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Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Patrick Beuth

Digitalkonferenz re:publica Künstliche Intelligenz? Einfach mal Nein sagen

Patrick Beuth
Ein Newsletter von Patrick Beuth
Ist KI wirklich bald allgegenwärtig? Erhöht sie unsere Produktivität und vernichtet Arbeitsplätze? Kritiker Jürgen Geuter, genannt »tante«, stellt die Grundannahmen des Hypes infrage.

Offiziell lautete das Motto der diesjährigen re:publica  »Cash«. Doch für mich es wäre ein Leichtes gewesen, mich auf der Berliner Digitalkonferenz ausschließlich mit künstlicher Intelligenz (KI) zu befassen, von Montag bis Mittwoch und von früh bis spät. Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops gab es dazu genug. Das Programmkomitee jedoch hat Humor bewiesen und schon am Montagmittag der Ein-Mann-Gegenkultur Jürgen Geuter  eine Bühne gegeben. Und der, vielen besser bekannt als »tante«, hat diese Bühne für einen so wuchtigen wie unterhaltsamen Auftritt genutzt: für eine Abrechnung mit dem KI-Hype und so ziemlich allem, was dann noch bis Mittwoch dazu behauptet und diskutiert wurde. Neben Meredith Whittaker , der Präsidentin der für die Messenger-App Signal verantwortlichen Signal Foundation, dürfte er einer der ganz wenigen gewesen sein, die sich in diesen drei Tagen gegen das vorherrschende KI-Narrativ gestemmt haben.

Eine Aufzeichnung von Geuters Auftritt können Sie sich hier ansehen . Aber falls Sie gerade keine Stunde Zeit haben, hier seine wichtigsten Punkte:

Die bisherige Kritik, findet der Informatiker, beschränke sich darauf, die PR-Botschaften der KI-Unternehmen unwidersprochen zu übernehmen und einfach nur maximal dystopisch zu interpretieren. Kaum jemand komme auf die Idee, erst einmal die Grundannahmen infrage zu stellen. Zum Beispiel die, dass KI »auf jeden Fall die Zukunft massiv in nahezu jedem Aspekt des Lebens prägen wird« und dass eine Alternative »nicht einmal denkbar« ist.

So etwas würden vor allem diejenigen sagen, die KI verkaufen – und die Mehrheit glaube es einfach. Die Folge, sagt Geuter: »Wir haben ›Zukunft‹ outgesourct an den Techsektor«. In früheren Zukunftsvisionen sei es darum gegangen, »wie die Welt sein sollte, und nicht, welches Produkt man braucht, um in der Zukunft zu sein«.

re:publica in Berlin: »Die Gefahr ist nicht, dass ›KI‹ so gut ist wie Menschen, die Gefahr ist, dass das deinem Boss egal ist«

re:publica in Berlin: »Die Gefahr ist nicht, dass ›KI‹ so gut ist wie Menschen, die Gefahr ist, dass das deinem Boss egal ist«

Foto: dts Nachrichtenagentur / IMAGO

Auch der angebliche Produktivitätsgewinn durch KI sei keineswegs gesichert. Seit den Siebzigerjahren ist dieser Effekt von neuen Technologien nicht mehr feststellbar, sagt Geuter mit Verweis auf Robert J. Gordon . Außerdem gehe Automatisierung oft mit einer Schwächung der Position von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern einher, das sage halt nur niemand gern laut. Schon jetzt gebe es Fälle, in denen ein Arbeitgeber Angestellte durch eine unausgereifte KI ersetze und dadurch seinen Profit steigere, auch wenn das Produkt dadurch schlechter wird. Geuter folgert daraus: »Die Gefahr ist nicht, dass ›KI‹ so gut ist wie Menschen, die Gefahr ist, dass das deinem Boss egal ist.«

Sein Vorschlag ist nicht weniger als ein Aufruf zum Widerstand: »Wir müssen lernen, zu bestimmten Systemen Nein zu sagen.« Denn »nichts, absolut nichts ist alternativlos«.

Geuter schlägt vor, nicht die Technologie in den Mittelpunkt der Debatten und der gesetzlichen Regulierung zu stellen. Sondern zuallererst Menschen, Communitys und Werte, um die Technologie nach ihrer Auswirkung darauf zu bewerten.

Ich habe Jürgen Geuter nach seinem Vortrag noch zwei Fragen gestellt. Zuerst wollte ich wissen, ob er in generativer KI – also ChatGPT, Midjourney, DALL-E, Stable Diffusion  und den ganzen anderen Generatoren digitaler Inhalte – irgendeinen gesellschaftlichen Mehrwert sieht. In anderen Worten: Hat diese Technologie eine positive Wirkung auf Menschen und Communitys? Seine Antwort lautete: So, wie sie momentan verwendet wird, sei sie »gesellschaftlich wertlos«. Der ganze Content, der generiert werde, sei nur »Zeug, das unsere Leitungen verstopft«. Das meiste sei nachweislich »langweilig«, die ganzen GPT-produzierten Texte könne und wolle niemand lesen.

Dann habe ich ihn gefragt, wie ein wirksamer, sichtbarer Widerstand gegen den KI-Hype aussehen könnte. Geuter sagt, das könne im Kleinen anfangen, mit einem Boykott durch Konsumentinnen und Konsumenten. Wer zum Beispiel ein Blog betreibe, könne darauf verzichten, Texte mit KI-generierten Bildern zu illustrieren. Man könne sich auch dagegen aussprechen, wenn andere Publikationen auf Bild- oder Textgeneratoren zurückgreifen: »Wenn ihr keine Lust habt, es zu schreiben, habe ich keine Lust, es zu lesen. Wenn ihr keine Lust habt, es zu fotografieren, habe ich keine Lust, es zu sehen.« Das allein ändere strukturell wenig. Aber es sorge für mehr Akzeptanz für eine gesetzliche Regulierung, zumindest innerhalb mancher Communitys: »Wer sagt, ich fahre Fahrrad und kaufe mir kein Auto, akzeptiert es auch, wenn Autos nicht mehr in die Innenstadt dürfen«, sagt Geuter. Auf diesem Weg werde es auch einfacher, »Politik dazu zu bringen, Regulierung vorzuschlagen«, ohne sofort fortschritts- und technikfeindlich zu klingen.

Auf der re:publica klingt es trotzdem immer noch ungewohnt, wenn jemand Nein sagt zu einer neuen Technologie.

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