Q33NY - Teil 2 Aufräumarbeiten - Argumente gegen den Gerüchte-Müll

Gefälschte Bilder bei CNN? Satansfratzen im Rauch des brennenden World Trade Centers? Weltbewegende Nachrichten locken auch Verschwörungstheoretiker, Märchenerzähler und Irre ins Licht der Öffentlichkeit.

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WTC-Ruine: Die katastrophale Terror-Attacke beflügelt die Phantasie der Menschen
AFP

WTC-Ruine: Die katastrophale Terror-Attacke beflügelt die Phantasie der Menschen

Zum allerletzten mal: Nein, CNN hat nach den Terroranschlägen vom 11. September keine zehn Jahre alten Bilder jubelnder Palästinenser gesendet, um die westliche Welt gegen Araber und Muslime aufzuhetzen. Möglicherweise haben auch Sie in den vergangenen Tagen eine E-Mail erhalten, in der diese "bösartige Manipulation" voller Betroffenheit ausführlich erörtert wurde. Das liegt daran, dass sich Gerüchte im Web vermehren wie Kakerlaken - und ungefähr genau so leicht auszurotten sind.

Hartnäckigen Legenden ist mit sachlichen Argumenten kaum beizukommen. Ungezählte Internet-User erhielten in den letzten zehn Tagen auch die berüchtigte "Q33NY"-Mail. Danach sollte dieses Tastenkommando, übersetzt in die Microsoft-Word-Schrift "Wingdings", eine Symbolfolge ergeben, die eindeutig auf die Anschläge hinweise. Eine Legende, sollte man meinen, die ob ihrer Absurdität platzen sollte wie eine Seifenblase. Denn Q33NY war keine Flugnummer eines der Flugzeuge, die in der Terrorattacke vom 11. September benutzt wurden, wie es die Verschwörungstheoretiker behaupteten. Die Flugnummern waren AA 077, AA 011, UA 093 und UA 175.

An der Wirksamkeit der Legende ändert das so gut wie nichts. Eine andere Variante lautete: Q33NY sei nicht die Flugnummer - Q33NY war nun angeblich die Registrierungsnummer eines der

Flugzeuge.

Auch das stimmt natürlich nicht. Die Registrierungsnummern der vier gekidnappten Flugzeuge waren:

  • N644AA (Flugnummer AA 077)
  • N334AA (Flugnummer AA 011)
  • N591UA (Flugnummer UA 093)
  • N612UA (Flugnummer UA 175)

Zu erfragen bei der amerikanischen Luftfahrtbehörde, bei den betroffenen Fluggesellschaften, selbst auf immer mehr Webseiten, die sich der Aufgabe verschrieben haben, offenkundig unsinnige Legenden platzen zu lassen.

Doch die krude Legende lebt weiter

Denn die allerneueste Variante sagt nun: Natürlich war das keine Flugnummer und keine Registrierungsnummer. Q33 ist die Nummer eines Busses, der zum New Yorker La-Guardia-Flughafen fährt.

Das stimmt.

Es ist nicht zu widerlegen - aber was soll es bedeuten?

Denn fest steht: Das World Trade Center wurde nicht mit Bussen attackiert, und die Attentäter reisten auch nicht mit diesem Bus an. Die Zeichenfolge Q33NY ist die gezielte Rück-Übersetzung einer Symbolfolge aus der Schrift "Wingdings", die dem Betrachter das unheimliche Gefühl vermitteln soll: "Hat etwa jemand etwas vorher gewußt?"

Ein weiteres Beispiel: Am 21. September schrieb eine der angesehensten deutschen Tageszeitungen, dass die Terrorattacke gegen das WTC bereits seit dem Juni 2000 angekündigt worden sei. Mindestens 17 seitdem angemeldete Internet-Domains hätten klare Hinweise enthalten - und das FBI hätte diese - obwohl es Bescheid gewusst habe - ignoriert. Das sei, werden Experten zitiert, ein Skandal, wenn es denn stimme. Zitat: "Die bitteren Seiten jedenfalls sind gesperrt worden."

