Provider Vietnams Antwort auf AOL - die Armee

Andere Länder, andere Provider: Was mancherorts Ex-Staatsunternehmen wie die Telekom bieten, übernehmen in Vietnam die Streitkräfte. Künftig wollen sie einen der mächtigsten Online-Dienste des kommunistischen Landes etablieren.


Das Paradieren wird den vietnamesischen Militärs offenbar zu langweilig. Also expandieren sie ins Geschäft mit Telekommunikation - und erobern neben den Einnahmen auch die Kontrolle über Datenströme im Netz
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Das Paradieren wird den vietnamesischen Militärs offenbar zu langweilig. Also expandieren sie ins Geschäft mit Telekommunikation - und erobern neben den Einnahmen auch die Kontrolle über Datenströme im Netz

Ho-Tschi-minh-Stadt/Hanoi - Dafür, dass in Vietnam der Kommunismus triumphiert, beweist die Armee erhebliche unternehmerische Talente. Die Generäle befehlen über 200 Unternehmen, betätigen sich in der Bau-, der Transport- und auch der Textil-Branche.

Seit einiger Zeit ist die "Old Economy" der Armee nicht mehr gut genug. Schon seit zwei Jahren bieten die Militärs über ihre Firma Vietel Telefonie über das Internet an. Dank günstiger Tarife für Auslandsgespräche floriert das Geschäft trotz fragwürdiger Verbindungsqualität. Im Frühjahr 2003 soll in ausgewählten Städten ein Mobilfunknetz folgen. Und voraussichtlich noch in diesem Herbst, so berichtet die BBC, wird die Armee in ein neues Feld vorstoßen - mit einem kommerziellen Internet-Provider.

Vormarsch mit Discount-Preisen

Mit dem Start des Armee-ISPs macht in Vietnam der Staat dem Staate Konkurrenz. Bisher teilen sich mehrere Provider wie Vietnam Data, FPT, Saigon Net und Net Nam den Markt auf - alle sind in Staatsbesitz. Laut BBC-Bericht will die Armee mit Kampfpreisen um Marktanteile buhlen. Auf lange Sicht dürfte sich das Geschäft als höchst lukrativ erweisen. Vietnam gilt weltweit derzeit als der am zweitschnellsten wachsende Markt für Telekommunikation.

Damit sich der Start patriotisch-pathetisch inszenieren lässt, soll er am 2. September erfolgen - dem vietnamesischen Nationalfeiertag. Traditionell gedenkt das Land an diesem Tag der Befreiung von französischer Herrschaft im Jahr 1945. Zunächst wird der Online-Dienst der Armee nur in den Metropolen Hanoi und Ho-Tschi-minh-Stadt verfügbar sein.

Zensur und hartes Durchgreifen

Allein in diesem Jahr ist die Zahl der Internet-Nutzer der BBC zufolge um 30 Prozent auf 175.000 gestiegen. Hinzu kommen viele Millionen meist junge Vietnamesen, die über Internet-Cafés Zugang zum Web suchen. Der vietnamesische Staat ist bisher vor allem durch drakonische Kontrollen des Internets aufgefallen. Ansatzweise kritische Web-Seiten wurden geschlossen, Autoren von geposteten Beiträgen verhaftet. Erst Mitte August hatte die Regierung angekündigt, die schätzungsweise 4000 Internet-Cafés des Landes rigider überwachen zu wollen.



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