Netzattacken Cyber-Spanner beobachten Frauen heimlich per Webcam

Sie verschaffen sich Zugriff auf fremde Rechner - und spionieren ihre Opfer über deren eigene Webcam aus: Sogenannte Ratter stalken ahnungslose Frauen, dann veröffentlichen sie Fotos und Videos im Netz. Die Betroffenen haben meist nur unbedarft auf etwas geklickt.
Nutzerin vor Webcam (Symbolbild): Videos von ahnungslosen Menschen auf YouTube

Nutzerin vor Webcam (Symbolbild): Videos von ahnungslosen Menschen auf YouTube

Foto: Corbis

Es ist eine Horrorvorstellung: Man sitzt in Schlabberkleidung vor dem Rechner, isst eher unelegant eine Pizza. Doch dann wird die Szene aufgezeichnet und im Netz veröffentlicht. Intimste Momente - für jedermann sichtbar. Das Schlimme: Das passiert ständig. Hacker verschaffen sich immer öfter Zugang zu den Rechnern wildfremder Personen. Über die Webcam können sie jede Bewegung ihrer Opfer sehen.

In einem ausführlichen Artikel widmet sich "Ars Technica"  der Bedrohung durch Hacker, die Rechner von Privatpersonen infizieren, sie systematisch ausspähen, per Webcam beobachten und ihre Dateien klauen. Hacker ist eigentlich zu viel gesagt, denn ein ausgeprägtes technisches Wissen ist für diesen Angriff nicht nötig. Es reicht eine gute Anleitung und eine Fernwartungssoftware (Remote Administration Tool, RAT). So etwas wird eigentlich genutzt, um sich aus der Ferne in einen Rechner einzuklinken, etwa um Reparaturarbeiten durchzuführen. Sehr praktisch eigentlich.

Doch wie so oft kann auch diese Technologie für einen anderen Zweck missbraucht werden. Und wenn ein sogenannter Ratter (abgeleitet vom Softwarenamen RAT) es schafft, einen Rechner zu infizieren, kann er mit einem solchen Werkzeug theoretisch Kontrolle über den ganzen Rechner erlangen. Kann alle Dateien und Aktivitäten sehen und per Webcam sogar sein Opfer.

Videos aus Privaträumen finden sich bei YouTube wieder

Das ist nicht neu, aber offenbar kommt es neuerdings ziemlich oft vor und in fragwürdigen Kreisen sogar in Mode. Wer sich auf YouTube unter entsprechenden Stichworten - etwa "RAT" und "Trolling" - umsieht, findet schnell Webcam-Videos von ahnungslosen Nutzern, die beispielsweise erstaunt feststellen, dass sich auf ihrem Bildschirm plötzlich von allein ein Fenster öffnet.

In einem einschlägigen Forum gibt es außerdem lange Forums-Threads, in denen sich - überwiegend männliche - Angreifer über ihr illegales "Hobby" austauschen. Sie zeigen Dateien aus den Ordnern ihrer - überwiegend weiblichen - Opfer herum. Sie nennen die Opfer "slaves" (Sklaven), prahlen damit, wenn sie besonders hübsche Mädchen ausspioniert haben und bieten sich ihre Opfer gegenseitig zum Tausch an - manche Zugänge werden sogar für Geld feilgeboten. "Ich steige für ein paar Monate aus der RATing-Szene aus, um meinen Kopf frei zu bekommen, und ich kann meine Sklavinnen nicht mitnehmen", schreibt einer zum Beispiel und bietet anhand von Fotos eine Auswahl an, für die sich ja vielleicht ein Abnehmer findet: "Ich gebe ein paar handverlesene Qualitäts-Sklavinnen ab. Alle von ihnen haben entweder keine Webcam-Leuchte oder merken zumindest nicht, dass es an ist."

In einem anderen Thread zeigen die Netz-Spanner einander zum Beispiel die ihrer Meinung nach "hässlichsten" Personen, die sie bisher ausspioniert haben: Zu sehen sind Menschen, die sich in der Nase bohren, denen das T-Shirt überm Bauch etwas hochgerutscht ist, die schlafen, trinken, koksen oder nur Unterwäsche tragen - Menschen, die abends auf der Couch sitzen und sich unbeobachtet wähnen. Auch Kinder sind auf den Bildern zu sehen.

Nate Anderson, der den Text für "Ars Technica" geschrieben hat, wundert sich vor allem über das fehlende Unrechtsbewusstsein der Angreifer. Tatsächlich zeigt ein Blick in die Foren: Sie feixen und spotten, erzählen aber auch mal, wie ein Opfer die Webcam zugeklebt hat oder den Angreifer nach einem Virenscan loswurde. Mehr noch aber brüsten sie sich mit gefundenen Fotos oder damit, wie leicht es war, den Rechner des Opfers zu infizieren - etwa über einen Link per Facebook-Nachricht oder über den Anhang einer E-Mail. Der Rest wird betrieben wie ein perverser Sport.

Tipps für potentielle Opfer

Nur selten scheint jemand Angst zu haben, erwischt zu werden - und die Gefahr ist wohl auch relativ gering. Zumal die Angreifer weltweit zuschlagen, sie sprechen von Opfern in Dänemark oder Indien, den USA oder Spanien. Betroffen sind meist arglose, unvorsichtige Nutzer, die von dem Stalking nichts mitkriegen - im schlimmsten Fall über Monate und Jahre. Stutzig werden vor allem diejenigen, an deren Rechner ein Licht aufleuchtet, wenn die Webcam in Betrieb ist. Doch selbst diese Nutzer kann manch findiger Spanner offenbar mit Hilfe einer gefälschten Fehlermeldung beruhigen.

Seit dem vielbeachteten Bericht machen im Netz Tipps gegen Angriffe der unerwünschten Cyber-Spanner die Runde: "The Atlantic Wire" beispielsweise schlägt vor , gleich einen Rechner zu kaufen, bei dem sich eine Lampe einschaltet, wenn sich die Webcam einschaltet - oder die Kamera abzukleben. Da das nur ein bloßes Symptom bekämpft (schließlich hat der Spion immer noch Zugriff, er sieht nur nichts mehr durch die Kamera), rät "Ars Technica " eindringlich zu mehr Vorsicht am Rechner: Ein gutes Anti-Viren-Programm und regelmäßige Updates sind wichtig, vor allem aber auch diese schlichte Regel: keine fragwürdigen Foren besuchen, keine zweifelhaften Anhänge in E-Mails anklicken, nichts Heikles kaufen oder herunterladen. Das ist das Minimum, mit dem aber schon manche Infektion vermieden werden kann.

juh