Prozess-Hintergründe "KaZaA ist wie eine Knarre am Kopf"

KaZaAs Bemühungen um Kooperationen mit dem Musikbusiness, hörte das Gericht in Sydney am Donnerstag, seien wie ein Angebot, das man nicht ablehnen kann: Kauf oder wir lassen dich beklauen. Unsinn, beteuern die KaZaA-Vertreter. Noch wollen die Richter keiner der Seiten glauben.

Eigentlich scheint alles ganz einfach: Unter dem Strich geht es beim derzeit in Sydney stattfindenden Prozess gegen den P2P-Entwickler KaZaA um die Frage, ob und in wie weit das Unternehmen für die fraglos millionenfache Verletzung von Copyrights im Rahmen des "Tauschens" von Dateien über die Software verantwortlich ist. Doch nach acht Tagen teils hitziger Verhandlungen und Kreuzverhöre ist das Gericht unter dem Vorsitz des australischen Bundesrichters Murray Wilcox der Antwort nicht viel näher gekommen. KaZaA, Sharman und die anderen involvierten Unternehmen im Umfeld der P2P-Börse wehren sich nach Kräften - und tragen zur Verkomplizierung der Sache bei.

Denn die Klärung der Verantwortung für die Copyright-Verletzungen ist keine rein technische Frage: Zu klären hat das Gericht auch, wer da eigentlich für was zuständig und damit verantwortlich sein könnte. Das aber scheint alles andere als leicht.

KaZaAs Geschichte: blinde Pfade, potemkinsche Dörfer?

Die Software KaZaA wurde erstmals Ende 2000 in Umlauf gebracht und offiziell im März 2001 vorgestellt. Ihre Erfinder, der Schwede Niklas Zennstrom und der Däne Janus Friis, hatten aus dem juristischen Hickhack um Napster gelernt und mit dem KaZaA zugrunde liegenden Netzwerk FastTrack ein Protokoll geschaffen, das angeblich von Anfang an auf zentrale Server verzichtete.

Neben KaZaA setzen auch Morpheus und Grokster auf FastTrack auf, eine echte Trennung war von Anfang an schwer. Bis Anfang 2002 versteckte sich KaZaA regelrecht hinter den beiden anderen Programmbetreibern und sammelte keine große Userschaft.

Zennstroms und Friis Firma Consumer Empowerment saß im P2P-toleranten Holland, während die Softwareentwickler in Wahrheit in den baltischen Staaten saßen. Auf ein Ende 2001 gegen KaZaA gefälltes Urteil in den Niederlanden reagierten Zennstrom und Friis mit einem Überraschungscoup: Die P2P-Plattform wurde an ein kompliziertes Netzwerk von Firmen verkauft, die genauen Eignerschaftsverhältnisse sind bis heute nicht geklärt.

Offiziell wird KaZaA durch ein Unternehmen namens Sharman Networks kontrolliert und vermarktet. Während KaZaA einen wahrscheinlich weitgehend virtuellen Firmensitz auf Vanuatu besitzt, einer Insel mit mehr Briefkästen als Einwohnern, und seine Server weltweit verteilt hält, sitzt Sharman in Sydney.

Die klagende Musikindustrie hält Sharman, eine Firma, die erst 2001 gegründet wurde und zum Zeitpunkt des KaZaA-Verkaufes gerade einmal drei Angestellte besaß, für eine vorgeschobene Scheinfirma: Die KaZaA-Kontrolleure scheinen eng verflochten mit den Firmen Brilliant Digital (Australien) und Altnet (USA).

Wer steht wirklich hinter KaZaA?

Beide Firmen waren KaZaA schon vor dem Verkauf an Sharman freundschaftlich verbunden. Während zu Altnets Gründern auch KaZaA-Mitbegründer Niklas Zennstrom gehört, wurde Brilliant Digital schon für KaZaA tätig, bevor es offizielle Verbindungen zwischen den Firmen gab. Im September 2001 bekam der Brilliant-Digital-Angestellte Philip Morle von seinem Chef Kevin Bermeister den Auftrag, ein neues Web-Frontend für die Firma KaZaA BV zu entwickeln - zwei Monate vor dem Urteil gegen KaZaA und dem wiederum zwei Monate später erfolgten Verkauf an die mutmaßliche Brilliant-Ausgründung Sharman.

Das Unternehmen verfügte Ende 2001 immerhin schon über eine physisch vorhandene Chefin, die Philip Morle auf einem Flur bei Brilliant Digital treffen konnte, wie er vor Gericht aussagte. Sie, Nikki Hemming, habe ihm das Angebot gemacht, zu Sharman - und damit KaZaA - zu wechseln.

Anfang 2002 dann übernahm KaZaA durch ein Softwareupdate und eine Veränderung des Netzwerkprotokolls das Heft im FastTrack-Netzwerk und setzte Morpheus und seine User auf die Straße. Seitdem galt KaZaA als weltweit führende P2P-Börse und wurde erst im Frühjahr 2004 durch BitTorrent abgelöst.

Verhandlungen um P2P-Vertrieb: Erpressung?

Wie viele Internetnutzer das Programm zu seinen Hochzeiten wirklich nutzten, ist nicht bekannt. Selten waren es jedoch weniger als 4,5 Millionen User, die zu jedem gegebenen Zeitpunkt im FastTrack-Netz unterwegs waren.

