Fake-Interview mit YouTuber »Bild«-Zeitung zieht Bericht über Drachenlord zurück

Die »Bild«-Zeitung ist offenbar auf eine Fake-Persona des YouTubers Drachenlord hereingefallen. Der Streamer ist seit Jahren im Visier von Trollen. Das Blatt entschuldigte sich inzwischen bei ihm und will Anzeige erstatten.
Rainer Winkler im Herbst 2022 vor dem inzwischen abgerissenen Haus in seinem ehemaligen Heimatort

Rainer Winkler im Herbst 2022 vor dem inzwischen abgerissenen Haus in seinem ehemaligen Heimatort

Foto: DER SPIEGEL

Die »Bild«-Zeitung ist offenbar auf Onlinetrolle hereingefallen, die dem Blatt ein falsches Interview mit dem YouTuber Rainer Winkler gegeben haben. In dem Anfang Januar veröffentlichten Bericht fanden sich unter der Überschrift »Der meistgehasste Mann des Internets« mehrere Zitate aus einem vermeintlichen Interview mit dem YouTuber aus Mittelfranken, der im Netz unter dem Namen Drachenlord bekannt ist.

Wie sich inzwischen herausgestellt hat, stammen die Aussagen nicht von Rainer Winkler. Am Dienstag meldete sich der 33-Jährige in einem Livestream zu Wort und stritt ab, der »Bild«-Zeitung ein Interview gegeben zu haben. Er kritisierte die Zeitung für ihren Bericht.

Die »Bild« hat den Artikel inzwischen gelöscht und am Donnerstag einen Korrekturhinweis abgedruckt. »Wir bitten unsere Leser und Herrn Winkler um Entschuldigung«, hieß es dort. Gegenüber dem Fachportal Medieninsider  erklärte ein »Bild«-Sprecher, dass man inzwischen davon ausgehe, von einem oder mehreren Betrügern angegangen worden zu sein.

Bekennervideo veröffentlicht

Rainer Winkler wird seit mehreren Jahren im Netz und teilweise auch im echten Leben von Trollen erniedrigt, gemobbt und angegriffen. Er ist zur Zielscheibe in Deutschlands größtem Cybermobbing-Fall geworden. Winkler sieht sich einer Szene sogenannter Hater gegenüber, die ihn immer wieder mit neuen Aktionen mobben und provozieren. Teilweise ließ Winkler sich zu Gegenangriffen hinreißen und griff Gegner körperlich an.

Offenbar wurde auch das fingierte Interview aus der losen Szene der Hater heraus inszeniert. So ist auf einem YouTube-Kanal, der regelmäßig über Aktionen von Winklers Anti-Fans berichtet, inzwischen eine Art Bekennervideo aufgetaucht. Dort erklärt ein anonymer Nutzer, dass er die »Bild«-Zeitung habe davon überzeugen können, das Interview nur per Mail und nicht bei einem persönlichen Treffen zu führen.

»Erhebliche kriminelle Energie«

In Kanälen der Hater-Szene wurden inzwischen außerdem die vermeintliche Kommunikation zwischen dem falschen Drachenlord und der »Bild«-Zeitung und auch die mutmaßlichen schriftlichen Antworten auf die Interviewfragen veröffentlicht, aus denen die »Bild«-Zeitung schließlich zitierte. Demnach sprach der Fake-Drachenlord in einer Antwort unter anderem über die behördliche Unterstützung durch eine gewisse Sandra Winkelspecht vom Landratsamt. Allerdings arbeitet Winkelspecht gar nicht bei dieser Behörde, sondern ist in Wirklichkeit Bürgermeisterin von Emskirchen, Winklers ehemaligem Heimatort. Die Autoren hinter dem Fake-Winkler gaben sich in dem Schreiben über weite Strecken Mühe, die Ausdrucksweise des YouTubers zu imitieren.

Die »Bild«-Zeitung spricht inzwischen von »erheblicher krimineller Energie« und hat angekündigt, Strafanzeige zu stellen. Der Reporter habe sich amtliche Ausweisdokumente schicken lassen, der oder die Täter hätten jedoch mit Fälschungen agiert. Die Szene von Winklers Anti-Fans ist allerdings bekannt dafür, sich private Informationen ihres Opfers zu besorgen und im Netz zu leaken, wodurch die Echtheit von Informationen im vorliegenden Fall nur schwer zu verifizieren ist.

Rainer Winkler hat bisher nur selten Interviews mit Journalisten geführt. Anfang des Jahres traf er sich mit einer Reporterin der »Nürnberger Nachrichten« für eine umfassende Reportage über den eskalierenden Hass und seinen Umgang damit . Im Herbst erschien im SPIEGEL ein Interview mit Winkler, das auf mehreren persönlichen Treffen basierte. Darin schilderte er, wie er nach dem Verkauf seines Hauses wegen der Hater zeitweise von Unterkunft zu Unterkunft ziehen musste, weil seine Gegner immer wieder dafür sorgen, dass er aus Hotels vertrieben wird.

hpp
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