Sascha Lobo

Rechte Political Correctness Wir müssen sagen dürfen - alle anderen nicht

Kaum etwas ärgert Rechte so sehr wie der Begriff Political Correctness. Dabei haben sie längst ein Gegenkonzept entwickelt: rechte Korrektheit.
Kölner Polizeieinsatz in der Silvesternacht

Kölner Polizeieinsatz in der Silvesternacht

Foto: Henning Kaiser/ dpa

"Vorverurteilung ist nicht so schnafte" - darf ich das wohl noch so sagen, nach #Breitscheidplatz und nach Köln 2? Oder bin ich dann schon Qualifikant für das Unwort des Jahres: Volksverräter?

"Das wird man doch wohl noch sagen dürfen" ist der inzwischen ikonische Satz, mit dem Rechte und Rechtsextreme spätestens seit Sarrazin immer neue Debattenräume erobern. Der Gottseibeiuns des Internets: vorgeblich gegen Sprechverbote, gegen Denkverbote, gegen Political Correctness.

Political Correctness (PC) ist ein, das Reizwort. Das dahinterstehende Konzept erscheint links, weil es um Sprachregeln geht, die Diskriminierung reduzieren sollen. Die Kritik an politischer Korrektheit kommt daher eher von konservativer, aber eben auch von rechter und rechtsextremer Seite.

PC assoziiere ich mit Anstand

"Anti-PC" war zum Beispiel ein wesentliches Element des Wahlkampfs von Donald Trump. Wenn in sozialen Medien die Rede ist von Political Correctness, folgen von Gegnern dieses Sprachkonzepts umgehend drei Wendungen:

  • Verschleierung und Beschönigung
  • Sprech- und Denkverbote
  • Angriff auf die Meinungsfreiheit und Zensur

Persönlich stehe ich dem Konzept "Politische Korrektheit" trotz der vorhandenen, weniger liberalen Tendenzen eher positiv gegenüber, weil ich es mit "Anstand" assoziiere. Und ich glaube nicht, dass die drei genannten Vorwürfe so pauschal haltbar sind. Auch wenn ich nicht den ganzen Weg mitgehen und etwa Gender-Sternchen in meinen Texten verwenden möchte.

Man muss die Gegner ernst nehmen

Im Kern bedeutet Politische Korrektheit, dass man Worten eine gesellschaftliche Wirkung beimisst und zur bewussten Verwendung in der Öffentlichkeit aufruft. Aber ich sehe, dass die Art und Weise, wie dieses Konzept bisher umgesetzt worden ist, zu oft zur Reaktanz geführt hat, also zur gegenteiligen der beabsichtigten Reaktion.

Instrumente zur Weltverbesserung - als solches betrachte ich Politische Korrektheit - müssen sich nicht nur an ihrer Absicht, sondern auch an ihrer konkreten Wirkung messen lassen. Die Kritik, dass sich politische Korrektheit trotz ihrer Toleranz-propagierenden Absicht für einen Teil des Publikums zu oft anfühlt wie ihr eigenes - nämlich intolerantes - Gegenteil, muss man daher ernst nehmen. Wenn man das Ziel einer weniger menschenfeindlichen Gesellschaft verfolgen will.

Unterdessen hat sich jedoch im Netz ein Gegenkonzept entwickelt - Political Correctness von rechts: rechte Korrektheit. Bei näherem Hinsehen wird jeder Vorwurf, der der linken Political Correctness gemacht wurde, von rechts aggressiver und ungebremster in der öffentlichen Debatte vorgetragen als je zuvor. Rechte Political Correctness streicht die positiven, mäßigenden Elemente der politischen Korrektheit weg und streift sich den antiliberalen Rest auf rechts gewendet über.

Peter lobte die Polizei

Weil die Republik als hilflose Antwort auf AfD-Erfolge und islamistischen Terror stückchenweise nach rechts rückt, treten auch rechte Sprach- und Denkverbote und Attacken auf die Meinungsfreiheit immer deutlicher hervor. Am besten zu beobachten anhand der Äußerungen von Grünen-Chefin Simone Peter zu der Verfahrensweise der Polizei Köln zu Silvester: "Die böse Polizei ist 1 schlimmer Rassistenhaufen und soll sich ins Knie..." - Moment, stimmt gar nicht.

