Richard Gutjahrs offener Brief an den BR "Mit Hass und Hetze alleingelassen"

Der Journalist Richard Gutjahr wird seit drei Jahren im Netz diffamiert und bedroht. In seinem Abschiedsbrief an den BR wirft er dem Sender Untätigkeit vor - der weist die Vorwürfe zurück.
Richard Gutjahr ist seit Jahren Hass und Drohungen ausgesetzt - nun verlässt er den BR und macht seinem Arbeitgeber schwere Vorwürfe

Richard Gutjahr ist seit Jahren Hass und Drohungen ausgesetzt - nun verlässt er den BR und macht seinem Arbeitgeber schwere Vorwürfe

Foto: picture alliance

Richard Gutjahrs Abschiedsbrief ist eine Abrechnung. Nach 22 Jahren als fester freier Mitarbeiter für den Bayerischen Rundfunk verlässt der Journalist die Anstalt - und macht seinem Arbeitgeber in einem offenen Brief  schwere Vorwürfe. Der BR habe seine Familie und ihn "mit dem Hass und der Hetze in Folge meiner Berichterstattung für die ARD alleingelassen", schreibt Gutjahr am Dienstag auf seinem Blog. Vor allem aber hätten BR-Intendant Ulrich Wilhelm und seine engsten Mitarbeiter versucht, "das Kontrollgremium des Bayerischen Rundfunks zu täuschen und hinter verschlossenen Türen immer wieder die Wahrheit zu verbiegen".

In seinem Brief prangert Gutjahr an, dass vor allem freie Journalisten Angriffen aus dem Netz schutzlos ausgeliefert sind. "Wenn wir nicht endlich lernen, eine gemeinsame Stimme in Bezug auf Hass und Hetze gegen Journalisten und Politiker zu finden und weiterhin versuchen, eigene Versäumnisse unter den Teppich zu kehren, dürfen wir uns nicht wundern, dass unsere Gegner uns immer zwei Schritte voraus sind", kritisiert der Journalist. "Das ist kein Spiel mehr. Womit wir es hier zu tun haben ist todernst."

Bei ihm hätten der "Dauerbeschuss aus Hass und Hetze, die Verleumdungen, die Morddrohungen" inzwischen nachgelassen, aber nicht aufgehört - so habe er erst kürzlich nach Facebook-Aufrufen, ihn auf einem Journalistenkongress "abzupassen", Personenschutz gebraucht.

Wie Gutjahr zur Hassfigur wurde

Richard Gutjahr ist sowohl einer der bekanntesten deutschen Netzjournalisten, als auch einer der meistgehassten deutschen Journalisten im Netz. Der Blogger, Reporter und Moderator hat sich früh mit Digitalthemen auseinandergesetzt, immer wieder mit neuen Formaten wie Livestreaming experimentiert. 2016 wird er zur Zielscheibe von Hass und Hetze, da er kurz nacheinander bei zwei Anschlägen vor Ort ist - Verschwörungstheoretiker konstruieren einen Zusammenhang.

"Nach der Berichterstattung von dem Lkw-Terroranschlag in Nizza sowie dem Amoklauf von München gerieten meine Familie und ich ins Visier von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Neonazis", beschreibt Gutjahr den Verlauf des Shitstorms in einem republica-Vortrag . Dieser Sommer habe sein Leben verändert - und sein Blick auf das Internet.

Vom Balkon seines Hotelzimmers in Nizza beobachtet und filmt Gutjahr am 14. Juli 2016 zufällig den Beginn des Anschlags von Nizza, bei dem der Attentäter mit einem Lastwagen durch die Menschenmenge fuhr und 86 Personen ermordete. "Plötzlich rollte ein weißer Lkw vorbei. Das passte nicht ins Bild, denn die Straßen waren für alle Fahrzeuge gesperrt", erinnert er sich im SPIEGEL-Interview. "Der Lastwagen fuhr sehr langsam, einige Leute haben gebrüllt. Es wirkte eigenartig, deshalb habe ich angefangen, mit meinem Handy zu filmen." Seine vom Balkon und später von der Straße aus gefilmten Szenen schickt er an den BR, anstatt sie selbst online zu veröffentlichen. "Dort entscheiden Profis, was veröffentlicht werden sollte und wie", so Gutjahr.

Der BR verbreitet jedoch das Original-Material, in dem Panikrufe seiner Frau und das Weinen seines Kindes zu hören sind, auf YouTube, Facebook und Twitter. Das Video kursiert mehrere Stunden lang online, der BR kommt der Bitte nicht nach, es sofort zu löschen - und habe damit "den weltweiten Shitstorm erst ins Rollen gebracht", wie Gutjahr nun kritisiert.

Nach dem Nizza-Anschlag beobachtet er, wie Menschen im Netz weltweit anfangen, sein Video zu analysieren und zu ihm und seiner Familie zu recherchieren. Als er nur acht Tage nach dem Anschlag von Nizza beim Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum als einer der ersten Reporter vor Ort ist, ist das wie Öl im Feuer.

