Rabiates Vorgehen Facebook wirft Nutzer mit ungewöhnlichen Namen raus

Ein Verdacht reicht aus - und Facebook löscht Nutzerprofile ohne Vorwarnung: Wessen Name den Facebook-Mitarbeitern fiktiv vorkommt, fliegt raus. Das trifft Spaßvögel mit Fake-Accounts genauso wie User mit ungewöhnlichen Nachnamen wie Strawberry oder Istanbul.

New York - Zwei Jahre lang hat sich Alicia Istanbul bei Facebook mit Freunden und Bekannten vernetzt. Auf einmal aber war ihr Account gesperrt. Von einem Tag auf den anderen war damit nicht nur ihre Verbindung zu 330 Personen abgeschnitten - unter ihnen viele, zu denen sie keinen anderen Kontakt hatte als Facebook. Auch die Werbeseite für ihr Schmuckgeschäft, die sie dort eingerichtet hat, war nicht mehr zugänglich.

Alicia Istanbul in ihrem Büro: Facebook kappte die Verbindung

Alicia Istanbul in ihrem Büro: Facebook kappte die Verbindung

Foto: AP

Alicia Istanbul wurde zum Verhängnis, dass sie einen ungewöhnlichen Namen hat. Und Facebook hat gerade eine Kampagne gestartet, alle "fake accounts" zu löschen, also Nutzerkonten, die nicht wie gefordert den richtigen Namen angegeben haben. Für dieses Anliegen hat Istanbul ja Verständnis. Aber ganz und gar nicht verstehen kann sie, warum Facebook sie nicht einfach gefragt hat. "Sie sollten vorher wenigstens einen Warnhinweis schicken", klagt sie. "Ich war dort den ganzen Tag unterwegs. Ich habe mein gesamtes soziales Netz darauf angelegt. Und das ist es ja schließlich, was Facebook auch will."

Das Problem mit den Namen von Accounts macht deutlich, dass Facebook zunehmend Schwierigkeiten hat, angesichts der gewaltigen Menge von mehr als 200 Millionen Nutzern seine Regeln durchzusetzen. Diese wurden in einer Zeit aufgestellt, als es noch sehr viel weniger Mitglieder gab und als Facebook noch eine ziemlich einheitliche Community mit akademischer Ausrichtung war. Um sicherzustellen, dass sich die Mitglieder auch wirklich mit ihrem richtigen Namen anmelden, führt Facebook eine ständig aktualisierte schwarze Liste mit Namen, die bei der Anmeldung nicht akzeptiert werden.

Protestgruppe mit mehr als 3000 Mitgliedern

Auf der Liste stehen sowohl fiktive Figuren wie Batman als auch Namen von Personen, die gerade Schlagzeilen machen wie etwa die schottische Amateursängerin Susan Boyle. Zwar gibt es bei Facebook schon länger einige Mitglieder mit diesem Namen. Seit die 47-Jährige berühmt geworden ist, ist es aber für Trägerinnen dieses Namens nicht mehr so einfach, einen Account bei Facebook einzurichten.

Facebook: Das Weltnetz

Facebook-Sprecher Barry Schnitt räumt ein, dass es im Umgang mit Nutzernamen zu Fehlern gekommen sei. Er entschuldigt sich für alle Schwierigkeiten, die deswegen entstanden sind. Aber solche Fälle wie der von Alicia Istanbul seien sehr selten. Deswegen verzichte Facebook auch auf Hinweise zu der bevorstehenden Schließung. "Bei der sehr großen Mehrheit von Personen, deren Account wir stilllegen, hören wir nie wieder etwas davon." Weil Facebook weltweit nur etwa 850 Mitarbeiter hat, dauert es lange, bis es auf Beschwerden eine Antwort gibt. Alicia Istanbul, deren Familie tatsächlich aus der türkischen Stadt stammt, sagt, es habe drei Wochen gedauert, bis ihr Account wieder aktiv war. Erst schrieb sie E-Mails, dann schickte sie auf dem Postweg Beschwerdebriefe an insgesamt zwölf Facebook-Angestellte.

Um nicht ganz von ihren Kontakten abgeschnitten zu sein, nutzte sie den Account ihres Mannes mit. "Ich vermute, sie gehen davon aus, dass man einfach keinen interessanten Namen haben kann. Ich habe meinen Mädchennamen behalten, weil er so interessant ist. Ich wollte ihn nicht aufgeben. Und nun muss ich meinen Namen verteidigen." Nutzer mit ähnlichen Problemen haben sich in der Gruppe "Facebook: don't discriminate against Native surnames!!!" zusammengeschlossen.

Dort gibt es bereits mehr als 3200 Mitglieder, unter ihnen viele mit indianischen Namen. Es sei schon ein bisschen entwürdigend, wenn der eigene Account erst geschlossen werde und man dann noch Beweise für die eigene Identität liefern müsse, sagt die Gründerin der Gruppe, Nancy Kelsey. Ihre indianische Freundin war zeitweise von Facebook ausgeschlossen, weil sie Robin Kills The Enemy heißt. "Die Namen von Native Americans haben immer eine besondere Bedeutung", sagt Kelsey. "Sie sind mit Stolz verbunden, und mit Identität."

Zwang zu falscher Schreibweise

Istanbuls Schwester, Lisa Istanbul Krikorian, wurde ebenfalls von Facebook ausgeschlossen. Daraufhin eröffnete sie einen neuen Account ohne ihren Mädchennamen. Ihre Mutter und ihr Cousin, die erst kürzlich dem Netzwerk beitraten, durften sich nicht mit ihren echten Namen anmelden. "Sie mussten ihren Nachnamen falsch schreiben", erklärt Alicia Istanbul. Ihre Mutter konnte sich nur mit dem Namen "Istannbul" anmelden, ihr Cousin hängte seinem Namen noch ein "e" an: "Istanbule".

Ähnliche Verrenkungen mussten auch die Träger des Namens Strawberry machen. So findet man bei Facebook jetzt Nutzer mit den Namen "Strawberri", "Sstrawberry" oder "Strawberrii". Das allerdings macht es schwierig, alte Freunde wiederzufinden, worauf Facebook so stolz ist, dass dies mit Hilfe der Plattform gelingt. "Niemand findet dich, wenn dein Nachname falsch geschrieben ist", sagt Istanbul.

Facebook erklärt, dass die "Echtnamen-Kultur" zu den Gründungsprinzipien gehöre. Damit werde "eine sicherere und vertrauensvollere Umgebung für alle Nutzer geschaffen", erklärt Schnitt. "Wir verlangen, dass die Leute das bei uns sind, was sie wirklich sind." Aber eine einfache Namenssuche bei Facebook zeigt, dass der hehre Grundsatz kaum durchgesetzt werden kann. So finden sich immer noch ungewöhnlich viele Accounts mit zumindest zweifelhaften Namen wie "Stupid", "I.P. Freely" oder "Seymour Butts". Einige Accounts wurden offenbar nur spaßeshalber eingerichtet, andere aber wollen auch bewusst Anonymität erreichen.

Steve Jones, Professor für Kommunikation an der University of Illinois in Chicago, hält die Forderung nach den echten Namen dennoch für sinnvoll. Damit werde die Glaubwürdigkeit der Facebook-Kommunikation erhöht. Bei Zweifeln sollte Facebook aber den Nutzer erst einmal benachrichtigen. "Bei jeder Schließungsaktion ist der erste Schritt eine Mitteilung", sagt Jones. "Warum die Eile? Warum wird keine Erklärungsfrist von 24 oder 48 Stunden eingeräumt?"

Barbara Ortutay, AP