Rettung im Netz Demi Moore hilft selbstmordgefährdetem Twitterer

Demi Moore hat womöglich einen Teenager gerettet, indem sie ihm ein paar Minuten Aufmerksamkeit schenkte: Über Twitter sprach der Verzweifelte den Hollywood-Star an, Moore reagierte - am Ende griff die Polizei ein. Ein Lehrstück über Ruhm und Verantwortung im Zeitalter des Echtzeit-WWW.

Demi Moores Twitter-Profil: "Ist das wirklich ein Hilferuf?"

Demi Moores Twitter-Profil: "Ist das wirklich ein Hilferuf?"

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Demi Moore ist die Königin von Twitter, ihr fünfzehn Jahre jüngerer Gatte Ashton Kutcher der König. Moore hat knapp 2,6 Millionen "Follower", die ihre "Tweets" abonniert haben, Kutcher noch über eine Million mehr. Dieses Publikum beglücken die beiden mit gelegentlichen Einblicken in ihr Privatleben, mit Appellen, sich einem guten Zweck anzuschließen, manchmal auch mit öffentlichen Turteleien. "Ich vermisse dich, Baby", twittert Kutcher, Moore antwortet: "Du bist der Beste und der Süßeste, ich bin verrückt nach Dir, Mr Kutcher!"

Das wärmt das Herz des Fans und sorgt für familiäre Gefühle beim privat-öffentlichen Millionenpublikum. Hin und wieder aber eröffnet der Dienst auch Einblicke ins Leben auf der anderen Seite. Und nicht alle, die Twitter nutzen, um mit der Welt in Kontakt zu treten, sind so zufrieden wie das Powerpaar Kutcher/Moore.

Zum Beispiel Jeremy L.

Der 18-Jährige aus dem Vorort Casselberry, nördlich von Orlando, Florida, hatte sich seinen Twitter-Account offenbar gerade erst eingerichtet - mit nur einem Zweck: die Welt im Allgemeinen und Demi Moore im Besonderen über seinen bevorstehenden Suizid zu unterrichten. Ihm wurde etwas zuteil, von dem viele andere Mitglieder der Millionen-Zuhörerschaft wohl nur träumen können: Die Königin von Twitter erhörte ihn und trug damit wohl tatsächlich zu seiner Rettung bei. Es ist schon das zweite Mal, das Moore sich für einen Selbstmordkandidaten einsetzt. Sie hat plötzlich Verantwortung für Millionen von Fremden.

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Powerpaar: Asthon Kutcher und Demi Moore
Genau vier Tweets setzte der Teenager ab, der erste lautete: "Ich habe mein Leben versaut, ich denke darüber nach, mich umzubringen." Diesen Hilferuf hörte wohl niemand - denn wer sich bei Twitter neu anmeldet, hat erst mal keinen einzigen "Follower". Was immer er oder sie schreibt, wird niemand lesen, Twitter kann aus einsamen Menschen keine beliebten machen. Aufmerksamkeit gewinnt man in der Welt der 140-Zeichen-Botschaften nur, indem man jemanden direkt anspricht. L. suchte sich dafür Demi Moore aus.

Vierzig Minuten nach dem ersten Tweet schickte er einen zweiten, diesmal an "@mrskutcher", so heißt Moore auf Twitter. Eine adressierte Nachricht wie diese erreicht den Angesprochenen auch dann, wenn der demjenigen nicht "folgt", der sie absetzt. Ob man das Angesprochenwerden durch Fremde zulässt, ist jedem Twitter-Nutzer selbst überlassen. Moore betrachtet ihren Status als Königin der Herzen offenbar auch als Verpflichtung: Sie erlaubt ihren Fans, sich direkt an sie zu wenden. Und hört manchmal auch zu.

Glücklicherweise Name und Wohnort angegeben

Er werde sich gleich "an einem Baum vor meinem Haus aufhängen", twitterte L., er habe "keinen Grund mehr zu leben". Er werde das "in einem Live Feed übertragen", es kümmere ohnehin keinen, ob er sich aufhänge oder nicht. Moore reagierte prompt. Ob das wirklich ein Hilferuf sei, fragte sie zurück. "Ja" antwortete L., es war sein letzter Tweet.

Weil @mrskutcher ein Multiplikator ist und Twitter kaskadische Ausbreitung von Information begünstigt, setzte der kurze Austausch eine Lawine in Gang. Menschen von überallher interessierten sich plötzlich für das Schicksal von Jeremy L., klickten auf den "Follow"-Button in seinem Profil und sandten ihm aufmunternde Worte. Manche berichteten - in 140-Zeichen-Häppchen - von eigenen tragischen Erfahrungen und sprachen ihm Mut zu. Andere schickten die Nummern von Notfalltelefonen und Seelsorge-Hotlines. Die Schauspielerin und Regisseurin Nia Vardalos ("My Big Fat Greek Wedding"), die ebenfalls zu Moores Followern gehört, griff selbst zum Telefon, sprach mit einem Zentrum für Suizidprävention in Florida und sorgte schließlich dafür, dass die Polizei bei L. auftauchte. Glücklicherweise hatte der seinen vollen Namen und Wohnort bei Twitter angegeben.