Viel Theorie, wenig Fakten - denn einige der 17 genannten Seiten waren auch nach Veröffentlichung des Artikels noch online erreichbar. Andere existierten nie. Ein Domain-Check ergab, dass die meisten genannten Webadressen nie registriert waren - geschweige denn "15 Monate vor dem Angriff".

Seismograph: Die Erde zitterte, als das WTC einstürzte. Die Erschütterung wirkt fort

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Die Kreativität der Legendenschmieden ist unerschöpflich. Teils stehen dahinter Witzbolde mit zweifelhaftem Geschmack - teils Typen mit zweifelhaften Absichten. Und teils entstehen solche Theorien und Legenden, weil sie schlicht den Gesetzen des Gerüchtes gehorchen.

Wie zum Beispiel die Legenden rund um die Rolle von CNN

Derzeit kursieren zwei besonders hartnäckige CNN-Legenden:

  • Legende eins: CNN sendete Bilder von feiernden Palästinensern, die in Wahrheit aus dem Jahre 1991 stammten.
  • Legende zwei: CNN wusste vorher Bescheid und hatte Kameraleute an sicheren Beobachtungspunkten postiert, um die Einschläge der Passagierflugzeuge ins World Trade Center zu dokumentieren.

Die erste Legende wurde bereits nach wenigen Tagen entkräftet. Ihre Entstehungsgeschichte: Ein Student postete in einer Newsgroup die angebliche Aussage seiner Professorin, sie verfüge über Beweise, dass die Bilder feiernder Palästinenser in Wirklichkeit aus dem Jahr 1991 stammten. Auf Rückfrage konnte diese Beweise niemand mehr vorbringen.

Doch nun kamen die "glaubwürdigen Zeugen" ins Spiel. Person B hörte davon von Person A und erzählte es Person C. Und weil B eine so glaubwürdige Quelle war, wurde der Übermittler der Nachricht oftmals zum Beweis für ihren Wahrheitsgehalt. Das Resultat: Am letzten Dienstag saßen veritable Diskutanten mit akademischen Titeln in der MDR-Talkshow "Magdeburger Gespräch" und beteiligten sich an der Verbreitung eines hanebüchenen Gerüchtes. Die Legende hatte weltweit den Sprung von den Gerüchteküchen des Webs in die so genannten etablierten Medien geschafft.

Dass auf den angeblichen Bildern aus dem Jahre 1991 ein Auto Baujahr 1995 zu sehen war, ist dabei nur eine witzige Fußnote. Wichtiger ist, dass hinter dem angeblichen Propaganda- womöglich ein Medienskandal liegt: Wie weiland im Falle der Bilder Wehrsport-übender deutscher Skinheads waren auch die Palästinenser-Bilder möglicherweise gestellt. Eine Fälschung ganz anderer Art also.

Die zweite Legende fußt allein auf den Mechanismen der Mundpropaganda, und so klingen dann auch die Kettenmails, mit denen die Legende verbreitet wird:

Angeblich, wird da behauptet, wusste man bei CNN vorher Bescheid, wann und wie es zur Attacke auf das WTC kommen würde.

Die Beweise:

  • CNN hatte angeblich ein Kamerateam vor Ort, "nah dran", aber in einer sicheren Position. Das Kamerateam tarnte sich angeblich dadurch, dass es eine Feuerwehrübung filmte.
  • Dies wäre die erste Dokumentation einer Feuerwehrübung durch CNN gewesen: So etwas filmt CNN nicht.
  • CNN veröffentlichte den betreffenden Film auf seiner Website und zensierte diese nachher. Der Film, wird behauptet, ist heute nirgendwo mehr zu sehen.
  • In dem Film sieht man zunächst Feuerwehrleute, dann schwenkt der Kameramann auf das anfliegende erste Flugzeug und dokumentiert den Einschlag. Ergo: Er wusste, was passieren würde.

Im dritten Teil: Die Gegenbeweise gegen die "CNN-Theorie". Die Legende von der Teufelsfratze im Rauch. Der größte Feind der Wahrheit ist das Noradrenalin in unserem Blut. Weiter...



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