SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

08. Oktober 2002, 09:50 Uhr

Rob Glaser, RealNetworks

"Wir beweisen, dass Pay-Content funktioniert"

P2P, Piraterie, Pay-Content und neue Player: Rob Glaser, Chef von Real, hat Antworten auf aktuelle Fragen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Streaming-Pionier, wie er künftig auf dem vielleicht heftigst umkämpften Web-Markt überleben will.

Rob Glaser: Will Real vom Player-Entwickler zum Content-Distributor machen

Rob Glaser: Will Real vom Player-Entwickler zum Content-Distributor machen

SPIEGEL ONLINE:

285 Millionen Menschen weltweit nutzen den RealPlayer, um Multimedia-Dateien zu streamen, Web-Radio zu hören, Online-Videos anzuschauen oder einfach am Rechner CDs abzuspielen. Heute startet nun die neueste Version in deutscher Sprache. Was ist daran neu?

Rob Glaser: Im Vergleich zu den Vorgängern ist die Version 2.0 geradezu eine dramatische Transformation. Mit dem neuen RealOne Player präsentieren wir erstmals ein Programm, das jedes digitale Medienformat verarbeiten kann. Außerdem lassen sich nun auch DVDs abspielen und CDs brennen. Und dieser Grad an Integration ist ein entscheidender Schritt nach vorne.

SPIEGEL ONLINE: Warum starten Sie bei der Gelegenheit nicht auch den Online-Musikservice "MusicPass" oder den in den USA ja recht erfolgreichen "SuperPass"-Mediendienst in Deutschland?

Glaser: Da der neue Player mit all seinen Features einen so großen Sprung bedeutet, haben wir uns entschieden, ihn allein zu launchen. Zudem arbeiten wir nach wie vor intensiv mit der Musikindustrie zusammen, um noch mehr Online-Rechte für Musiktitel zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Was ein ziemlich mühseliges Unterfangen ist ...

Glaser: Ja, aber wir machen Fortschritte mit dem MusicNet-Joint-Venture. Sobald wir auch in Deutschland und anderen Ländern genügend Content anbieten können, starten wir auch dort Premium-Dienste.

SPIEGEL ONLINE: Also, wann geht's los in Deutschland?

Glaser: Aller Voraussicht nach in den nächsten Monaten. Wir bieten ja aber auch jetzt schon diversen Content über unsere deutsche Seite an.

SPIEGEL ONLINE: Aufgrund der so lückenhaften Titelkataloge und verschiedener technischer Restriktionen konnte sich die Online-Gemeinde bislang kaum für die Abo-Musikportale begeistern.

Glaser: Die Musikindustrie hat bislang leider keinen so erfolgreichen Weg eingeschlagen wie etwa die Nachrichten-, Sport- oder Radiobranche, um die Internet-Nutzer von ihren Diensten zu überzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Die P2P-Tauschbörsen haben da weniger Probleme: Dort sind praktisch alle Songs kostenlos zu finden und die Musikstücke können problemlos auf CD gebrannt und auf portable Digi-Abspielgeräte geladen werden.

Glaser: Es ist uns noch nicht gelungen, den Konsumenten begreiflich zu machen, dass es bei uns ein besseres Produkt gibt als das, das man im Netz stehlen kann. Wir arbeiten daher weiter daran, das Unterhaltungserlebnis auszubauen - auch bezüglich der CD-Brennmöglichkeiten und der Portabilität auf mobile Geräte. Wir müssen einfach bequemer, verlässlicher und besser organisiert sein als die Piraten-Netzwerke.

SPIEGEL ONLINE: Reicht das im Kampf gegen die Millionen von P2P-Pop-Piraten?

Glaser: Der juristische Kampf gegen die Raubkopie-Netzwerke ist natürlich ebenfalls sehr wichtig. Die Unterhaltungsindustrie hat Napster in die Knie gezwungen und wird nun keine Ruhe geben, bis auch Services wie KaZaa oder Morpheus offline sind. Obwohl die Labels nachweisen können, dass diese Angebote illegal sind, wird das jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Daher muss nun unbedingt die kommerziell verfügbare Content-Palette erweitert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird es wohl noch dauern, bis die Plattenfirmen im Netz dieselbe Titelfülle bereitstellen wie die Piratendienste?

Glaser: Die Gespräche verlaufen positiv. Ich bin daher optimistisch, dass wir dieses Level im kommenden Jahr erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Studien zufolge nimmt zudem die Akzeptanz von Pay-Content zu.

Glaser: Ja, das ist sehr positiv und zeigt, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Das liegt insbesondere auch an der steigenden Zahl der Breitband-Surfer, denn die verbringen gut zweimal so viel Zeit bei kostenpflichtigen Angeboten als Web-User mit langsameren Anbindungen. Und daraus ergibt sich ein positiver Kreislauf: Die Bandbreiten wachsen, gleichzeitig ist mehr Content verfügbar und immer mehr Konsumenten akzeptieren Pay-Angebote. Unser "SuperPass" beweist ja mit einem Content-Mix aus Musik, News, Sportübertragungen und verschiedenen TV-Formaten, dass kommerzielle Dienste funktionieren können. Wir zählen mittlerweile 750.000 Abonnenten.

