Prozess KaZaA im Kreuzverhör

Sammelt KaZaA Daten über seine Nutzer? Kann die P2P-Börse Kontrolle über das getauschte Material ausüben? Im australischen Prozess gegen die einst führende P2P-Börse geht es heiß zur Sache. Im laufenden Kreuzverhör der geladenen Experten wird bisher nur eines klar: Alle Seiten haben die Nebelwerfer wohl gefüllt..


Wäre die laufende Gerichtsverhandlung gegen die P2P-Börse KaZaA und ihre Betreiberfirma Sharman in Sydney ein Boxkampf, dann ging die gestrige Runde wohl an die Anwälte der Musikindustrie. Ihr als Experte geladener Zeuge Professor Leon Sterling hatte nicht nur ein Bild der Börse entworfen, in dem diese ihre Nutzer möglicherweise weitgehend ausspionierte, sondern auch weit mehr Einfluss auf die Art des getauschten Datenmaterials ausüben könnte, als Sharman/KaZaA zugeben wollen. Am Mittwoch sah die Sache schon wieder ganz anders aus, und KaZaA konnte punkten.

Denn am Mittwochmorgen gingen KaZaAs Anwälte ins Kreuzverhör - und befragt wurde Leon Sterling.

Der hatte es, wie die KaZaA-Anwälte dokumentieren konnten, im Vorfeld des Prozesses abgelehnt, für KaZaA als Experte auszusagen. Brisant seine Begründung: Schriftlich hatte er den P2P-Betreibern mitgeteilt, seine Expertise reiche dafür nicht aus und er könne sich in der Kürze der Zeit nicht adäquat genug in das Thema einarbeiten. Die Sharman-Anwälte sprachen dem Professor an der Universität Melbourne daraufhin die Kompetenz ab.

Stand KaZaA am Dienstag regelrecht am Pranger, saß am Mittwoch der Zeuge der Musikindustrie leicht blamiert da.

Die Anwälte der Musikindustrie konnten den negativen Eindruck im Verlauf des Kreuzverhöres relativieren, doch ihrem Angriff auf KaZaA ist vorerst die Schärfe genommen. Sterling, arbeiteten sie vor Gericht heraus, habe nicht in allen Details tatsächliche empirische Beobachtungen über KaZaA geschildert, sondern auch "plausible technische Möglichkeiten" aufgezeigt, die von der Börse mit relativ wenig Aufwand umgesetzt werden könnten. Was also hatte Sterling genau gesagt, das das Gericht gleich mehrere Tage beschäftigte?

Nach Sterlings Aussage vom Dienstag bestünde die technische Möglichkeit, dass KaZaA das Verhalten seiner Nutzer beobachtet und dokumentiert. Damit war mehr gemeint, als die "Beschnüffelung" durch die Spyware Altnet, die mit KaZaA ja fest verbunden ist: Sterling implizierte, dass an den so genannten Supernodes ansetzend regelrecht Buch geführt werden könnte über die getauschten Dateien, aber auch über die Identität der Nutzer - durch Erfassung ihrer IP-Nummern. So etwas sei beim Monitoring eines Netzwerkes ganz normal.

Daraus leitete Sterling unter anderem die These ab, dass KaZaA sehr wohl Einfluss nehmen könnte auf das, was getauscht werden darf und was nicht: Die Supernodes böten auch im angeblich dezentralen KaZaA-Netzwerk einen Ansatzpunkt für Filtersoftware oder die Mahnung von Nutzern, die sich nicht an neue Spielregeln hielten.

Im Kreuzverhör musste Sterling am Folgetag jedoch zugeben, dass er diese Möglichkeit nur theoretisch erschlossen, nicht aber durch Einblick in das System von KaZaA analysiert hatte. Grundlage seiner Ausführungen war unter anderem ein Dokument von und über KaZaA, in dem von einem "zentralen Server" die Rede ist. Den aber, argumentierten die KaZaA-Anwälte, gäbe es gar nicht mehr. Sterlings Ausführungen fußten damit auf einem veralteten Kenntnisstand.

15 Millionen falsche E-Mailadressen

Die P2P-Börse bestreitet auch, ihre User zu überwachen. Richtig sei zwar, dass KaZaA bis 2002 rund 15 Millionen E-Mailadressen gespeichert habe, die von der Software bei der Programmanmeldung abgegriffen wurden. Die aber, sagte im Zeugenstand Sharmans Cheftechniker Philip Morle, hätten sich zumeist schnell als "Müll" oder als willkürliche Zeichenfolgen erweisen, ohne jeden praktischen Wert - klar, wer gibt bei der Anmeldung an ein potenziell illegales Netzwerk schon seinen Absender an? Daraufhin habe KaZaA die Sammlung der Adressen aufgegeben.

Morle bestritt einmal mehr, dass KaZaA auf seine Nutzer größeren Einfluss nehmen könne. Selbst das Upgrade zu einer neuen Softwaregeneration ließe sich inzwischen nicht mehr erzwingen: Auch so etwas könne man dem User nur anbieten. Gehe er nicht darauf ein, könne der User einfach die alte Version weiter nutzen.

Das aber war einmal anders: Im März 2002 fegte KaZaA die damals populärste P2P-Börse Morpheus, die sich mit KaZaA das so genannte FastTrack-Netzwerk teilte, regelrecht aus dem Markt, indem es Millionen von Morpheus-Nutzern den Zugriff auf das Netzwerk verweigerte und ihnen statt dessen ein Angebot machte, KaZaA zu installieren. Alles Schnee von gestern?

Leon Sterling als Experte der Musikindustrie gab zu, dass Blockierungs- oder Filtertechniken tatsächlich wohl nicht zu einhundert Prozent zuverlässig einzuführen wären. Aber fast: "Ich bin mir sicher, dass der Einfallsreichtum der Menschen groß genug ist, einen Weg um einen Filter herum zu finden", sagte er. "Einige Nutzer werden das wohl schaffen, aber ich glaube, dass Filter für den großen Teil der Nutzerschaft effektiv wären."

Am Donnerstag wird KaZaA-Cheftechniker Philip Morle im Kreuzverhör auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen. Vom Ausgang des Prozesses in Sydney könnte der Fortbestand von KaZaA/Sharman abhängen. Offiziell residiert das Unternehmen zwar auf Vanuatu, operiert aber tatsächlich wohl von Australien aus.

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