Elternsprechstunde auf der re:publica Hat Ihr Kind eigentlich schon ein Handy?

Das Digitale stellt viele Eltern vor Fragen: Wie lange darf das Kind ans iPad? Ab wann ist "Fortnite" oder ein eigenes Smartphone okay? Auf der re:publica geben Erziehungsexperten und Elternblogger Antworten.

Junge mit Tablet (Symbolbild)
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Wie gefestigt Eltern bei der Erziehung sonst auch sein mögen: Geht es um digitale Medien, sind sich viele Väter und Mütter unsicher. Ständig neue Entwicklungen werfen ständig neue Fragen auf.

Auf der Berliner Digitalkonferenz re:publica diskutieren vier Elternblogger und Erziehungsexperten in einer "Elternsprechstunde" über den richtigen Umgang mit Themen wie Smartphones, "Fortnite" und sicherem Surfen. Alle vier kennen sich gut mit dem Digitalen aus, einig sind sie sich aber keineswegs immer - wie schon ein Podcast zeigt, in dem sie vor der Konferenz Elternfragen beantwortet haben und der hier zu hören ist.

"Es gibt keinen goldenen Weg in Sachen Medienerziehung", sagt Patricia Cammarata, die vorab mit dem SPIEGEL gesprochen hat. "Vielleicht passt die eine Antwort eher zu der einen Familie und die andere eher zur anderen." Obwohl der Wunsch nach einfachen, für jeden passenden Empfehlungen nicht erfüllt werden könne, helfe oft bereits der Austausch zu vielen wichtigen Fragen.

Mit ihrem Podcast und ihrem Panel wollen die vier Digital-Experten Gedankenanstöße liefern - wie beispielsweise zu diesen sechs Fragen:

1. Wie lange darf mein Kind am Tag Medien nutzen?

Entscheidend ist laut den Vieren nicht die Frage Wie lange werden digitale Medien genutzt?, sondern die Frage Was genau wird gemacht? Danach soll sich dann auch die Länge der Nutzung richten, sagt Patricia Cammarata. "Es hängt aber auch stark davon ab, wie der Familienalltag drumherum aussieht, zum Beispiel wie viel Bewegung die Kinder schon hatten. Ganz viel muss wirklich im Einzelfall ausgehandelt werden."

In den Haushalten der vier Experten sehe es ganz unterschiedlich aus. In einer Familie etwa dürften die Kinder, nachdem sie sich den ganzen bisherigen Tag ausgepowert haben, bis zur Bettzeit ohne Beschränkung technische Geräte nutzen. In anderen gibt es strengere Regeln.

Ein festes Zeitlimit wie die klassische "halbe Stunde", die es noch aus Zeiten gibt, in denen hauptsächlich ferngesehen wurde, scheint in der Zeit von modernen Computerspielen wenig sinnvoll. "Wir empfehlen kein Zeitlimit", sagt auch Cammarata. "Aber wir haben in unserer Familie ein natürliches Zeitlimit durch die Regel 'Erst die Pflicht und dann die Freizeit'. Dadurch ist in der Zeit zwischen Hort und Abendessen mit viel Ehrgeiz höchstens eine Stunde drin."

Wer eine Entscheidung getroffen hat, müsse auch nicht für immer dabei bleiben, falls sie sich doch als unpassend herausstellt, findet Cammarata: "Wir hatten erst gar keine Zeiteinschränkung. Dann haben wir aber gemerkt, dass die Mediennutzung abends vor dem Einschlafen die Kinder nicht wirklich zur Ruhe kommen lässt. Deshalb haben wir jetzt eine Grenze gezogen: Bis zum Abendessen dürfen Medien genutzt werden, danach nicht mehr."

Allerdings prüften die Kinder genau, ob sich auch die Erwachsenen daran hielten und vor dem Einschlafen auf die Geräte verzichteten. Deshalb hätten sie als Eltern beschlossen, ab 21 Uhr ebenfalls die Handys wegzulegen. "Zu unserem eigenen Erstaunen haben wir festgestellt, dass wir nichts verpassen, sondern dass es uns und die ganze Familie entspannt."