Genau mit diesen Zahlen ging Altnet ab dem Frühjahr 2002 in den USA auf Verhandlungstour und bot KaZaA als Plattform für legale Musikvertriebs-Dienstleistungen an. Das aber, argumentierten die Anwälte der Musikindustrie am Donnerstag, sei nichts anderes gewesen als eine Erpressung. Musikindustrie-Anwalt Tony Bannon: "Sharman und Altnet haben der Plattenindustrie eine Knarre an den Kopf gehalten, verbunden mit der Drohung 'unsere User laden sich Eure Musik kostenlos herunter. Ihr müsst einen Vertrag mit Altnet machen.' Die Nutzerstatistiken werden dazu benutzt, Druck auf die Plattenindustrie auszuüben."

Damit zeichnet sich die Strategie der Musikindustrie im Prozess gegen KaZaA deutlich ab. Die Anwälte der Musiklobby wollen beweisen, dass KaZaA über die Mittel verfügt, Einfluss auf die Datenströme im Netzwerk zu nehmen: sowohl filternd, als auch Daten sammelnd.

Tatsächlich ist die offizielle KaZaA-Software mit Spyware-Programmen von Brilliant Digital (BDE) verbunden, die im Verdacht stehen, die User auszuspionieren. Weiter verbreitet als die offiziellen Programmversionen sind darum gehackte KaZaA-Varianten ohne BDE-Spyware. Bisher hat KaZaA gegen solche nicht autorisierten Programmversionen recht wenig unternommen: Ist Masse für Sharman also klasse, weil es Altnet in Verhandlungen Gewicht verleiht? Und betreibt KaZaA noch immer zentrale Server, möglicherweise in Dänemark, über die nicht nur Daten gesammelt werden, sondern auch Inhalte zensiert werden könnten?

Kinderpornos und geklaute Waren: Missbrauch des Systems?

KaZaA- und Sharman-Cheftechniker Philip Morle bestritt all das im Kreuzverhör. Ja, sagte er aus, KaZaA zähle noch immer, wie viele User und Daten zu jedem gegebenen Zeitpunkt im Netzwerk seien. Als die Anklagevertreter vorführen konnten, dass das KaZaA-Programm solche Daten zu einem Zählserver in Dänemark zu senden versuchte, zeigte sich Morle überrascht: Er habe "keinen Schimmer", warum das noch immer so sei. Der betreffende Rechner, über den KaZaA zeitweilig bis zu 15 Millionen User-Datensätze erfasst hatte, sei abgeschaltet worden. Die Funktion sei also nur ein "Überbleibsel aus einer älteren Programmversion".

Morle schilderte auch, wie frühzeitig sich KaZaA mit seinen Sorgen um Copyright-Verletzungen an die Industrie gewandt habe. Auch firmenintern habe man wegen dringender Sorgen über den Vertrieb von Kinderpornografie über KaZaA Filtermöglichkeiten besprochen, worüber es allerdings keine schriftlichen Aufzeichnungen gäbe. Auch Morles eigene - ebenfalls nicht dokumentierten - Filterentwicklungen hätten keine Qualität erreicht, die ausgereicht hätte, dass "mir jemand gesagt hätte, komm, bau das ein". Ergo: Es sei für Sharman eben unmöglich, so einen starken Einfluss auf den Datenverkehr bei KaZaA zu nehmen.

Auch elektronische Aufzeichnungen gingen möglicherweise bei den dem Prozess vorhergehenden Razzien verloren. Morles Laptop erlitt einen Unfall, den die Festplatte nicht überlebte: Am Donnerstag beschuldigten sich Musikindustrie und Morle gegenseitig, das Gerät im Rahmen der Razzia beschädigt zu haben, Zeugen des Unfalls gibt es keine.

Pyrrhussiege für alle Beteiligten?

Für das Gericht in Sydney macht dieser Wirrwarr die Sache nicht leichter. Nach acht Verhandlungstagen sind die letzten Zeugenaussagen bereits für nächste Woche angesetzt. Dass Richter Murray Wilcox seine Entscheidung vor Anfang nächsten Jahres fällt, wird nicht erwartet - wohl aber, dass es nicht auf die von der Musikindustrie erhoffte Schließung von KaZaA hinausläuft.

Wahrscheinlicher sind Filterauflagen, wie sie auch schon gegen Napster verhängt wurden. Das käme einem Tod auf Raten gleich, denn eine wirklich effektive Filtertechnik, die das Tauschen urheberrechtlich geschützter Werke verhindern könnte, gibt es noch nicht. Wie bei Napster könnte ein sukzessives Ausfiltern der populärsten Daten KaZaA aber als P2P-Plattform schnell so unattraktiv machen, dass die Nutzerschaft komplett wegbräche.

Doch selbst das wäre ein Pyrrhussieg für die Musikindustrie, der es auf etwas ganz anderes ankommt: KaZaA, die virenverseuchte, mit Datenmüll überflutete, unzeitgemäß lahme P2P-Plattform, ist längst ein wandelnder Leichnam. Die Industrie erhofft sich ein grundsätzliches Urteil, das die Betreiberfirmen von P2P-Plattformen wieder juristisch anfechtbarer macht. Unwahrscheinlich, dass sie es bekommt: Das Hickhack um P2P wird damit wohl auch 2005 weitergehen.

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