Informationskrieg Hier die NSA, dort die Trolle

Zwischen Russlands Einmischung in den US-Wahlkampf und der Internetüberwachung durch NSA und GCHQ gibt es Parallelen: Amerikaner und Briten machten das physische Netz zur Waffe, die Russen seine Anwendungen.

Facebook-Grafik
AFP

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Eine Analyse von


Als 2013 die Snowden-Enthüllungen begannen, war die Fachwelt keineswegs von der Tatsache überrascht, dass westliche Geheimdienste das Internet unterwandert hatten. Vereinzelte Berichte, Untersuchungen und Belege gab es lange vorher. Aber das ganze Ausmaß, die Details schwarz auf weiß - das beeindruckte auch Experten. Eine ähnliche Wirkung haben nun die beiden Untersuchungen zu russischen Einmischungsversuchen in den US-Wahlkampf, die dem US-Senat vorgelegt wurden.

Einer der Berichte ist rund 100 Seiten lang und stammt von den Unternehmen New Knowledge und Canfield Research sowie Forschern der Columbia University. Der andere ist etwa halb so umfangreich und wurde von Forschern des Oxford Internet Instituts und der Social-Media-Analyse-Firma Graphika verfasst. Der darin beschriebene Umfang der Operationen der russischen Trollfabrik Internet Research Agency (IRA) inklusive einiger zuvor nicht öffentlich bekannter Details imponiert, so wie es die technischen Fähigkeiten der NSA und ihrer Verbündeten auch taten.

Deckungsgleich sind die beiden Ansätze zwar nicht, vor allem nicht inhaltlich. Aber es gibt strukturelle Parallelen. Zur Einordnung der russischen Aktivitäten, zum Verständnis dieses noch recht jungen Phänomens des modernen Informationskriegs, drängt sich daher eine Gegenüberstellung auf:

Breite: Russische Akteure haben fast alle im Westen relevanten sozialen Netzwerke und Plattformen für ihre Zwecke genutzt, wie aus den Berichten hervorgeht: Facebook, Instagram, Twitter, Google+, YouTube, Medium, PayPal, Reddit, Tumblr, Pinterest, Vine, Gab, Meetup, aber auch VKontakte und LiveJournal. Ihre Aktivitäten waren auch keineswegs auf die USA beschränkt, sondern fanden zumindest in den vergangenen zwei Jahren rund um Wahlen in aller Welt statt.

Die NSA und der britische Geheimdienst GCHQ hingegen haben so ziemlich alle Hardware-Komponenten des Internets ins Visier genommen - auf globaler Ebene: Glasfaserkabel, Knotenpunkte, Server, Routerund Switches, Endgeräte und Zubehör.

Vorbereitung: Die IRA-Aktivitäten waren und sind teilweise langfristig angelegt: Laut New Knowledge haben die Russen über Instagram auch Merchandisingartikel vertrieben, um ein größeres Publikum aufzubauen, bevor sie ihre eigentlichen Botschaften versendeten. Sie boten sogar Sexspielzeug an, entweder um an persönliche Daten der Käufer zu gelangen, oder um Menschen mit speziellen Interessen zu erkennen, die später an bestimmten Werbemotiven interessiert sein könnten.

Dieses Prinzip - erst einmal sammeln, dann ausnutzen - hat auch die NSA in diversen Programmen verfolgt: Metadaten für das Aufspüren noch unbekannter Verdächtiger, Sicherheitslücken für die Entwicklung von Exploits, Fotos für eine spätere Gesichtserkennung, kursierende Malware zur Modifikation und Wiederverwendung.

Dauer: Erste Twitter-Aktivitäten der IRA in den USA werden von den Oxford-Forschern auf das Jahr 2012 datiert, im anderen Bericht wird 2013 genannt. Noch 2018 wurden mutmaßliche IRA-Accounts von Twitter und Facebook gesperrt. Die Desinformationskampagne ist folglich dauerhaft eingerichtet und war keineswegs auf die Präsidentschaftswahl von 2016 beschränkt.

Das entspricht dem Ansatz der westlichen Geheimdienste, möglichst langfristige Zugriffsmöglichkeiten in Netzwerken einzurichten und Datenströme über Jahre zu analysieren.

Taktik: Die russischen Operationen verfolgen zwei Ansätze. Einerseits maximale Streuung: Zehn Millionen Tweets, 1100 YouTube-Videos, 116.000 Instagram-Posts und 61.500 Facebook-Beiträge setzten die IRA-Trolle ab. Andererseits gezieltes Targeting: Mit genau zugeschnittenen Anzeigen wurden kleinstmögliche Zielgruppen auf Facebook angesprochen.