2. Darf ein Kleinkind schon an den Computer?

Gerade erst hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Empfehlungen dazu ausgesprochen, wie viel Zeit Kleinkinder am Tag höchstens sitzend vor dem Bildschirm verbringen sollen. Entscheidend ist aber nicht allein die Zeitspanne, sondern auch die Begleitung dabei, sagen die Elternblogger. "Ein Kleinkind sollte nur Sachen ansehen, die seine Eltern sich schon ausreichend angeguckt haben", sagt Cammarata.

Ein dreijähriges Kind sei oft schon mit einer DVD zufrieden, die es zum wiederholten Male sieht, meint die Bloggerin. Da müsse es nicht YouTube mit Autoplay sein, wo vielleicht plötzlich irgendetwas auftauche, was das Kind erschrecke: "Bei so kleinen Kinder sollte es auf jeden Fall immer ein kontrolliertes Umfeld sein."

3. Ab wann darf mein Kind ein Handy haben?

"Die allgemeine Empfehlung ist ungefähr ab vierte Klasse plus minus ein Schuljahr - je nachdem, wie das Umfeld ist", sagt Cammarata. "Aber je früher man das macht, desto früher muss man mit dem Kind auch alles besprechen und ihm alles beibringen, was mit der Nutzung eines solchen Geräts zusammenhängt."

4. Inwieweit soll ich das Gerät meines Kindes überwachen?

Es dürfte vor allem eine Nachricht hängen bleiben, wenn man den vier Experten zuhört: Das Wichtigste ist, dass Eltern mit ihren Kindern reden, sich dafür interessieren, was sie im Internet tun. Dass man die Kinder in der digitalen Welt nicht allein lässt.

Aber ist es okay, bei Jugendlichen den Browserverlauf zu checken oder automatisiert nachzuhalten, welche App installiert wurde? "Ich bin kein großer Fan von Überwachung", sagt Cammarata, "zumal man den Kindern dadurch beibringt, dass es normal ist, überwacht zu werden. Aber gerade für die Anfangszeit kann man übergangsweise auf solche Technik zurückgreifen - sofern man es mit den Kindern abspricht."

Wenn alle Beteiligten davon wüssten, könne man ja vielleicht ein paar Stichproben machen und dann einfach langsam ausschleichen lassen. Die Privatsphäre der Kinder sei aber auch im Digitalen unbedingt zu wahren.

5. Wie können Eltern Regeln zu Videospielen aufstellen, die sie nicht kennen?

Es ist schwierig, ein Verbot oder eine Erlaubnis für ein Spiel zu erteilen, das man selbst nur vom Hörensagen kennt. Doch nicht jeder hat das entsprechende Equipment wie Spielkonsolen zu Hause, geschweige denn die Zeit oder das Können, jedes Spiel fundiert zu testen, bevor es dem Kind erlaubt oder verboten wird.

"Es gibt ja zum Glück YouTube, wo andere Menschen, die das können, diese Spiele spielen", sagt Cammarata. "Man kann sich dort Let's-Play-Videos mit Ausschnitten angucken oder im Spieleratgeber NRW eine pädagogische Einschätzung lesen."

In anderen Dingen seien Eltern recherchefreudiger: "Gerade im ersten Lebensjahr ist eine große Bereitschaft da, sich mit allen möglichen Themen unendlich lange auseinanderzusetzen und zu recherchieren: Was ist jetzt der beste Babyschlafsack oder was sind die besten Schuhe, wenn die Kinder anfangen zu laufen?", so Cammarata. Beim Thema der digitalen Medien fehle diese Bereitschaft.

Dabei könne man sich auch dort bestens informieren, zum Beispiel bei Initiativen wie Schau hin! (die auch Kooperationspartner der Elternsprechstunde auf der re:publica sind), Klicksafe oder Gutes Aufwachsen mit Medien. "Oft reicht es schon, einfach die komplette Frage in die Suchmaschine einzugeben", sagt Cammarata.

Cammaratas Erfahrung nach sind nur wenige Eltern bereit, sich einmal eine Stunde mit einem Spiel zu befassen. Oft werde nur nach Bauchgefühl entschieden. "Man kann den Kindern auch ruhig erst einmal nur sagen: Bei 'Fortnite' habe ich ein ungutes Gefühl, das erlaube ich vorerst nicht", findet sie. "Aber irgendwann muss man sein Gefühl ja mit Fakten oder Argumenten hinterlegen." Erst dann könne man seine Entscheidung treffen: "Das ist halt mühevoll."

