Sascha Lobo

Rezo und die Folgen Konservative Katastrophenkaskaden

Konservativ zu sein, ohne sich öffentlich zur Knalltüte zu machen, ist heute schwerer als je zuvor. Danke, Internet.
Der Staub muss weg - Saubermachen bei der CDU

Der Staub muss weg - Saubermachen bei der CDU

Foto: Getty Images

Der Frühling 2019 ist das Fukushima der Konservativen im Internet, eine Verkettung von Unglücken, Katastrophen und Fehlleistungen, die anmutet wie ein Naturschauspiel, aber menschengemachte Gründe hat. Allein in den vergangenen zehn Tagen geschah Folgendes nur rund um den YouTuber Rezo, der in der digitalöffentlichen Selbstzerstörung des Konservatismus die Rolle des blauhaarigen Tsunamis übernommen hat und sie glänzend fortführt:

Das Gegenteil von "einen Lauf haben" ist "einen Einlauf kriegen", und der kommt verlässlich durch die sozialmediale Öffentlichkeit. In der üblichen Mischung aus giftigem Spott und plakativer Fassungslosigkeit wird den konservativen Fehlleistern widersprochen. Deren Reaktionen machen alles noch schlimmer, weil sie zu oft von Realitätsverlust, Bockigkeit und maximaler Herablassung zeugen.

Der "FAZ"-Redakteur sagt erst , dass Rezo für einen Werbekonzern Wahlwerbung gemacht habe. Dann behauptet er, er habe nicht gesagt, dass Rezo für einen Werbekonzern Wahlwerbung gemacht habe. Wie soll man jemanden, der im Netz so kommuniziert, in anderen Medien ernst nehmen? Ausgangspunkt war wohlgemerkt, dass der Profijournalist glaubte, eine der Grundtugenden des Journalismus, Quellenrecherche nämlich, in sozialen Medien nicht anwenden zu müssen. Was wie eine wirre Anekdote scheint, taugt doch als Schlüssel zum Verständnis der konservativen Katastrophenkaskade.

Die digitale Vernetzung hat den klassischen Konservatismus in eine umfassende Krise gestürzt. In einer Zeit des extrem schnellen, tiefgreifenden Wandels ist es schwerer als je zuvor, zu bewahren, ohne sich öffentlich zur Knalltüte zu machen. Zu leicht entlarvt sich dabei, dass ein guter Teil des konservativen Beharrens auf Werten doch nur das Festhalten an lieb gewordenen Gewohnheiten und Privilegien war.

Bizarro-bigotte Selbstwidersprüche

Die Ära der sozialen Medien aber ist eine ungünstige Zeit für Bigotterie, ständig wird man vom Digitalpöbel mit seinen eigenen Aussagen von früher konfrontiert oder gar selbst an den proklamierten Werten gemessen. Man kann dann nach trumpscher Manier entweder in eine Parallelrealität wechseln. Oder man verheddert sich in bizarro-bigotten Selbstwidersprüchen.

Dann fordern Konservative die Transparenz von politischen Akteuren im Netz, obwohl sie seit Jahren ein Lobbyregister verhindern, also Transparenz von der Union nahestehenden politischen Akteuren. Dann werden von einer Unionsfrau  (in der Digitaldebatte im EU-Parlament) die "rücksichtslosen kapitalistischen Großkonzerne" übel gescholten, während keine Partei rücksichtsloser Großkonzernpolitik macht als die Union.

Oder, um es mit der twitternden Privatgelehrten Christina Dongowski zu sagen : "Rezo und die anderen YouTuber*innen, die jetzt politisch unterwegs sind, sind wohl die ersten jüngeren Menschen, die von der CDU wegen wirtschaftlichen Erfolgs gedisst werden."

