Protest-Satire Die Meute meckert über das neue Facebook-Gesicht

Beispiellose Revolte: Millionen Nutzer des größten sozialen Netzwerks begehren gegen dessen Neugestaltung auf. Weil alles etwas anders aussieht, krakeelen Facebook-Mitglieder - die meisten in einer Gruppe, die sich bei genauerem Hinsehen als Satire entpuppt. Nur: So genau schaut da keiner hin.

Zur Demo kommt man bei Facebook ganz schnell: Ein Bekannter lädt ein, doch bitte Mitglieder der Gruppe "Wenn 10 Millionen mitmachen …" zu werden. Die Aufforderung kommt per Mail, ein Mausklick auf den Link "Um mehr Details zu sehen und der Einladung zu folgen" genügt - man protestiert. Wofür und wogegen man ist - darüber steht in der E-Mail nicht mehr als "bringt das alte Facebook zurück".

Das alte Facebook, damit meint die Meute das größte Menschelnetz mit, laut eigenen Angaben, hundert Millionen aktiven Mitgliedern - und zwar so wie es vor ein paar Wochen noch aussah. Dann haben die Macher ihre Seite umgestaltet, ein paar Knöpfe verschoben, eine Navigationsspalte entfernt, einige Funktionen versteckt und andere prominenter plaziert - eine spürbare Umgestaltung, aber nicht unbedingt eine Katastrophe.

Doch dagegen protestieren derzeit Millionen von Facebook-Nutzern. Die meisten in der Gruppe "Wenn 10 Millionen mitmachen …", die in den vergangenen Tagen rund 100.000 neue Mitglieder pro 24 Stunden-Intervall gewonnen hat. In ihrer Empörung haben die Protestler übersehen, dass sie in dieser Gruppe als Statisten an einer Protest-Satire mitwirken.

Denn liest man einmal genauer, was da eigentlich der Gründer der Protestgruppe schreibt, wird schnell klar, dass er entweder ziemlich dämlich ist oder - und das ist etwas plausibler - einen perfiden Humor hat und 1,8 Millionen Facebook-Mitgliedern einen Streich gespielt hat.

Wer zur Hölle ist "Marc Zomberg"?

Stutzig könnte man schon beim Namen der Protestgruppe werden: "Wenn 10 Millionen mitmachen, bringt Marc Zomberg das alte Facebook zurück!" Wer ist Marc Zomberg? Der Name klingt ein wenig wie Mark Zuckerberg, der Facebook-Gründer und -Boss.

Der scheint tatsächlich gemeint zu sein, denn in der Beschreibung der Gruppe schreibt ihr Gründer, ein gewisser Jakob Pettersson, der angeblich mal in London, mal in San Francisco lebt: "Heute habe ich eine Botschaft von Marc Zomberg, dem Gründer der besten Firma erhalten. Er trug mir auf, diese Gruppe zu gründen, weil er wissen will, wie viele Menschen wirklich das alte Facebook zurück wollen."

Das klingt ein wenig nach Pophetengeschichten. Warum Herr Zomberg nicht einfach in die Zugriffsstatistiken seiner großartigen Firma schaut, erklärt Pettersson nicht. Warum sollte er sich auch um eine glaubwürdige Geschichte bemühen - das Motto seiner Gruppe ist so überdreht, unglaubwürdig und absurd, dass sie entweder gar nicht oder gerade wegen der Absurdität sehr gut funktioniert.

20 Tage für zehn Millionen. Die Zeit läuft

Derzeit läuft es ohne Sinn und Logik ziemlich gut - seitdem der erste Buchstabe dieses Artikels getippt wurde, hat Petterssons Gaga-Gruppe knapp 10.000 neue Protestler hinzugewonnen. Sie folgen seinem Lockruf, dessen Prinzip man eigentlich schon aus all den Nieren- und Microsoft-Kettenmails kennen sollte: "Jeder muss Mitglied dieser Gruppe werden, denn er [Marc Zomberg] hat uns 20 Tage gegeben, um das zu schaffen."

Es geht um Leben und Tod. 20 Tage. Die Uhr tickt. Schnell!

Die Masche kennt man, es fallen trotzdem Millionen drauf rein. Den ominösen "Marc Zomberg" gibt es tatsächlich, als Web-Figur zumindest. Er bloggt unter seiner eigenen Domain, marczomberg.com, schreibt dort Sätze wie "Habe mit Jakob Pettersson gesprochen." Und einen Tag später verweist dieser Marc mit C statt mit K auf die Protestlergruppe und kommentiert: "So froh, dass Jacob meinen Namen richtig geschrieben hat."

Registriert hat die Zomberg-Domain vor einer Woche ein 17-Jähriger aus Connecticut, der im vorigen Jahr bei einem NASA-Wettbewerb für Roboter bastelnde Schüler teilnahm. Anfragen von SPIEGEL ONLINE hat er bislang nicht beantwortet. Es könnte gut sein, dass dieser Teenager knapp 1,8 Millionen Facebook-Freunde zu Statisten seines bislang größten Gags gemacht hat.

"Ich bin froh, dass nur fünf meiner Freunde Idioten sind"

Ein paar Facebook-Mitglieder erkennen die Satirequalität dieser Gruppe - da dort aber keine Nutzerkommentare zugelassen sind (warum nur, Mark Zomberg?), bloggen sie amüsante Kommentare wie diesen von Programmierer Rubin J. Kaplan: "Meine Insiderinformationen besagen, dass Marc Zumberg das alte Facebook nicht zurückbringen kann, weil es von Aliens entführt wurde und an denselben Ort gefangen gehalten wird wie Elvis."

Im Forum von Kaplans Blog  echauffieren sich einige Facebook-Mitglieder über den Zomberg-Scherz. Kaplans Kommentar: "Ich finde es witzig, dass jemand fast eine Million Leute dazu gebracht hat, der dämlichsten Gruppe aller Zeiten beizutreten. Respekt." Andere kommentieren gehässiger : "Inzwischen fast 700.000 Mitglieder. Ich bin froh, dass nur fünf meiner Freunde Idioten sind."

Eine Mecker-Meute, erbost wie "FAZ"-Leser über Fotos

Ernsthafte Facebook-Nörgler reagieren allergisch auf das Zomberg-Experiment, das sich auch ein wenig darüber lustig macht, wie plötzlich Millionen von Teenagern und Mitzwanzigern auf die Umgestaltung von ein paar Knöpfen so allergisch reagieren wie die im Durchschnitt ein paar Jahrzehnte älteren "FAZ"-Leser auf Fraktur-Verlust, Farbe in ihrer Zeitung und Fotos auf der Titelseite.

Einige Facebook-Kritiker fassen es nicht, wie man denn bei einer so ernsten Frage Witze machen kann. Der Gründer der Gruppe "Ich hasse das neue Facebook" (1,5 Millionen Mitglieder) warnt den Rest seiner Mecker-Meute: "Die Gruppe über Zomberg wird gar nichts bewirken. Der Facebook-Gründer heißt Mike Zuckerberg." Alles in Großbuchstaben gebrüllt mit einem kleinen Fehler im Detail: Der Facebook-Gründer heißt Mark, nicht Mike.

Ein soziales Experiment namens Zomberg

Als soziales Experiment demonstriert der Zomberg-Gag gerade sehr anschaulich, wie leicht in einer Mecker-Meute selbst das Mindestmaß an Rationalität und Reflexion verloren geht. In den Facebook-Gruppen findet man einige solcher Satiren. Nur ist manchmal nicht ganz klar, ob die Gründer die Komik beabsichtigt haben.

So gibt es zum Beispiel gleich zwei Gruppen, die das "alte favebook" zurückfordern. Beide Initiatoren haben sich in der Eile vertippt, statt dem C das V daneben gedrückt und nicht so genau hingeschaut. Absurd dabei: Beide Gruppe haben mehr als 30 Mitglieder.

Willkommen im Vertipper-Club.

Und gegen die Unsitte, mehrere Gruppen zum selben Thema zu gründen, gibt es bei Facebook fast ein Dutzend Gruppen. Bemerkt jemand dort die Ironie dieser Veranstaltung? Vielleicht der Gründer der alles umfassenden Facebook-Gruppe gegen Doppelungen , die eine aus einer Melone geschnitzte Eule als Logo und eine sehr lange Liste als Themenspektrum hat. Darin enthalten unter anderem:

  • Ich mag Fußball.
  • Meine Katze ist viel länger als deine Katze.
  • Wenn 1 Millionen Menschen dieser Gruppe beitreten, spende ich 1000 Dollar an Oxfam.

Und so weiter. Abschließender Kommentar: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass das alles umfasst, was es auf Facebook gibt. Die einzige Gruppe, die du je brauchen wirst."

Nun ja, abgesehen vielleicht von der ganz neuen Gruppe " Wenn 10 Milliarden Menschen hier Mitglied werden , bringe ich das alte Facebook zurück."

Einer der ersten Kommentare: "Anders als einige Menschen nehme ich das ernst. Was, wenn es gar nicht 10 Milliarden Menschen auf der Welt gibt? Vielleicht könnten wir ein paar Außerirdische überreden oder so? Ich glaube!"

Der Kreis schließt sich.

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