Proteste gegen Kameras Das Lied vom Überwachungsstaat

Mit Theaterperformances wollen die "Surveillance Camera Players" die Überwachungskameras in New York in die Irre führen. Sie protestieren gegen den Verlust von Privatsphäre und machen nun auch im Ausland mobil gegen Orwells "Big Brother".

Von


SCP-Website: Die Theaterleute filmen teilweise die Monitore der Überwachungskameras ab, um ihre Aktionen zu dokumentieren

SCP-Website: Die Theaterleute filmen teilweise die Monitore der Überwachungskameras ab, um ihre Aktionen zu dokumentieren

Eleonore Keaton, die Ehefrau der Stummfilmlegende Buster Keaton, sagte einmal über ihren Mann, er habe über viele Dinge gelacht, "nur wenn er eine Kamera sah, wurde er ernst." So ähnlich verhält es sich auch Bill Brown und seinen Mitstreitern von den "Surveillance Camera Players" (SCP). Auch sie sind sehr sensibel, was Kameras angeht, und auch sie haben häufig mit Filmen ohne Ton zu tun.

Denn die Gruppe um den Doktor der Anglistik protestiert seit sechs Jahren gegen Überwachungskameras im öffentlichen Raum. Und zwar nicht mit Gewalt, keines der elektronischen Augen wird zerstört oder beschädigt, sondern mit Theaterperformances. Die Anarchisten-Truppe beruft sich bei ihren Aktionen gegen "Big Brother" auf den vierten Zusatz der US-Verfassung und eine Entscheidung des obersten Gerichtshofs von 1967, wonach Überwachungskameras die Privatsphäre verletzen.

Dafür, dass die elektronische Überwachung trotzdem auf dem Vormarsch ist, finden sich genügend Beispiele. So überprüfte die US-Polizei bei Football-Endspiel Super Bowl im Februar alle Besucher automatisch darauf, ob sie in einer Verbrecherkartei zu finden sind. Die Stadt Tampa in Florida betreibt seit wenigen Tagen ebenfalls eine solche flächendeckende Kontrolle, die ohne menschliches Zutun von einem so genanten Faceprint-System durchgeführt wird.

Das Hauptaktionsgebiet der "Surveillance Camera Players" ist aber New York, wo sich die Zahl der Kameras in den letzten drei Jahren auf 5000 verdoppelt hat. Ob in U-Bahnstationen oder Touristenmagneten wie dem Times Square, überall versuchen die Aktivisten um Bill Brown aufzutreten und das Lied vom Überwachungsstaat zu spielen. Manchmal zeigen sie kurze Adaptionen von Klassikern wie Orwells "1984" oder Becketts "Warten auf Godot", manchmal stehen selbst erdachte Performances mit Titeln wie "It's Ok, Officer" oder "God's Eyes Here on Earth" auf dem Programm. Letzteres wird übrigens gern vor Überwachungskameras in und um Kirchen wie der St. Patrick's Cathedral gegeben.

Die Botschaft heißt "Ich weiß, dass Ihr zuseht"

"Wir zeigen, dass wir keine Angst haben, den Eingriff des Staates in unsere Intimsphäre ablehnen und an die Macht des Einzelnen glauben", schrieben die SCP auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Der prinzipielle Ablauf eines Theaterstücks ist dabei immer gleich. In rund zwei Minuten wird vor den Kameras eine kurze Geschichte erzählt, die mit der Überwachung zu tun hat. Meist spielen um die fünf Aktivisten mit, die ihre Dialoge auf Papptafeln geschrieben haben, weil die Überwachungssysteme keinen Ton aufzeichnen. Manchmal stehen auch nur diese Papptafeln im Mittelpunkt. Dann tragen die Mitspieler einfach nur Schilder mit der Aufschrift "Bin gerade auf dem Weg zur Arbeit" oder "Gehe gerade einkaufen" durchs Bild. Oder einfach die Botschaft "Ich weiß, dass Ihr zuseht".

Das ursprüngliche Anliegen der Gruppe war es, mit ihren Aktionen die Menschen an den Fernsehterminals zu erreichen, an denen die Bilder der Kameras ausgewertet werden: Polizisten, Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten, Detektive, Hausmeister. Doch mittlerweile haben sich die "Surveillance Camera Players" darauf verlegt, bei den Zuschauern ihrer Spektakel um Sympathie und Unterstützung zu werben, zuletzt auch im Ausland, etwa bei einer zehntägigen England-Tour von vier Aktivisten im Juni. Doch nicht immer haben sie dabei Erfolg. So findet sich im Tagebuch auf den SCP-Webseiten für den 17. Juni der Eintrag, die Aufführung von "God's Eyes Here on Earth" vor der St. Paul's Cathedral in London sei enttäuschend verlaufen, weil nur wenige Menschen zu gesehen hätten, die überdies meist Touristen gewesen seien.

Trotzdem ist Brown und seinen Mitstreitern seit Jahren öffentliches Interesse gewiss. Zahlreiche Medien, unter ihnen CNN und die "New York Times", haben bereits über die Kamera-Performance berichtet und so den Kampf um den Schutz der Privatsphäre thematisiert. Ableger der SCP gibt es mittlerweile auch im italienischen Bologna und auch Anarchisten in Litauen haben unlängst eine erste Anti-Kamera-Aktion gestartet.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.