Rennsimulation "Gran Turismo 4" Rasen unter Eichenlaub

Renn-Fans in aller Welt haben sehnsüchtig darauf gewartet: Jetzt ist "Gran Turismo 4" da, die Rennsimulation, die alle anderen in Detailtreue und Vielfalt übertreffen will. Vom VW Käfer bis zum unbezahlbaren Concept Car können sich Spieler nun durch eine gewaltige PS-Hierarchie fahren.


Rennsimulation "GT4": Fallendes Eichenlaub

Rennsimulation "GT4": Fallendes Eichenlaub

Schon der Start ist ungewöhnlich. Sekunden, nachdem man die CD mit der Rennsimulation "Gran Turismo 4" ins Laufwerk der Playstation 2 geschoben hat, dringen ungewohnt ruhige Klänge aus den Lautsprechern. Kein "Bieep" und "Tirilie" sondern Streicher und ein Choral. Eichenblätter fallen sacht zu Boden. Die Kamera fängt ein Alurad, dann die vorderen Konturen eines Ford GT ein, streift nach hinten, zeigt den Rennwagen von allen Seiten. Im Hintergrund vergehen die Jahreszeiten.

Mit den poetischen Bildern hat es dann aber bald ein Ende. Schließlich soll "Gran Turismo 4" nach dem Willen seines Erschaffers Kazunori Yamauchi in erster Linie Motorsport simulieren. Das Ergebnis überzeugt. Während der Kampf um die Weltmeisterschaft in der Formel 1 gerade erst beginnt, scheint er auf der Playstation 2 fürs Erste entschieden.

Brot- und Butter-Autos als Basis

Knapp 700 Autos, 54 Strecken aus aller Welt: "Gran Turismo 4" gibt sich vielseitig, aber auch bodenständig. Die Basis bilden Brot- und Butter-Autos aus dem Alltag. Modelle von Audi, Ford, Toyota, VW, von fast allen großen und vielen kleinen Marken. Bis auf Ferrari und einige andere Sportwagenmarken umfasst die Palette so ziemlich alles, was vier Räder hat. Fiat 500, Daihatsu Copen, Ford Focus RS, AC 427 Cobra, Mercedes-Benz SLR, Toyota Triathlon Race Car '04, Auto Union Typ-C Stromlinie, also auch Showcars und Oldtimer.

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Gran Turismo 4: Tunen, Siegen, Kassieren

Nur wer sein Können zunächst mit den preiswerten Modellen unter Beweis stellt, darf sich später die begehrenswerten Einzelstücke in die Garage stellen: teure Sportwagen, kostspielige Rennautos und unbezahlbare Conceptcars. Zweite und dritte Plätze zählen dabei wenig, nur Siege spülen Preisgeld in die Kasse und öffnen Tore zu schnellen Autos und teuren Aufmotz-Teilen.

Im Unterschied zum Bestseller "Need for Speed Underground 2" stehen beim Tuning eher technische als optische Verbesserungen im Vordergrund. Wer zum Beispiel einem 20 Jahre alten Gebrauchten nur einen simplen Ölwechsel gönnt, haucht dem geschundenen Motor schon frisches Leben ein. Ein bisschen technisches Verständnis hilft: Wer die Funktion von Flügeln, Fahrwerk und Motorteilen versteht, kann effizient aufbretzeln.

"GT4": Tunen, Siegen, Kassieren

"GT4": Tunen, Siegen, Kassieren

Das Wechselspiel aus Tuning, Siegen, Preisgeldern und Autokäufen wirkt wie eine Droge. Ein großer Ansporn sind die offenen Zugänge. Wer eine Karriere als Rennfahrer startet, findet sich auf einer Weltkarte wieder, in der jede Menge Stationen zum Besuch locken: Lokale Rennveranstaltungen in USA, England, Japan, Deutschland und vielen anderen Ländern. Dazu Pokale für Modelle aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren, Rallyeprüfungen, Veranstaltungen auf Eis, Gebrauchtwagen-Meilen, Tuning-Shops und vieles mehr. Die Weltkarte erforschen, das ist als ob man bei der ersten Fahrt im neuen Auto alle Knöpfe ausprobiert.