Als Online-Musik-Vertriebsplattform gewinnt Real an Wichtigkeit, doch im Stammmarkt der Player-Software fährt Microsoft zunehmend die Krallen aus. Glaser weicht kreativ aus - und plant schon Real-Mobildienste. Weiter…

Glaser: "Microsoft ist kein Problem"

Glaser: "Microsoft ist kein Problem"

SPIEGEL ONLINE: Sie unterhalten für den "SuperPass" in den USA verschiedene Partnerschaften mit Inhalteanbietern wie CNN, ABC oder dem Fox SportsNet. Verhandeln Sie in Deutschland über ähnliche Kooperationen?

Glaser: Wir sprechen mit vielen potenziellen Partnern, natürlich auch in Deutschland. So finden wir heraus, welche Programme und Services dort Sinn machen. In den nächsten Monaten sehen wir da einige Fortschritte.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem die Sportübertragungen gelten als Erfolgsrezept des "SuperPass". Wann werden Sie internationale Top-Events wie die Olympiade oder die Fußball-WM im Online-Programm haben?

Glaser: Von Prestige-Gesichtspunkten aus wäre es klasse, solche Ereignisse online übertragen zu können. Unsere Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die Leute auf tagesaktueller Basis die Sportarten bevorzugen, die in ihrem eigenen Land stattfinden und deren Stars sie kennen. Außerdem gibt es Probleme wegen der internationalen Verwertungsrechte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Anfang des Jahres Partnerschaften mit verschiedenen Mobilfunkunternehmen geschlossen. Wann wird es denn nun möglich sein, unterwegs online Radio zu hören oder Videos anzuschauen?

Glaser: Ich denke, wir sehen hier dieselbe Entwicklung wie beim PC. Mitte der neunziger Jahre sind wir mit Voice-Audio gestartet, dann haben wir Musik online übertragen, später Videos. Es gab einen ziemlich großen Hype um die Mobilfunkdienste der dritten Generation. Da mittlerweile aber klar ist, dass die Einführung von 3G noch eine Weile dauert, wird es zunächst wohl noch verschiedene interessante "2,5G"-Services geben. Mit GPRS kann man bereits Audiofiles in annehmbarer Qualität empfangen. Und immer mehr mobile Geräte werden mit RealPlayern ausgestattet, so etwa auch Handys von Nokia. Im kommenden Jahr werden weitere mobile "Gadgets" mit Media-Playern auf den Markt kommen. Gleichzeitig werden ja auch die Netzwerke stark aufgerüstet - bis dann UMTS Videoübertragungen möglich machen wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie pflegen auch eine Kooperation mit Sony - der RealPlayer soll auch auf die PlayStation 2. Schmieden Sie noch weitere Allianzen und wird es andere Unterhaltungselektronik-Geräte, man denke etwa an TV-Set-top-Boxen, mit Real-Software geben?

Glaser: Mit Sicherheit. Aus diesem Grund haben wir auch die Open-Source-Initiative mit unserer Serversoftware Helix gestartet. Sehr viele Firmen haben Interesse an der Technologie bekundet, deshalb stellen wir den Entwicklern demnächst Teile des Quellcodes zur Verfügung.

SPIEGEL ONLINE: Der neue RealPlayer kann erstmals auch Windows Media-Files abspielen. Wie reagierte denn Ihr einstiger Arbeitgeber Microsoft auf diese "feindliche Integration"?

Glaser: Die haben sich gar nicht gerührt. Ich denke, es gibt da kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Droht nicht aber dennoch das übermächtige Gates-Imperium Ihren RealPlayer im "Media-Player-Krieg" mit dem Windows Media Player vom Markt zu drücken, wie das einst bei Netscape im viel zitierten "Browser War" der Fall war?

Glaser: Die Leute fragen mich das seit acht Jahren. Und wir hatten früher darauf stets eine Antwort: Der ganze Content da draußen ist nur in unserem Format verfügbar. Nach wie vor ist es so, dass es viel mehr Inhalte im Real-Format gibt als in anderen Formaten - einschließlich dem von Microsoft. Mit dem RealOne Player 2.0, der als einzige Software alle Medienformate abspielen kann, liefern wir nun die zweite Antwort auf die Frage.
Außerdem erzählt Microsoft den Gerichten ja schon seit Jahren, dass die Bemühungen in diesem Bereich nicht mehr sind als Erweiterungen des Betriebssystems. Entsprechend nehmen wir die Redmonder da beim Wort.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn Ihre wirtschaftliche Situation aus? Sie sagten Anfang des Jahres, "das Schlimmste" wäre vorbei, mussten im August aber dennoch zehn Prozent Ihrer Belegschaft entlassen. Das Servergeschäft gilt Analysten zufolge als ziemlich schwach...

Glaser: Das Content-Geschäft dagegen läuft besser als erwartet. Die Situation auf dem Telekommunikations- und Internet-Markt ist in den USA derzeit genauso problematisch wie in Europa. Dabei ist die Entwicklung schon ziemlich grotesk: Die Online-Mediennutzung nimmt stetig zu, noch nie hatten wir so viele Breitband-Anschlüssen, und es gibt mehr Content denn je zuvor. Mit den Entlassungen haben wir schließlich Maßnahmen ergriffen, um unser Geschäft neu zu organisieren und uns für die Zukunft zu rüsten.

Die Fragen stellte Jochen A. Siegle, San Francisco

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung