Digitale Gesellschaft: "Looking for Freedom" auf der re:publica
Internetkonferenz re:publica Auf der Suche nach dem wilden Internet
David Hasselhoff kommt nach Berlin. Auf Europas größtem Internettreffen, der re:publica, darf der "Baywatch"- und "Knight Rider"-Star am Dienstagnachmittag auf der größten Bühne auftreten. 1989 stand er an der Berliner Mauer und sang von Freiheit. Kurz darauf wurde Deutschland wiedervereinigt. Nun soll Hasselhoff ein Manifest für "digitale Freiheit" ins Leben rufen, im Auftrag einer Firma für Antiviren-Software.
Das Manifest muss allerdings erst noch geschrieben werden, von Freiwilligen gemeinsam im Internet. Die Themen stehen allerdings schon fest.
Auch Microsoft ist auf der re:publica vertreten. Am Mittwoch stellt der Konzern sein "Manifest für ein neues Arbeiten" vor. Vor ein paar Jahren dachten die kreativen Webnutzer noch, sie könnten den Konzernen erklären, wie Arbeit künftig aussehen soll.
An beiden Tagen will außerdem ein Autokonzern mit den Besuchern über Mobilität diskutieren, und eine Bank vergibt 8000 Euro für das Bloggen über Finanzen. Die Besucher der größten Internetkonferenz des Landes sind offenbar eine begehrte Zielgruppe für Unternehmen.
6000 Besucher erwartet
Ist der Friedensbotschafter Hasselhoff nur ein Werbegag? Tanja Haeusler, eine der Veranstalterinnen der re:publica, widerspricht: "Wenn man den Mainstream für Datensicherheit interessieren will, wer wäre dafür besser geeignet als David Hasselhoff?", fragt sie.
Ein Blick ins dicht gepackte Programm zeigt zudem, dass der Großteil des Programms ohne Unternehmensbezug auskommt. Rund 350 einzelne Veranstaltungen sind geplant: Es geht um den Überwachungsstaat, sprachpolizeiliche Ermittlungen werden angestellt, und ein Schwein wird geschlachtet.
Besonders stolz ist Tanja Haeusler auf die rund 160 Angebote auf Englisch. "Man kann die Konferenztage gut nur mit englischsprachigen Sessions verbringen", sagt sie. Dieses Jahr erwarten die Veranstalter 6000 Besucher, 1000 mehr als im Vorjahr. Anders als bei vielen Technikkonferenzen ist der Frauenanteil erfreulich hoch: "Rund 40 Prozent der Ticket-Käufer sind weiblich", sagt Haeusler.
#Aufschrei und Drosselkom
Die erste re:publica vor sieben Jahren war noch ein kleines Bloggertreffen. Rund 700 Menschen kamen damals zusammen und diskutierten über das "Leben im Netz". Seitdem wächst die Konferenz Jahr für Jahr. Weil das Leben im Netz mittlerweile selbstverständlich ist, geht es auf der re:publica zunehmend um Politik und Gesellschaft, nicht mehr bloß um Blognischen.
Vor drei Jahren riefen Netzaktivsten auf der re:publica ihren eigenen Lobbyverband aus, die "Digitale Gesellschaft". Im vergangenen Jahr feierten die Besucher die #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek und kritisierten die Drosselpläne der Telekom.
Dieses Jahr überschattet die NSA-Affäre das bunte Netztreffen. Wie schon beim Netzkunst-Festival Transmediale Anfang Februar stehen auch bei der re:publica digitale Selbstverteidigung, Whistleblower und das Verschlüsseln von E-Mails auf dem Programm. Eine eigene Subkonferenz, ausgerichtet von der Bundeszentrale für politische Bildung, befasst sich mit dem überwachten Netz.
"Into the Wild"
Statt Angst und Abwehr wünscht sich Tanja Haeusler einen Aufbruch: "Wir wollen ein neues Land kultivieren, Wege ins Chaos suchen." Das Motto der re:publica dieses Jahr: "Into the Wild", ab in die Wildnis. Nach den Snowden-Enthüllungen wollen die Konferenzveranstalter nach unerwarteten technischen Lösungen, überraschenden Impulsen und ungezähmter Netzkultur suchen.
Dabei soll nicht nur David Hasselhoff helfen, sondern eine Reihe weiterer Promis. Bianca Jagger will für Menschenrechte und Klimaschutz werben, Internet-Grantler Evgeny Morozov spricht, die Polit-Künstler "The Yes Men" treten auf. Medien-Philosoph Peter Weibel erzählt über "Infosphäre und Exo-Evolution". Drei Tage voller Programm, von denen SPIEGEL ONLINE für Sie berichten wird.
SPIEGEL ONLINE ist Kooperationspartner der re:publica. Die Veranstaltungen auf der Hauptbühne finden Sie bei uns im Livestream.