Die Beamten hätten den jungen Mann "weinend vor dem Computer" vorgefunden, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Seine Mutter erklärte, ihr Sohn sei sehr empfindsam und leide unter einer Zwangsstörung.

Verzweifelte auf der Suche nach gütigen Riesen

Bereits im April vergangenen Jahres hatte Moore die Polizei alarmiert, nachdem eine Frau auf Twitter ihre Selbstmordabsicht kundgetan hatte.

Der aktuelle Fall macht einerseits deutlich, wie sehr Twitter die Ausbreitung und Bündelung von Aufmerksamkeit verändert hat: Wenn einer der Aufmerksamkeitsriesen in der Welt der Kurznachrichten seinen Blick einem der Zwerge zuwendet, kann das allein gravierende Auswirkungen haben. Ähnliches, wenn auch unter wesentlich erfreulicheren Umständen, erlebt gerade die 19-Jährige Amerikanerin Sarah Killen.

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Sarah Killen: Plötzlich berühmt

Der US-Komiker Conan O'Brian, der nach dem vorläufigen Ende seiner TV-Karriere Twitter als Publikationsform für sich entdeckt hat, hat sie als einziges Objekt seines Interesses innerhalb des Dienstes auserkoren: Er folgt Killen, bei Twitter "@Lovelybutton", sonst niemandem. Er habe sie zufällig ausgewählt, teilte O'Brian seinen knapp 700.000 Followern mit: "Sie mag Erdnussbutter und Gummi-Dinosaurier."

Killen hatte zu diesem Zeitpunkt drei "Follower" - jetzt hat sie knapp 30.000, sie ist berühmt. Lokale TV-Sender und Radiostationen stehen Schlange. Gemeinsam mit ihrem 21 Jahre alten Verlobten genießt sie ihre neue Popularität. "Total verrückt", findet die junge Frau den Vorgang.

Das Internet als Medium kann eben eines ganz besonders gut: Aufmerksamkeit umverteilen. Depressive wissen das schon lange. Dass verzweifelte Menschen im Internet Suizidabsichten kundtun, gehört zu den traurigen Konstanten in der Geschichte des WWW. Vor gut einem Jahr erhängte sich ein junger Pole vor laufender Webcam, im November 2008 nahm sich ein 19-Jähriger in den USA vor laufender Kamera mit Tabletten das Leben.

Die neue Macht, die Twitter den Aufmerksamkeitsriesen verleiht, hat somit auch eine Kehrseite: Öffentlichkeitswirksame Ereignisse wie die Rettung eines Selbstmordkandidaten werden Moore eher noch mehr Aufmerksamkeit einbringen - womöglich auch von Menschen, die ebenfalls verzweifelt und auf der Suche nach einem gütigen Riesen sind, der sich ihrer annimmt. Die märchenhaften Züge moderner Prominenz machen Menschen wie Kutcher oder Moore für manchen zu viel attraktiveren Ansprechpartnern als eine gesichtslose Seelsorge-Hotline.

Das Überwachen ihrer Twitter-"Timeline" könnte für Moore und viele andere Netz-Prominente zu einer äußerst belastenden Aufgabe werden.

insgesamt 15 Beiträge
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chagall1985 20.03.2010
1. Eine schöne Geschichte
Ein Paradebeispiel wie man mit Macht und wenig tun grosses erreichen kann. Jetzt werden mit Sicherheit zahllose Idioten mit einem kurzem Aufmerksamkeitsdefizit an Kutcher schreiben. Und solche sinnvollen Aktionen für die Nächste Zeit unmöglich machen. Das ist zugleich der Segen und der Fluch des Internets.
Der Daniel 20.03.2010
2. Skeptisch
...und das war kein PR-Gag? Hollywood trau ich zumindest alles zu...
Rockaxe 20.03.2010
3. Wer ist/war denn Demi...
... Moore nochmal, ach ja Schauspielerin die in den 80er und 90er Jahren einige nette und auch belanglose Spielfilme gedreht hatte, mit Patrick Swayze (r.i.p.) einen Tonklumpen durchmatschen durfte und ansonsten durch ihren Ex-Mann Bruce Willis glänzte. In letzter Zeit außer ein paar - nötigen, so daß man nicht ganz in das tiefe Loch der Annonymität eines B oder gar C Prommis abrutscht - Agenturmeldungen bezüglich ihrer Jetztehe mit Aston Kutscher nicht wirklich lohnenswertes hervorgebracht hat. Wenn das nicht eine gehypte Meldung ist.
lalale 20.03.2010
4. PR-Gag?
naja weis nicht... hat demi gerade nen film draussen oder in der mache... da meines wissens nicht, denk ich mal würde das als PR-aktion keinen sinn macht... es sei denn sie will werbung für ihren twitteraccount machen... was ja bei ihrer followerzahl relativ sinnfrei wäre...
Kassander, 20.03.2010
5. Was soll das?
Da machen die Spindoktoren eine tränenreiche PR-Kampagne für irgendeinen fast vergessenen Filmstar und gleich springt der Spiegel drauf. Was soll das? Welche Leser sucht ihr? Wenn jemand das "Herzblatt" lesen möchte, dann sucht er/sie dessen Seite auf. Hier bitte nicht!
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