Reaktionen auf Umbau "Facebook macht den 'Like'-Button überflüssig"

Das neue Facebook will ein minutiöses Protokoll vom Leben seiner Nutzer anfertigen. Für die neuen Funktionen gibt es Anerkennung von Experten - aber auch Kritik. Ein deutscher Datenschützer fürchtet den "gläsernen Bürger".
Mark Zuckerberg und der Comedian Andy Samberg: Facebook macht auf Apple

Mark Zuckerberg und der Comedian Andy Samberg: Facebook macht auf Apple

Foto: ROBERT GALBRAITH/ REUTERS

Hamburg - Facebook, mit rund 800 Millionen Nutzern das größte soziale Netzwerk, will mit neuen Funktionen zum Lebensarchiv werden. In dieser Woche stellte der Gründer des US-Unternehmens, Mark Zuckerberg, die Änderungen persönlich vor. So zeigt ein neues Profil, genannt "Timeline", von Facebook erfasste Daten in chronologischer Reihenfolge.

Außerdem können Angebote wie Netflix, Spotify oder Nachrichtenseiten automatisch protokollieren, wofür die Nutzer sich interessieren. Erlauben Facebook-Nutzer den Apps den Zugriff auf das eigene Profil, wird so zum Beispiel automatisch das Abspielen eines Liedes über Spotify in der Timeline vermerkt oder mit Freunden geteilt. Der Nutzer muss dazu nicht, wie bisher, einen "Like"-Button klicken oder eine Statusnachricht schreiben. Die Reaktionen auf den weitreichenden Facebook-Umbau fallen unterschiedlich aus - hier eine Auswahl:

  • Facebook schaffe die Privatsphäre ab, schreibt Ben Paar auf Mashable . Jedenfalls sei das Netzwerk auf dem besten Weg dahin, denn zum ersten Mal sei es einem Unternehmen im großen Stil gelungen, "passives Teilen" zu ermöglichen. Denn damit in der Timeline angezeigt wird, welche Musik man hört, welche Filme man sieht, ist künftig kein Klick mehr auf den "Like"-Button notwendig. Jetzt gebe es kein Zurück mehr: "Es dauert nicht mehr lange, dann wird unser Leben für alle unsere Freunde ausgestellt, und dann werden wir sehen, was Facebook angerichtet hat."
  • Die Konkurrenz sehe alt aus, schreibt M.G. Siegler auf TechCrunch . Erst habe Facebook den ersten praktikablen "Like"-Button erfunden, woraufhin etliche das Konzept kopiert hätten. Die Neuerungen seien für bestimmte Inhalte, zum Beispiel Musikstücke, schon mehr als ideal. Es sei so wie bei Apple: Das Unternehmen lege vor, und alle anderen würden zusehen, dass sie hinterherkommen. Statt immer neue Features, die mehr Zeit von den Nutzern erfordert, schaffe Facebook jetzt den "Like"-Button einfach ab - laut Siegler ist das schlicht die Zukunft.
  • Mit Phishing, Spam und Cyber-Stalking vergleicht Dave Winer  die neuen Facebook-Funktionen, die ohne das Zutun der Nutzer dessen Computernutzung speichern. Noch könne man Facebook allerdings entkommen, in dem man sich aus dem Netzwerk auslogge und alle Cookies lösche. Google sei da schon weiter: Wer Chrome, den Browser des Unternehmens nutze, könne der Datensammelei zwecks Profilerstellung gar nicht mehr entkommen.
  • "Über dieses wichtige Projekt wurde mir nichts gesagt, was nicht in Ordnung ist", sagte Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Die Grundphilosophie von Facebook sei, an möglichst viele Daten der Kunden zu kommen.
  • Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar sieht in den Neuerungen einen weiteren Schritt hin zum "gläsernen Bürger". Es gebe Menschen, die dazu neigen, "auch nach außen zu treten, die sich digital tätowieren", sagte er am Samstag im Interview mit dem Radiosender NDR Info. Aber diese Leute müssten deshalb trotzdem weiter die Kontrolle über ihre Daten haben. "Hier muss ganz klar sein: Facebook muss hier noch viel tun, um einen hinreichenden Schutz der Daten der Betroffenen herzustellen", sagte Caspar.
  • Mark Zuckerberg hat einen mutigen und riskanten Schritt gewagt, bloggt Thomas Knüwer . Nun werde das Profil noch viel stärker als bisher Ausdruck des Lebensgefühls eines Nutzers, zu seiner Heimat im Internet. Damit unterscheide sich Facebook stark von Google+. Knüwers These: Nur eines der beiden Netzwerke werde am Ende "durchkommen".
  • Nico Lumma denkt darüber nach , seine Facebook-Nutzung nun umzustellen - und lieber nur 100 Freunde in dem sozialen Netzwerk zu haben, um dafür aber auch wieder privatere Dinge mitzuteilen. Wer nun kritisiere, die Timeline sei ihm zu persönlich, der habe den Kern von Facebook nicht verstanden. Denn das Unternehmen wolle die persönlichen Erfahrungen seiner Nutzer abbilden.

ore/dapd/Reuters
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