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21. Juli 2012, 15:09 Uhr

Erste "Apollo"-Mondlandung

Live-Schalte ins Jahr 1969

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Was sich Jason Kottke da ausgedacht hatte, ist schon etwas Besonderes: Live und in Echtzeit ließ er die Besucher seiner Webseite noch einmal die "Apollo 11"-Landung auf dem Mond miterleben - allerdings nur, wenn sie auch zur richtigen Zeit einschalteten. Für uns andere gibt es Aufzeichnungen.

Jason Kottke ist Blogger, Web- und Schriftdesigner, und offensichtlich einer von der kreativen Sorte. In den letzten zwei Tagen machte Kottke die Besucher seiner Webseite zu Zuschauern der Mondlandung vom 20. Juli 1969 - und zwar in Echtzeit. Was unter anderem hieß, das man zwischen dem Touchdown der Landefähre und Armstrongs historischem Betreten der Mondoberfläche satte sechseinhalb Stunden warten musste.

So fühlt sich das also an, wenn Internet ganz konsequent Fernsehen spielt und Programm bietet:

"Moon landing broadcast start: 4:10:30 pm EDT on July 20
Moon landing shown: 4:17:40 pm EDT
Moon landing broadcast end: 4:20:15 pm EDT
Moon walk broadcast start: 10:51:27 pm EDT
First step on Moon: 10:56:15 pm EDT
Nixon speaks to the Eagle crew: approx 11:51:30 pm EDT
Moon walk broadcast end: 12:00:30 pm EDT on July 21"

Interessant ist das, weil es die normale Nutzung ad absurdum führt: Alles, was Kottke zeigte, ist auch auf Abruf bei YouTube erhältlich - er speiste seinen "Fernseher" aus dem Stream. Wer also will, kann sich diese Zeitzeugnisse ganz entspannt ansehen, Kottke hat sie natürlich auch bei YouTube auf einer eigenen Seite gesammelt. Man hat also nichts verpasst, wenn man von den 43 Jahren absieht, um die wir die echte Live-Übertragung verpasst haben.

Allerdings gibt es einen feinen Unterschied zwischen dem Live-Erlebnis und dem YouTube-Abruf. Was man dabei verliert, ist das Gefühl des virtuellen Beisammenseins, das den elementaren Unterschied zwischen den Medien so klar macht: Es ist ein Unterschied, ob man ein Ereignis zeitgleich mit anderen erlebt, oder on demand. Kottke scheint es genau darauf angekommen zu sein, denn die unterschiedliche Nutzung produziert offensichtlich ganz andere Bilder und Inszenierungen. Man könnte auch sagen: Medialität produziert Realität.

Kottke schreibt dazu: "Ich habe das ganze Ding mehrere Male angesehen, während ich das alles zusammenstellte, und zwei Dinge haben mich wirklich beeindruckt: 1.) dass es irgendwie verblüffender ist, dass Hunderte Millionen Menschen sich den ersten Mondspaziergang live im Fernsehen angesehen haben, als die Tatsache, dass die es überhaupt zum Mond geschafft haben; und 2.) dass es wohl so ziemlich der einzige Sinn dieses ersten Mondspaziergangs war, ihn aufzunehmen und live zur Erde zu übertragen."

Jetzt öffentlich: Nixons Totenrede für Armstrong und Aldrin

So war das wohl, denn die Motivation hinter dem "Apollo"-Programm war primär eine politische (siehe Bildergalerie).

Klar macht das auch ein Dokument, das ebenfalls am Wochenende öffentlich wurde - und noch irrealer erscheint als Kottkes um 43 Jahre verzögerte Live-Übertragung: Richard Nixons vorbereitete Rede für den Fall, dass die Astronauten Neil Armstrong und Edwin Aldrin es nicht schaffen sollten, zur Apollokapsel zurückzukehren.

Unwahrscheinlich war das nicht. Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Landung hatten die Piloten mit der Handsteuerung nachjustieren und zusätzliche Manöver fliegen müssen. Beim Touchdown hatten die Treibstofftanks noch Reserven für circa 20 Sekunden Brenndauer. Ein Scheitern des Starts oder auch nur fünf Sekunden zusätzlich nötiger Düseneinsatz hätte für Armstrong und Aldrin bedeutet, entweder innerhalb von Tagen zu ersticken oder durch Öffnen des Helms Selbstmord zu begehen.

Die von Bill Safire verfasste Totenrede sollte Nixon im Zweifelsfall schon halten, bevor die beiden tatsächlich tot gewesen wären. "Diese tapferen Männer", heißt es darin, "wissen, dass es keine Hoffnung auf Rettung für sie gibt. Aber sie wissen auch, dass in ihrem Opfer eine Hoffnung für die Menschheit liegt."

Die Rede landete am 18. Juli 1969 in Nixons Schublade. Zwei Tage vor der Landung auf dem Mond.

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