Die Konzentration muss auf die Straße

Eine ausgefeilte Führung sorgt dafür, dass sich niemand im Labyrinth der Möglichkeiten verirrt. So wird die Konzentration des Spielers dahin kanalisiert, wo sie gebraucht wird, nämlich auf die Straße. Die realitätsnahe Simulation verlangt dem Spieler tatsächlich viel Fahrkönnen ab. Man muss sein Auto mit dem Gaspedal gefühlvoll um die Ecken zirkeln, präzise die Bremspunkte treffen, in Schikanen das Fahrzeug mit Pendelbewegungen um die Ecken schleudern.

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Rasen ohne Limit: Gran Turismo 4

Front-, Heck- oder Allradantrieb, Gewicht, neue oder alte Reifen: das Handling macht Unterschiede zwischen den Fahrzeugen fühlbar. Das gilt vor allem, wenn man an einem guten Force-Feedback-Lenkrad kurbelt, was tatsächlich bessere Rundezeiten zur Folge haben kann.

Teils wird in freier Natur, teils in Weltmetropolen, teils auf reinrassigen Rennstrecken gefahren. Das Highlight aus deutscher Sicht ist der überzeugende Nachbau der Nordschleife. Durch die für Videospiele ungewöhnliche Schärfe des Straßenverlaufs in großer Entfernung kann man vorausschauend fahren. Das dadurch Rundenzeiten etwas jenseits der Realität möglich sind, tut dem Unterhaltungswert keinen Abbruch. Denn das Schöne ist ja gerade, dass man mit etwas Training Zehntelsekunde um Zehntelsekunde von der Rundenzeit abschleift.

Spielszene: Rundenzeiten jenseits der Realität

Spielszene: Rundenzeiten jenseits der Realität

Training tut Not, denn die Computergegner brennen Zeiten in den Asphalt, dass man sich bei den ersten Versuchen fragt, wer die je schlagen soll. Aber es geht. Und die Piloten aus der Playstation geben einem das Gefühl, man fahre gegen Gegner aus Fleisch und Blut. Genau wie Menschen drängeln sie, quetschen sich in der Kurve vorbei, bremsen auch mal zu spät und rodeln durch das Gras. Ein bisschen rempeln, sich an andere Autos anlehnen, das ist erlaubt und sinnvoll. Grundsätzlich ernten aber eher faire Fahrer Siege.

Die Motoren könnten kerniger klingen

Durch die Verknüpfung von überzeugender Fahrzeugdynamik, gefühlvoller Steuerung und kampfbereiten Computergegnern ergeben sich spannende Positionskämpfe. Diese Intensität lässt einen kleine Fehler bei der Übersetzung der Bildtexte vom englischen ins deutsche vergessen.

Spielszene: Felgen, Lampen, Bleche

Spielszene: Felgen, Lampen, Bleche

Die Motoren allerdings könnten kerniger klingen; an den Sound von "DTM Race Driver 2" kommt "Gran Turismo 4" nicht heran. Überdies verursachen Rempler keine Schäden, weder an Kulissen noch Fahrzeugen. Und das Wetter bleibt immer gleich. Wenn Regen die Sonne ablösen würde, brächte das sicher zusätzlich Spannung ins Rennen. Auch Onlineracing fehlt.

Dass gesellige Piloten mehrere Konsolen vernetzen und sich am Splitscreen duellieren können, ist aber auch was. Einzelspielern fallen im alltäglichen Einsatz sowieso eher die hübschen Kleinigkeiten auf. Wie zum Beispiel die Taqeskilometeranzeige im Drehzahlmesser, der die Laufleistung jedes Autos einzeln mitzählt. Oder die Idee, dass man in der Renn-Wiederholung seinen Traumwagen knipsen, das Motiv per USB-Stick auf den PC überspielen und ausdrucken kann. Das Ergebnis sieht dann tatsächlich fast aus wie ein Foto. Selbst bei seltenen Sondermodellen stimmt das Design von Felgen, Lampen und Blechen bis ins Detail.

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Gran Turismo 4: Futter für Fahrzeug-Fetischisten

Daraus ergibt sich das vielleicht größtmögliche Kompliment, das man einer Rennsimulation machen kann: "Gran Turismo 4" behandelt die Themen Automobil und Motorsport mit ebensoviel Respekt wie den Spieler.

"Gran Turismo 4" . Erhältlich für Playstation 2, Version für PSP in Arbeit. Frei ohne Altersbeschränkung. Preis: ab 55 Euro. Hersteller: Sony/Polyphony Digital



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