste, was im Zusammenhang mit Rech zu lesen ist.

Nur wenige äußern Verständnis für den Polizeieinsatz. "Wer x Aufforderungen der Staatsgewalt keine Folge leistet & sich nicht v. Steinewerfern distanziert, kriegt auch mal auf die Fresse", höhnt jemand über den Twitter-Account  eines "unabhängigen Blogs zur Unions-Politik". Doch solche provokativen Wortmeldungen sind am Freitag klar in der Minderheit. Stattdessen wird gefragt, warum auf der Demonstration vermummte Polizisten  eingesetzt wurden. Außerdem wollen Demonstranten bei Einsatzkräften spezielle, mit Quarzsand gefüllte Handschuhe entdeckt haben  , die eigentlich verboten sind.

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"Stuttgart 21": Wasserwerfer gegen Demonstranten

Foto: dapd

Es geht nicht nur um Details, sondern auch um das große Ganze: "Am Bahnhofsbau wird festgehalten, weil einmal beschlossen, am Atomausstieg konnte man aber was ändern - Doppelmoral der #CDU", wundert sich Thomas T.  - und Johannes R.  geht noch einen Schritt weiter: "Alle die behaupten, dass #S21 demokratisch entschieden und damit unumkehrbar ist müssen sich JETZT gegen die #AKW Verlängerung einsetzen!" Der Berliner Komiker Bov Bjerg ätzt:  "Schaffe, schaffe, Scheißle baue!"

"Der alte Nachtwächterstaat mit seinen Methoden"

Auf der Facebook-Seite von SPIEGEL ONLINE  antwortete eine Augenzeugin auf die Frage, ob der Polizeieinsatz angemessen gewesen sei: "Nein! (...) Ich könnte heulen. Ich hab 14-jährigen Mädchen das Reizgas aus den Augen gespült, ich hab einen Mann gesehen, der sein Augenlicht verloren hat, bewusstlose Menschen die weiter 'gepfeffert' werden, Hunderte Zwangsgriffe, Schläge mit Stöcken und Fäusten, ausgeführt von Beamten, die nicht zu identifizieren waren. Und keinen einzigen geworfenen Stein!"

Andere Nutzer werfen ein, dass die Demonstranten Zeit genug gehabt hätten, den Platz freiwillig zu räumen. Kinder und Jugendliche seien von Erwachsenen für den Protest "instrumentalisiert" worden. Ein Nutzer entgegnet: "Anstatt sich darüber zu freuen, dass Schülerinnen und Schüler sich gesellschaftlich und politisch engagieren, werden diese von der Staatsmacht niedergeknüppelt und mit Pfefferspray 'behandelt'. Man will zwar immer den mündigen Bürger, aber wenn er nicht spurt, dann kommt der alte Nachtwächter-Staat mit seinen Methoden."

Mehr als 500 Facebook-Nutzer beteiligten sich innerhalb kürzester Zeit an der Debatte, tausendfach wurde der Artikel "Bürgerkrieg im Schlossgarten" weiterempfohlen.

ore
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