Verschwörungstheoretiker recherchieren, dass seine Frau Jüdin ist, teilen Bilder und Details zu Frau und Tochter im Netz, beschimpfen die Familie als kriminell. Sie wetteifern in mehr als Tausend Videos auf YouTube um die wildeste Theorie - er sei vom "Mitwisser, zum Drahtzieher bis zum Mastermind aufgestiegen hinter diesen beiden Bluttaten", so Gutjahr. Alternativ: Die Terroranschläge seien "Fake", inszeniert - und Gutjahr ein Verräter. Auch seine Privatadresse und Telefonnummer wird im Netz geteilt.

Kampf vor Gericht

Bereits damals schreibt Gutjahr seinen Angaben zufolge dem BR-Intendanten Ulrich Wilhelm einen persönlichen Brief, in dem er um Hilfe bittet. "Sie hätten uns helfen können, hätten sich aktiv und für alle Welt sichtbar vor Ihren Mitarbeiter stellen können", wirft er dem Intendanten vor. "Stattdessen haben Sie weggeschaut - und das obwohl Sie als einer der Wenigen schon frühzeitig über alle Details, insbesondere über die antisemitischen Motive unserer Angreifer, bestens informiert waren."

Gutjahr kämpft mit seinem Anwalt gegen die Verschwörungstheoretiker , finanziert von seiner privaten Rechtsschutzversicherung. Als die Versicherung ihm kündigt, wendet er sich an den BR. Erst nachdem er sich an den Ombudsmann wendet, erhält er schließlich "eine einmalige Zahlung, weniger als ein Monatsgehalt". Der BR verweist ihn an den Deutschen Journalisten-Verband. "Die begleitenden Worte Ihres Juristischen Direktors werde ich nie vergessen: Man könne ja nicht jedem freien Mitarbeiter gleich einen Anwalt stellen, nur weil man mal im Netz "angepöbelt" werde", so Gutjahr.

Seinem bisherigen Chef, dem BR-Intendanten Ulrich Wilhelm, wirft Gutjahr nicht nur Untätigkeit vor - sondern auch, in nicht-öffentlichen Sitzungen des BR-Kontrollgremiums zu dem Fall "die Unwahrheit gesagt bzw in die Irre geführt" zu haben. Unter anderem soll er behauptet haben, der BR habe Gutjahrs "Prozesskosten beglichen".

BR weist Vorwürfe zurück

"Der Hass, der Richard Gutjahr seit drei Jahren im Netz entgegenschlägt, ist beschämend", heißt es in einer Stellungnahme des BR. "Die Verschwörungstheorien sind absurd, die Drohungen Herrn Gutjahr gegenüber erschütternd." Allerdings enthalte der offene Brief "keine neuen Aspekte und ist im Kern nicht zutreffend", wie der Sender dem SPIEGEL gegenüber am Mittwoch mitteilte. "Der BR weist insbesondere den Vorwurf der Lüge und Täuschung durch den Intendanten strikt zurück."

Die Geschäftsleitung und der Vorsitzende des Rundfunkrats des BR hätten sich demzufolge in den letzten drei Jahren mehrfach und intensiv mit allen Facetten des Falles beschäftigt - "Der Rundfunkrat hat ausführlich über den Fall beraten. Herr Gutjahr erhielt finanzielle Unterstützung auch im Hinblick auf ihm entstandene Prozesskosten." Es sei bereits im März 2019 mit Richard Gutjahr zu einem Aufhebungsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen gekommen; seitdem sei er nicht mehr für den BR tätig gewesen.

Gutjahr bestätigte dem SPIEGEL nach der Stellungnahme des BR nochmals, dass er bei seinen Schilderungen bleibe.

Fehlende Rückendeckung

Gutjahrs geschilderte Erfahrungen sind ein Extremfall, aber kein Einzelfall - immer wieder werden vor allem freie Journalisten bei rechtlichem Ärger, Shitstorms und sogar Drohungen alleingelassen. "Wenn die Entscheider des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht schleunigst die Dynamiken im digitalen Raum und die Wucht des digitalen Wandels verstehen, bekommen wir mehr als ernsthafte Probleme", kritisiert der ARD-Digitalexperte Dennis Horn auf Twitter . "Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass da noch ein weiter Weg zu gehen ist." Fälle wie Gutjahr, aber auch das Geschehen rund um den "Umweltsau-Oma-Skandal" würden zeigen, "warum freie Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zurecht sensibel sind, wenn ihr Freienstatus noch einmal extra betont wird, egal aus welchem Grund."

Beim WDR hatte ein freier Mitarbeiter des Social Media-Teams des WDR die Aufregung um das "Umweltsau"-Lied in einem provokanten Tweet kommentiert und daraufhin Morddrohungen erhalten. Anstatt sich hinter den Mitarbeiter zu stellen, hatte sich der WDR zunächst von dessen Aussage distanziert und klargestellt, dass er ein freier, kein festangestellter Mitarbeiter  sei. Der Bundesvorsitzende des DJV, Frank Überall, kritisierte das - es gehe nicht um Geschmacksfragen von Satire, sondern um den Schutz von Satire- und Meinungsfreiheit. Als "wenig hilfreich" bezeichnet er auch die redaktionelle Distanzierung des WDR-Intendanten Tom Buhrow zu dem "Umweltsau"-Kinderlied.