Fußpilz im Auenland

Dass solche Bigotterien so bestürzend offensichtlich zutage treten und die Reaktionen so unterhaltsam hilflos ausfallen, beschädigt den konservativen Markenkern des 20. Jahrhunderts - autoritäre Souveränität - stark. Am meisten leiden darunter übrigens diejenigen, die sich bereits der notwendigen Metamorphose des Konservatismus unterzogen haben. Es gibt sie ja, die Leute, die sinnvolle konservative Positionen übertragen haben ins 21. Jahrhundert. Sie dringen bloß zu selten öffentlich durch, weil abwägende, produktive Selbstzweifel in der Sensationalisierungsmaschine moderner Medien so gut ankommen wie Fußpilz im Auenland.

Die Krise des Konservatismus wurde von Merkels "Sie kennen mich"-Pragmatismus lange Zeit überschminkt. Auch wenn alles zusammenbricht, haben Konservative anders als Progressive immer einen letzten Fixpunkt: Konservatismus ist die Kunst, sich mit der Welt zu verwechseln. Das hört sich bösartiger an, als es eigentlich ist, ohne ein gewisses Maß an Selbstzufriedenheit zerfasert eine Gesellschaft wahrscheinlich. Aber in sozialen Medien, wo aus Prinzip alles kritisiert, alles infrage gestellt und alles auf soziale Zusammenhänge reduziert wird, ist diese Haltung ab Werk problematisch. Plötzlich müssen sich Konservative rechtfertigen für Haltungen, die eigentlich nichts anderes waren als Rechtfertigungsabwehr.

Konservative verspüren eine ständige, süße, leicht modrig riechende Verlockung, sich selbst als bewahrenswerte Normalität zu begreifen. Wunderschön kann man das ausgerechnet bei der Person erkennen, die sich derzeit von allen konservativen Führungsfiguren am wenigsten öffentlich zum Vollstrumpf macht: Jens Spahn. Er unterstützte die Ehe für alle ebenso intensiv wie er jetzt zu Recht für ein Verbot der widerwärtigen "Konversionstherapie" bei Homosexuellen eintritt. Konservativer Klassiker: Jens Spahn kämpft mit voller Kraft für Minderheiten, wenn er ihnen angehört.

So lange gegen notwendige Veränderungen sträuben wie möglich

Weil Spahn ein kluger Mann ist, hat er schon Anfang 2018 den Satz gesagt , der auf die Spur der gegenwärtigen Krise des Konservatismus führt: "Konservativ zu sein heißt, die Geschwindigkeit von Veränderungen so zu reduzieren, dass sie erträglich sind." Gemeint ist hier natürlich "für Leute wie uns erträglich", aber "für uns" muss man sich ohnehin als Standardsatz hinter sämtlichen konservativen Forderungen denken. Die konservativ-reaktionäre Presse aber reagierte empört auf Spahns Einsicht : "Konservativ sein, bedeutet aus Sicht führender Mitglieder des CDU-Präsidiums also, das zu tun, was Linke tun - nur zehn Jahre später."

Das soll Sarkasmus sein, aber es ist lustig, weil es wahr ist. Klassisch Konservative sträuben sich so lange gegen notwendige Veränderungen, bis sie vergessen haben, warum. Dann finden sie eine konservativ klingende Begründung für den Wandel ("Bewahrung der Schöpfung" für Umweltschutz), deuten rückwirkend das eigene Schaffen um und hatten schon immer recht. Deshalb twittert die CDU jetzt dauernd  von ihren gigantischen Klima- und Umwelterfolgen.

Neulich wurde Angela Merkel von der amerikanischen Universität Harvard mit Lob überschüttet für ihr Lebenswerk, bestehend aus, haha, Ehe für alle, Mindestlohn und Atomausstieg. Gegen alles drei hat sie gekämpft, bis es nicht mehr anders ging. Entweder weil sie in eine Falle tappte (Ehe für alle), weil die SPD ihren Kampfgeist kurz wiederfand (Mindestlohn). Oder weil die Realität manchmal einfach andere Pläne hat als die Konservativen - und hier schließt sich der Kreis zu Fukushima.

Anmerkung: In einer früheren Version dieser Kolumne wurde der Landwirtschaftsministerin unterstellt, auch für Verbraucherschutz zuständig zu sein. Wir haben den Fehler korrigiert.