Pubbles Der potemkinsche Kiosk

Auf der Buchmesse 2010 in Frankfurt stehen Elektronik-Themen wie nie zuvor im Fokus des Interesses - vom E-Book bis zu mobilen Services. Auch der Verlag Gruner + Jahr ließ zum Messeauftakt seinen lang angekündigten Online-Kiosk Pubbles vom Start. Wir haben uns angesehen, was er bietet.
Verlagsshop Pubbles: Wartet die Kundschaft auf einen Kiosk im Web?

Verlagsshop Pubbles: Wartet die Kundschaft auf einen Kiosk im Web?

Foto: SPIEGEL ONLINE

Elektronik gehört seit langer Zeit zu den Themen der Frankfurter Buchmesse: Bereits 1996 wurde dort das Rocket eBook, einer der ersten regulär im Handel zu kaufenden E-Book-Reader vorgestellt. Das Thema aus der Exoten-Nische fand damals allerdings so wenig Interesse, dass der Anbieter das klobige Gerät im Folgejahr ganz dreist einfach noch einmal als Novität vorstellen konnte - mit ähnlichem Misserfolg. Der Durchbruch der E-Books und E-Reader ließ dann noch mehr als zehn Jahre auf sich warten.

Inzwischen aber ist er da, behaupten die Branchenexperten. Die Buchmesse 2010 steht wie nie zuvor im Zeichen der Elektronik-Themen. In Frankfurt konkurrieren Hunderte Geräte-, Inhalte- und Dienstanbieter um die öffentliche Aufmerksamkeit, kaum ein großer Verlag kommt um das Thema des elektronischen Lesens noch herum. Und anders als in vergangenen Jahren gibt es endlich auch in Deutschland Inhalte, die man elektronisch kaufen und lesen könnte - noch immer wenige im Vergleich mit der englischsprachigen Verlagswelt, aber immerhin.

Eines der mit viel Spannung erwarteten neuen Verlagsangebote ist der Online-Kiosk Pubbles , der am Mittwochmorgen online ging. Der lang angekündigte Shop der Bertelsmann-Töchter DirectGroup und Deutscher Pressevertrieb (eine hundertprozentige Tochter des Verlagshauses Gruner + Jahr) bietet bereits rund 3000 E-Books meist populärer Belletristik-Titel. Für einen Buchladen wäre das wenig, für einen Kiosk ist es viel - und tatsächlich soll Pubbles primär genau das sein: Eine Präsentationsfläche für Zeitungs- und Magazininhalte in elektronischer Form.

Insofern wäre Pubbles also keine Konkurrenz zu Amazon, wo es einzelne aktuelle Presseerzeugnisse nicht zu kaufen gibt, sondern allenfalls Abos. Stattdessen konkurriert das Angebot eher mit dem iTunes-Store. Dort gibt es entsprechende Angebote, und tatsächlich bedient der Kiosk mit besonderem Schwerpunkt auch die Apple-Gerätschaften.

Der Anspruch von Pubbles ist es, Inhalte für so viele Plattformen wie möglich bereitzuhalten. Epub, eMag und PDF sind die dort gängigen Formate, Amazons E-Book-Format hingegen nicht: "In sich geschlossene" Systeme, verrät uns Pubbles, könne man leider nicht befüttern - Apple ausgenommen. Da bleiben die PC sowie mobile Geräte, die offene oder weitverbreitete Standards bedienen und eben Apples Geräte, die in vielerlei Hinsicht Standards setzen.

Braucht man einen Kiosk?

Der Grundgedanke der Plattform ist naheliegend. Es geht darum, Verlagsprodukte klar strukturiert in einem Kontext von Verlagsprodukten zu präsentieren, zu verkaufen und zu versenden. Im Gemischtwarenhandel des Apple-App-Stores gehen diese unter: Sie konkurrieren dort mit Spielen (die von 90 Prozent der iPad-, iPhone-, und iPod-Nutzer gern gekauft werden), elektronischen Gag-Anwendungen oder dienstleistungsorientierten Applikationen wie Augmented-Reality-Software, Handy-Navis oder Gitarren-Verstärker-Simulatoren, mit Musik und Filmen. Nur rund vier Prozent der App-Käufer lassen sich dagegen überhaupt einmal auf Lese-Inhalte ein.

Kein Wunder also, dass die Metapher des Kiosks aus Verlagsperspektive verlockend erscheint: Wer Pubbles im Internet besucht, wird dies aus einem vorhandenen Interesse an Lesematerial tun. Jeder Besucher, jeder registrierte Nutzer eines solchen Dienstes ist aus Sicht eines Verlags ein potentieller Kunde - ohne jeden Streuverlust. Und eine solche, auf Presseerzeugnisse spezialisierte Verkaufsplattform gibt es bisher tatsächlich nicht. Bleibt nur abzuwarten, ob der Kunde auch darauf wartet: Wir haben uns angesehen, was für Pubbles spricht - und was dagegen.

Kiosk mit Buchverkauf...

Klassischer Buchshop: 3000 Titel im Angebot - für Deutschland ist das schon viel, im internationalen Vergleich nicht

Klassischer Buchshop: 3000 Titel im Angebot - für Deutschland ist das schon viel, im internationalen Vergleich nicht

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Wie in Deutschland üblich liegen die Verkaufspreise für E-Books nur knapp unter dem Niveau der zum gegebenen Zeitpunkt günstigsten Printversion - der Preisnachlass beträgt in Stichproben 10 bis 12 Prozent. Das ist zu wenig, hat aber nichts mit Pubbles zu tun: Es ist ein generelles Problem in Deutschland.