6. Und wenn alle Freunde meines Kindes etwas dürfen, was mein Kind nicht darf?

"Es gibt natürlich diesen Gruppendruck", sagt Cammarata, "und vielleicht muss man sich in manchen Fällen auch selbst kritisch fragen, ob die eigene Entscheidung richtig ist. Aber ein Medienpädagoge hat uns mal gesagt: Wenn die Kinder behaupten, alle anderen hätten ein Handy oder dürften dies und das, soll man einfach am nächsten Elternabend mal die anderen Eltern fragen. In der Regel ist es dann maximal ein Drittel der Kinder, die das haben oder dürfen."

Wichtig sei es auch im Blick zu behalten, warum ein Kind etwas unbedingt wolle - etwa ein bestimmtes Spiel spielen oder einen bestimmten YouTuber ansehen: Ist es wirklich der Wunsch oder auch nur Gruppenzwang?

Sollten Eltern mit einem Spiel oder einem bestimmten YouTube-Kanal partout nicht einverstanden sein, sollten sie sich statt eines bloßen Verbots im Netz nach ernstzunehmenden Alternativen umsehen, empfiehlt Cammarata - etwa nach einem YouTuber, der etwas Ähnliches bietet.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
mborevi 06.05.2019
1. Handies braucht man nicht, wenn ...
... man halbwegs planen kann. Ich hatte mal eines der Ersten in den 1990er Jahren, habe aber schnell gemerkt, dass es nur ein Spielzeug ist und es wieder abgeschafft. Ich hätte heute keine Verwendung dafür. Alles, was heutige Maschinchen braucht, erledige ich zuhause am Computer in Ruhe. Unterwegs erfreue ich mich an der Natur und höre Vögeln zu (solange es noch welche gibt).
sozialismusfürreiche 06.05.2019
2. Handy? Mit Surfen und Telefonieren?
Also ich sehe da noch mehr Abstufungsmöglichkeiten. Ohne Sim-Karte und möglichst umfangreicher Deinstallation von Programmen hatte ich meinen Sohn mit 4 Jahren das Smartphone nutzen lassen. Er durfte damit: - seine Musik und Hörbücher per BluTooth Lautsprecher hören - Foto und Filme machen und wieder abspielen (da ist er jedes Mal stolz wie Oskar wenn das gelungen ist) - die App Radial nutzen Das wars auch schon. Und das wird noch eine Weile so bleiben.
markus_wienken 06.05.2019
3.
Zitat von mborevi... man halbwegs planen kann. Ich hatte mal eines der Ersten in den 1990er Jahren, habe aber schnell gemerkt, dass es nur ein Spielzeug ist und es wieder abgeschafft. Ich hätte heute keine Verwendung dafür. Alles, was heutige Maschinchen braucht, erledige ich zuhause am Computer in Ruhe. Unterwegs erfreue ich mich an der Natur und höre Vögeln zu (solange es noch welche gibt).
Da bin ich bei Ihnen, ein Handy benötige ich auch nicht. Mein Smartphone allerdings möchte ich auch unterwegs nicht missen.
mborevi 06.05.2019
4. Name ...
Zitat von markus_wienkenDa bin ich bei Ihnen, ein Handy benötige ich auch nicht. Mein Smartphone allerdings möchte ich auch unterwegs nicht missen.
... ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsglut ...(Goethe, Faust). Egal wie man sie nennt: Es ist für die Meisten nur Spielzeug. Einige wenige mögen sie heute wegen Planungsnotstands beruflich brauchen.
JürgenHammerbeck 06.05.2019
5. Warum nicht?
Es hängt allerdings von der Intelligenz der Eltern ab, was aus dem Kind wird. Wenn das Kind auch nur abhängt, spielt und ausschliesslich "whatsapp" kennenlernt, dann wird wohl aus dem Kind nichts. Hier gilt das Gleiche, wie am PC: nicht nur spielen, auch Programmieren spielerisch lernen, in Mathematik oder anderen Fächern anwenden.
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