Kryptobörse QuadrigaCX Würden Sie diesem Mann Ihre Bitcoin anvertrauen?

Die wilde Geschichte der Kryptobörse QuadrigaCX und ihres verstorbenen Gründers Gerry Cotten wird noch wilder. Ein neuer Untersuchungsbericht fördert reihenweise Betrügereien und Absurditäten zutage.
Der QuadrigaCX-Gründer nannte sich auch Seethree Peaohh (C-3PO).

Der QuadrigaCX-Gründer nannte sich auch Seethree Peaohh (C-3PO).

Foto: Stuart C. Wilson/ Getty Images

Die Kryptobörse QuadrigaCX war, solange sie existierte, ein durch und durch fragwürdiges Unternehmen. So viel ist bereits seit dem ersten Untersuchungsbericht der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young klar. Sie waren von einem kanadischen Gericht beauftragt worden, im Rahmen eines Gläubigerschutzverfahren die Finanzen von QuadrigaCX zu durchleuchten. Doch noch immer kommen neue Details ans Licht, so wie jetzt im mittlerweile fünften Bericht von Ernst & Young .

Zur Erinnerung: QuadrigaCX hatte Bitcoin und andere Digitalwährungen seiner Kunden in dreistelliger Millionenhöhe verwahrt, als ihr 30-jähriger Gründer Gerald "Gerry" Cotten im Dezember 2018 in Indien für tot erklärt wurde. Cotten habe dort ein Waisenhaus eröffnen wollen, teilte seine Witwe Jennifer Robertson damals mit, und sei dann infolge von Komplikationen seiner Morbus-Crohn-Erkrankung gestorben.

70 Seiten voller Vorwürfe gegen Cotten

Nur zwölf Tage vor seinem Tod hatte Cotten testamentarisch verfügt, dass Robertson die Alleinerbin seines beträchtlichen Vermögens sein soll. Auf die Ersparnisse der Quadriga-Kunden konnte hingegen niemand zugreifen, denn Cotten soll als Einziger das Passwort zu jenen Wallets gekannt haben, in denen - angeblich - ein Großteil der Kundenersparnisse gesichert war.

Robertson beantragte Gläubigerschutz. Im Verfahren stellte sich dann zunächst durch Blockchain-Analysen heraus, dass die fraglichen Wallets allesamt leer sind. Außerdem hatte Quadriga selbst 14 verschiedene Nutzeraccounts unter Alias-Namen angelegt und darüber Transaktionen von "signifikantem Volumen" ausgeführt, wie Ernst & Young im dritten Bericht schrieb.

Cotten ließ sich Geld seiner Kunden auszahlen

Der fünfte Bericht, veröffentlicht vor wenigen Tagen, ergänzt das bisherige Bild auf 70 Seiten, die sich lesen wie ein Sammelband so ziemlich aller betrügerischer Aktivitäten, die einem Betreiber einer Kryptobörse einfallen könnten.

Hier eine Auswahl:

  • Eine Buchhaltung hat es bei Quadriga offenbar "seit mindestens 2016" nicht gegeben. Ebenso wenig gab es eine echte Trennung zwischen den Kryptowährungs- und Fiatgeld-Einlagen (also etwa Einzahlungen in Dollar) von Nutzern und dem Betreiber. Außerdem fehlte eine Übersicht darüber, wessen Geld wo hinterlegt war und ob Quadriga dank seiner Transaktionsgebühren profitabel arbeitet.
  • Cotten soll sich frei bei den Einlagen der Kunden bedient haben, um den Betrieb der Plattform aufrechtzuerhalten, aber auch signifikante Summen auf andere Plattformen überwiesen haben. Als Administrator konnte er sich frei im System bewegen, vollständig protokolliert wurden seine Aktionen dabei nicht.
  • Auf diesen anderen, nicht von ihm kontrollierten Plattformen soll er die Ersparnisse seiner Kunden verwendet haben, um mit verschiedenen Kryptowährungen - darunter die einst als Parodie gedachte Dogecoin  - zu handeln. Allerdings machte er dabei auf mindestens einer Plattform "substanzielle Verluste" zulasten seiner Kunden, die von alldem nichts wussten.
  • Auf einer weiteren Kryptobörse hat Cotten der Untersuchung zufolge rund 21.500 Bitcoin eingezahlt und sich diese im Verlaufe von drei Jahren wieder auszahlen lassen - in Form von insgesamt etwa 80 Millionen kanadischer Dollar. Mindestens ein Teil der Bitcoin, vielleicht aber auch alle, stammten von Quadriga und dessen Kunden.

Cottens Pseudonyme: Aretwo Deetwo und Seethree Peaohh

  • Auf Quadriga betrieb Cotten 14 Accounts unter Pseudonymen wie Aretwo Deetwo und Seethree Peaohh. Offenbar war Cotten ein "Star-Wars"-Fan, denn diese Pseudonyme werden wie R2-D2 und C-3PO ausgesprochen, die Namen der berühmten Droiden aus der Filmreihe.
  • In diesen Accounts waren angeblich große Summen in Fiat- und Kryptowährungen hinterlegt, in einem sogar 220 Millionen kanadische Dollar und 34.806 Bitcoin. Doch die Prüfer kamen zu dem Schluss, dass 99 Prozent dieser Summen schlicht nicht existierten. Cotten soll die Beträge einfach erfunden haben, um damit den Handel auf Quadriga aufrechterhalten zu können. Die dadurch aber tatsächlich anfallenden Transaktionsgebühren verbuchte Quadriga für sich.
  • Cotten hat außerdem Fiat-Einlagen seiner Kunden an Firmen überwiesen, die er und Robertson kontrollierten. Damit kauften sie unter anderem Immobilien, eine Segeljacht, Luxusautos sowie Gold- und Silbermünzen, und sie "reisten regelmäßig in Urlaubsregionen, oftmals mit Privatjets", wie es im Bericht heißt. Andere Einkommensquellen als Quadriga hatten weder Cotten noch Robertson.

Insgesamt schuldet Quadriga rund 76.000 Nutzern die Summe von 214,6 Millionen kanadischen Dollar, das entspricht 143 Millionen Euro. Bisher haben die Wirtschaftsprüfer nur rund 33 Millionen kanadische Dollar aus verschiedenen Quellen zurückgewinnen können. Auf den Rest werden die Betroffenen noch lange warten müssen.

Im Bericht heißt es: "Angesichts der Natur der Blockchain und der Kryptowährungs-Branche einschließlich jener Privatsphäre- und Vertraulichkeitsfunktionen, die für Investoren so attraktiv sind, wird es eine Herausforderung sein, die Geldreserven und sonstigen Güter nachzuverfolgen".

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