...und kleinen Preisvorteilen

Bestseller: Als E-Book nur einen Euro billiger als die gedruckte Version

Bestseller: Als E-Book nur einen Euro billiger als die gedruckte Version

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Dass etwa Minette Walters Besteller "Der Nachbar" als E-Book nur einen Euro billiger ist als das gedruckte Buch, ist Pubbles nicht anzulasten: So sehen E-Book-Preise in Deutschland noch aus. Attraktiv ist das nicht, international üblich sind Vorteile von 25 bis 35 Prozent.

Immerhin: Der Einkauf nach der Registrierung ist so bequem, wie man das von Buch-Shops gewohnt ist, die Downloads erfolgen schnell. Unter den Buchtiteln wird per Icon klar gemacht, für welche Geräte passende Formate zur Verfügung stehen, die Produktbeschreibung enthält auch Angaben zum eventuell eingesetzten DRM, respektive Kopierschutz.

Presseerzeugnisse - bisher ein seltenes elektronisches Gut...

Ungewöhnlich an Pubbles ist, dass es dort auch Presseerzeugnisse zu kaufen gibt - und das ist der eigentliche Sinn und Daseinszweck der Plattform. Gedacht ist diese als verlagsübergeifende Präsentationsfläche, zeigt bisher aber nur wenige Produkte aus einigen kooperierenden Häusern, das meiste kommt von Gruner + Jahr. Das ist ein Anfang, aber nicht mehr.

...das auch bei Pubbles noch nicht häufig vorkommt

Zeitungen? Fast Fehlanzeige: Zur Veröffentlichung von Pubbles herrscht im Kiosk Mangelwirtschaft mit gerade einmal zwei Titeln

Zeitungen? Fast Fehlanzeige: Zur Veröffentlichung von Pubbles herrscht im Kiosk Mangelwirtschaft mit gerade einmal zwei Titeln

Foto: SPIEGEL ONLINE

Aber wartet der Kunde auch darauf? Möglich, wenn das Angebot breiter aufgestellt wäre. Attraktiv könnte die Sache werden, wenn Pubbles tatsächlich die Angebote zahlreicher Verlage gewinnen würde. Was ein Kunde definitiv nicht will, wäre dagegen eine Vielzahl von Kiosk-Plattformen, für die man jeweils eine eigene Einkaufsregistrierung brauchen würde.

Zumal kein normaler Mensch auf dem Radar hat, welche Zeitung oder welches Magazin aus welchem Verlag kommt. Die Metapher des Kiosks wird nur funktionieren, wenn die virtuelle Version auch entsprechende Vielfalt bietet. Noch ist das nicht so.

Der Registrierungsprozess

Registrierungsmaske: Der Prozess dauert keine vier Minuten. Anders, als man zunächst denkt, ist die Angabe eines Kontos...

Registrierungsmaske: Der Prozess dauert keine vier Minuten. Anders, als man zunächst denkt, ist die Angabe eines Kontos...

Foto: SPIEGEL ONLINE

Anders als beim Kiosk steht bei Pubbles vor dem Einkauf das Anlegen eines Nutzerkontos: Natürlich ist das eine Schwelle. Gelöst hat es Pubbles gut, der Prozess ist selbsterklärend und schnell. Das alles ist okay, solange es keine Insellösung bleibt: Hier darf man aber Bedenken haben. Noch immer neigt die deutsche Verlagslandschaft - nicht nur im Buchbereich - zu Insellösungen. Man scheitert lieber allein, als gemeinsam Erfolg zu haben.

Gruner + Jahr hat sich mit Pubbles nun vorgewagt. Herausgekommen ist dabei eine übersichtliche, glatte Shop-Oberfläche, die mangels Masse an Kooperationspartnern bisher wenig zu bieten hat. So taugt Pubbles derzeit vor allem dazu, das Konzept des Online-Kiosks zu erproben - durchaus auch aus Kundensicht.

Grundsätzlich ist die Kiosk-Metapher durchaus vorstellbar. Es ist etwas anderes, ob man sich die Presseerzeugnisse, die man wünscht, auf diversen Web-Seiten zusammensuchen oder aus dem überbordenden Apple- oder Android-App-Angebot herausfischen muss oder in gebündelter, übersichtlicher Form präsentiert bekommt.

...oder einer Kreditkarte nicht notwendig, um sich umzusehen. Einfach nichts angeben - man kann die Daten nachliefern, wenn man wirklich etwas kaufen will.

...oder einer Kreditkarte nicht notwendig, um sich umzusehen. Einfach nichts angeben - man kann die Daten nachliefern, wenn man wirklich etwas kaufen will.

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Bisher ist das ein wenig zu übersichtlich, mit nur zwei Zeitungs- und zehn Magazintiteln im kleinen Angebot. So ist Pubbles bisher nicht viel mehr als ein Showcase dessen, was möglich wäre. Oder wie es ein Kollege lapidar zusammenfasste: Gruner + Jahr verkaufe nun PDFs von Magazinen im Web. So wie die meisten Verlage auf ihren Web-Seiten.

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