Tatsächlich lobte Peter die Polizei dafür, dass "Übergriffe deutlich begrenzt" wurden. Sie schob dem Lob jedoch eine fragende Anmerkung nach: "Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden." Das war vielleicht vorschnell, aber doch im Ton zurückhaltend formuliert: "Stellt sich die Frage", "wenn". Man vergegenwärtige sich dabei, wie etwa CSU-Nebelhorn Andi Scheuer Kritik formuliert.

Ein Sturm der Entrüstung kam über Simone Peter - und in die Entrüstung hinein mischte sich blanker Hass. Samt des rechtsextremen Empörungsstandards gegen Frauen, die Person möge von Flüchtlingen vergewaltigt werden. Aber es pöbelten nicht nur die Rechtsextremen in sozialen Medien.

"Bild" als Hort rechter Political Correctness?

Auch die "Bild"-Zeitung beteiligte sich an der Hatz auf Simone Peter. Für eine Frage, die man nach Ansicht der "Bild" wohl nicht ungestraft stellen darf. Der Bild.de-Artikel war überschrieben mit "Dumm, dümmer, Grüfri", mit der Erklärung, "Grüfri" stehe für "Grün-Fundamentalistische-Realitätsfremde Intensivschwätzerin".

"Bild" hat sich damit - nach dem flüchtlingsfreundlichen Ausrutscher 2015  - eifrig im Werkzeugkasten rechter Political Correctness bedient. Stichwort: Sprechverbot. Es geht dabei um die Verhinderung der Debatte, darum, dass bestimmte Äußerungen nicht erlaubt sein sollen ohne sofortige Strafe am Wutpranger, Niederschreien, "Silencing".

Das ist die rechte Sprachpolizei, die fordert, man müsse doch wohl noch sagen dürfen - aber meint: Wir müssen sagen dürfen, alle anderen nicht. Das entlarvt die rechte Argumentation für eine vorgebliche "Meinungsfreiheit" als hohle Phrase, in Anlehnung an Rosa Luxemburg: Meinungsfreiheit ist die Freiheit der Andersmeinenden. Es ist daher ein Grund zur Sorge, wenn nicht nur die "Bild"-Zeitung, sondern auch bürgerliche Kommentatoren meinen oder implizieren, im Fall Polizei Köln dürfe nicht einmal debattiert werden .

Mediale Verantwortung hat sich mit den sozialen Medien verändert

Dahinter steht aber eine Lehre, die man als Linksliberaler aus dem Erstarken Rechter Correctness samt rechter Sprechverbote auch für sich selbst ziehen kann: Das Eskalationspotenzial sozialer Medien verändert die Wahrnehmung des Einzelnen dramatisch. Schnell steht man gefühlt oder tatsächlich einem digitalen Mob gegenüber - obwohl die meisten auf der anderen Seite glauben, sie seien ja bloß empörte, kritische, sarkastische Einzelpersonen.

Und das gilt eben für alle Seiten. Der dezentrale, digitale Mob - dessen Teil man ohne Absicht und ohne es zu bemerken werden kann - ist eine der wesentlichsten Netzerscheinungen, die in Sprechverboten und Beschneidung der Meinungsfreiheit münden. Denn er erzeugt Angst vor den Folgen einer Äußerung. Auf das Memo für 2017 kommt die Selbstfrage, Kant für Twitterer, gewissermaßen: Könnte ich mit meiner Kommunikation in sozialen Medien als Teil eines digitalen Mobs betrachtet oder missverstanden werden?

In Zeiten der Verquickung von Internetöffentlichkeiten und Politik, in Zeiten von Breitbart und Trump, in Zeiten einer rechten Political Correctness  ist die wichtige Erkenntnis: Das Problem ist nicht (nur), was Medien und Personen veröffentlichen, sondern vor allem, was deren Publikum darin für Aktionsaufforderungen in oft mobhaften Strukturen  sieht.

Mediale Verantwortung hat sich mit den sozialen Medien verändert. Es scheint, als hätten Worte eine stärkere Wirkung als je zuvor. Fast könnte man mal über ein gesellschaftliches Konzept nachdenken, Worte vorsichtiger und bewusster zu verwenden.

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