Radio interaktiv Seifenoper zum Mitmachen

Das Internetzeitalter, heißt es, mache aus dem Zuschauer einen "Mitmacher" - in allen Medien. Erste Erfolge in dieser Richtung feiert ein Medium, von dem man das zuletzt erwartete: Pfiffige Radiomacher kombinieren Radio, Internet und Telefon, binden ihre Hörer ein in neue, interaktive Sendeformate.

Am Mittwoch, 1. März, schreibt in Deutschland nicht nur die umstrittene TV-Show "Big Brother" Mediengeschichte: Auch das gute alte Radio erlebt mit der ersten interaktiven Daily Soap eine Premiere besonderer Art. Und während bei der RTL-2-Show in Köln die Zuschauer nur alle zwei Wochen über den Verbleib eines Kandidaten im "Wohnkäfig" abstimmen können, dürfen sich die Hörer der Sendung "Bei Anruf Soap"  beim Deutschlandradio weit kreativer einbringen.

Per Telefon, Fax oder E-Mail können sie bei dem bundesweit ausstrahlenden Sender täglich (14.05 Uhr) zusammen mit sechs im Studio versammelten Schauspielern die Seifenoper gestalten. Jede Woche gibt es ein anderes Thema: einmal einen Krimi, dann einen Western oder ein Horror-Hörspiel.

Festgelegt sind für das jeweils 25 Minuten lange Stück nur grobe Eckdaten, der Rest hängt von der Phantasie der Hörer und der Schauspieler ab. Jeder von ihnen verkörpert dabei einen klischeehaften Soap-Charakter, der in allen Genres in Abwandlung wieder auftaucht: Vertreten sind der Pascha, die Diva, der Bewahrer, der Pechvogel und die Rebellin. Hinzu kommt der von "Schreibschwierigkeiten" geplagte Autor, der die Sendung mit den Hörern moderiert.

In der ersten Woche, in der sich die Truppe eine "Familientragödie aus den amerikanischen Südstaaten" à la "Dallas" vorgenommen hat, funktioniert das so: Ein Ehepaar - Marty (Pascha) und Catherine (Diva) - streitet sich. Der Autor wird dann die Hörer nach Ideen fragen, worüber sie streiten. Wenn später der schwerreiche Vater von Catherine zum Familientreffen lädt, dürfen die Hörer entscheiden, welches Imperium er aufgebaut hat.

Mit der Improvisation sind die sechs Akteure im Studio bestens vertraut. Sie haben nicht nur bei Fernsehen, Bühne oder als Synchronsprecher Erfahrungen gesammelt, sondern sind auch durch den Berliner "Theatersport" gestählt. Dabei müssen auf Varietébühnen zwei miteinander konkurrierende Schauspielertruppen in Sekundenschnelle neue Ideen umsetzen. Für das Hörspiel stehen den Akteuren im Studio außerdem Geräusche und Töne aus der "Konserve" zur Verfügung.

Produziert wird die "Soap" für das Deutschlandradio von der Berliner Firma Raumstation , die bereits mit Erfolg interaktive Sendungen für andere Sender ("Ohrenzeuge" beim ORB und "Telefonhörermassaker " bei Eins Live/WDR) macht. "Wir wollen zurück zum Live-Hörspiel", sagt Diana Doko von Raumstation. Die Berliner wollen dabei an die Tradition der dreißiger Jahren anknüpfen, als viele Hörspiele live - allerdings mit festem Skript - produziert wurden.

Zugleich sollen die multimedialen Möglichkeiten des Internet voll genutzt werden: Die Hörer können nicht nur live im Internet die Sendung verfolgen, sondern auch über eine Webcam die Schauspieler auf der Homepage beobachten. Einmal pro Woche lädt der Autor der "Soap" zum Treff im Chatroom. Außerdem können alte Folgen der Sendung jederzeit im Internet abgerufen werden.

Nach dem Südstaaten-Auftakt geht es in den kommenden Wochen quer durch alle Groschenroman-Motive weiter, vom "romantischen Monaco- Krimi" bis zur Science-Fiction-Story. Geplant ist aber auch eine Geschichte, bei der das Thema "Woody Allen in Niedersachsen" weitergesponnen werden soll.

Thomas Maier