Ratgeber "Mich kriegt ihr nicht" Berechtigte Panikmache

"Mich kriegt ihr nicht" heißt ein Internetratgeber, der vor fast allem warnt, was das Netz an Möglichkeiten bietet. Trotzdem sind die Ratschläge zur "digitalen Selbstverteidigung" lesenswert.
Digitaler Datenschutz: Ein Ratgeber mit bedrohlichem Unterton

Digitaler Datenschutz: Ein Ratgeber mit bedrohlichem Unterton

Foto: Corbis

Wer das neueste Buch von Steffan Heuer und Pernille Tranberg zu Ende gelesen hat, traut sich womöglich kaum noch ins Netz. Über die ersten knapp 200 Seiten ist dort nämlich zu lesen, wie gefährlich alles ist, was wir im virtuellen Raum so treiben: Überall wird gespeichert und bespitzelt, zurückverfolgt und mitgelesen. Im Netz lauern große Konzerne, Kriminelle und Betrüger, neugierige Arbeitgeber, rachsüchtige Ex-Partner, Pädophile oder cybermobbende Jugendliche. Jede Information kann zum Puzzlestück und letztlich gegen uns verwendet werden. So etwa steht es in dem Buch - und leider ist das wahr. Auch wenn der ständige, auf ein möglichst mulmiges Gefühl abzielende Unterton des Buches zuweilen sehr lästig werden kann.

Die beiden Journalisten Heuer und Tranberg haben einen Ratgeber geschrieben, bei dem allein schon der Titel wie eine Kampfansage klingt: "Mich kriegt ihr nicht" heißt die deutsche Übersetzung, Untertitel: "Gebrauchsanweisung zur digitalen Selbstverteidigung". Wer sich selbst verteidigen will, muss sich aber erst einmal angegriffen fühlen, und falls das bei den Lesern bisher nicht der Fall sein sollte, hilft das Buch nach: In insgesamt dreizehn Kapiteln wird auch für Laien verständlich beschrieben, worin genau die Gefahren für ihre Daten im Netz bestehen und warum strikter Datenschutz nach Meinung der Autoren wichtig ist.

Tapsige Internetnutzer gehen ein Risiko ein

Mit Hilfe von Anekdoten und Einzelfällen erklären sie, was alles im Hintergrund passiert, wenn man im Netz surft, mailt, postet, einkauft, flirtet oder Pornos ansieht. Oder: was schlimmstenfalls passieren kann. Nicht selten übrigens auch wegen der Tapsigkeit der Nutzer. So wird die Geschichte einer Frau erzählt, die einen Videoclip mit den ersten Schritten ihres Kindes auf Facebook veröffentlicht hat. Erst einen Tag später merkt sie, dass sie "aus Versehen auch ein weiteres Video von ihrer Festplatte veröffentlicht hatte, das sie und ihren Mann beim Sex zeigte". Ja, nun.

Das Buch beschreibt, wie mancher Nutzer durch allzu unbedarftes Surfen, Teilen und Herunterladen im Netz Risiken für seinen realen Alltag eingeht, sei es durch einen unvorsichtigen Kommentar, den der Arbeitgeber mitliest oder durch wichtige E-Mails, die man unverschlüsselt verschickt. Typische Wendungen: "beunruhigender Trend", "extrem gefährlich", "Alptraum", "abschreckendes Beispiel" oder "Diktatur des Sharings".

Sinnvolle Tipps auch für Laien

Die gute Nachricht: Nach zwölf Kapiteln gnadenloser Sensibilisierung geben die Autoren praktische Tipps, wie man sich vor manchen Bedrohungen zumindest einigermaßen schützen kann. Und die sind gut. In verschiedenen Leveln wird Schritt für Schritt erklärt, wie man Cookies löscht oder E-Mails verschlüsselt, mit Hilfe von Tor anonym im Netz surft, sich Einwegtelefonnummern zulegt, sein Twitter-Konto löscht oder sich sicher bei Facebook bewegt.

Vor allem im letzten Fall raten die Autoren, sich ein Pseudonym zuzulegen, auch wenn das laut der Geschäftsbedingungen bei Facebook gar nicht erlaubt ist. Heuer und Tranberg raten zu einem möglichst gewöhnlichen Namen, falschem Geburtsdatum, falschem Geschlecht und falschen Vorlieben - im englischen Original heißt das Buch dazu passend übrigens auch "Fake it". Allerdings dürfte es nervtötend werden, die Internetadressen all der hilfreicher Dienste abzutippen. Die sind nämlich nicht als Kurzlinks, sondern in voller Länge abgedruckt - selbst dann, wenn sie 75 Zeichen lang sind.

Gesunder Menschenverstand hilft oft schon

Einige der genannten Fallen lassen sich aber ganz ohne Hilfsmittel, sondern allein durch gesunden Menschenverstand umgehen. Zum Beispiel sollte man seinen Aufenthaltsort im Restaurant vielleicht nicht unbedingt per Smartphone-App veröffentlichen, wenn man gerade krankgeschrieben ist. Vieles hat bei genauerem Hinsehen auch nur wenig mit dem Internet zu tun: So heißt es an einer Stelle, man solle sich rassistische, homophobe oder andere diskriminierende Äußerungen in sozialen Netzwerken "verkneifen" - das dürfte im realen Leben ja wohl nicht weniger gelten.

"Eine überaus notwendige Anleitung für Jung und Alt" soll das Buch laut Klappentext bieten, doch zwischen all den Tipps steht ein fast verräterischer Satz: "Falls Sie Fragen zur richtigen Vorgehensweise haben, fragen Sie einen Teenager." Vielleicht hatten die Autoren bei ihrem Ratgeber also doch weniger die sogenannten Digital Natives oder technikaffinen Nerds im Kopf - sondern die vielen, die das Internet ständig nutzen, ohne es wirklich zu verstehen.

Anders gesagt: Wenn Sie diesen Text lesen, weil Sie ohnehin jeden Text im Netzwelt-Ressort interessiert lesen, werden Sie diesen Ratgeber kaum brauchen. Wenn Sie aber gern online sind, obwohl Sie der ganze technische Computerkram gar nicht so genau interessiert: Kaufen Sie dieses Buch. Denn selbst wenn man sich an die Tipps nicht halten mag, erklärt es allgemeinverständlich, was mit unseren Daten passiert, sobald wir online gehen.


"Mich kriegt ihr nicht", Februar 2013, 240 Seiten, Murmann Verlag, 16,90 Euro

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