Die Snowden-Enthüllungen wiederum werden oft mit der Massenüberwachung des Internets gleichgesetzt, weil NSA und GCHQ transatlantische Glasfaserkabelund Kabel zwischen Rechenzentren etwa von Google anzapften und vor der Analyse erst einmal unterschiedslos alles kopierten, was hindurch kam. Mit dem Ende 2013 vom SPIEGEL veröffentlichten sogenannten ANT-Katalog wurde aber deutlich, dass die NSA auch Werkzeuge für den extrem zielgerichteten Einsatz sogar gegen einzelne Individuen entwickelt hat.

Ziele: Die Operationen beider Seiten sind staatlich gewollt und unterstützt. Spätestens an dieser Stelle enden die Gemeinsamkeiten allerdings weitgehend. Russland geht es im Rahmen der Desinformationskampagnen darum, andere Regierungen zu schwächen und der eigenen Bevölkerung die vermeintliche Überlegenheit des eigenen politischen Systems vorführen zu können. Bei der NSA gibt es dafür keine (bekannte) Entsprechung.

Zusammengefasst: Die westlichen Geheimdienste haben die physische Ebene des Internets "weaponized", wie es im Englischen heißt - zur Waffe gemacht. Die Russen haben das Gleiche mit der inhaltlichen Ebene getan.

Beide Seiten dürften auf den jeweiligen Ebenen als das Maß aller Dinge gelten. Und beide werden nicht aufhören, nur weil sie erwischt wurden. Stattdessen werden sie ihre Werkzeuge weiterentwickeln und weiter einsetzen.

insgesamt 45 Beiträge
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gunoi 18.12.2018
1. Gravierender Unterschied
Ich sehe da schon einen gravierenden Unterschied in der Schädlichkeit und auch Effektivität der beiden Mittel. Facebook Tweets die das Onanieren als Sünde und Verhütung als direktes Ticket in die Hölle verkaufen, kann ich als einigermaßen gebildeter Bürger mit IQ > Brot, einfach ausblenden. Die Waffen der Russen laufen also für einen durchschnittlichen Menschen ins Leere. Auch Industriespionage ist mit "aufregenden" Tweets und Posts eher schwer umzusetzen. Wenn aber jemand meinen Router crackt (oder das Netz von bspw. Siemens) dann kann man das Problem nicht einfach durch Ignorieren beseitigen. Eine Attacke auf den Inhalt im Netz kann per Definition schon gar nicht so gefährlich sein, weil jemand den Inhalt freiwillig konsumieren und daran glauben muss.
Actionscript 18.12.2018
2. Nicht vergleichbar
Der Artikel ist etwas konfus. Denn Trolle und NSA sind nicht vergleichbar. Die russische Intervention hatte und hat immer noch zum Zweck, politische Einflussnahme auf Wähler zu nehmen, Meinungen zu manipulieren durch gezielte - es ist nichts anderes - Propaganda. Die NSA jedoch wollte und will mögliche Systemfeinde aufspüren. Dazu werden soziale Medien hin untersucht oder vielleicht sogar als Köder benutzt. Das sind zwei vollkommen verschiedene Ziele. Ob es in den USA tatsächlich so etwas wie Trolle gibt, die in Foren oder sozialen Netzwerken posten, um Wahlen zu beeinflussen, dafür gibt es bisher keine Hinweise. Es gab und gibt jedoch Trump und Republikaner nahe Verschwörungstheoretiker, die gezielt in sozialen Medien oder sogar privat an Webseitenbesitzer Falschmeldungen gesendet haben Einer davon ist Glenn Canady. Ich selber habe solch eine Mail über meine Webseite erhalten. Dort wurde behauptet, dass Hillary Cathy O'Brian, als sie Kind war, vergewaltigt hat. Es wurde sogar eine Belohnung versprochen, wenn man über soziale Medien diese nachrichten verbreitete. Von daher kann ich mir in den USA weniger den Staat als Troll Unternehmer vorstellen. Die beabsichtigen jedoch US interne Beeinflussung und keine Auslandsbeeinflussung.
robert.hammer 18.12.2018
3.
Hallo - die five Eyes verteidigen die freie Welt (natürlich ohne Industriespionage und Regierungsspionage von Verbündeten), während doch ganz klar ist das der Russe und die Chinesen die Achse des Bösen ist. Man muss das nur richtig einordnen, dann wird die Welt viel einfacher. Frage an den investigativen Journalismus, was ist denn jetzt als Konsequenz der NSA Aktivitäten geworden ? Und ich möchte noch bemerken, das in der Medienwelt es auch relativ klar war das die Russen auf die Bundestagswahl Einfluss nehmen, gut gemacht KKA und Merz und was die Russen wirklich wollten die AFD als dritte Partei :-)
Paul Max 18.12.2018
4. ....
Ich will hier nicht rumorakeln, aber eine Frage ist, und bleibt derzeit unbeantwortet: Wenn NSA und GCHQ die Hardware (Router, Knoten etc.) fest in ihrer Hand haben, wer kann dann überhaupt noch nachvollziehen, wer hinter welchen Aktivitäten steckt. Ich glaube, die Russen werden, würden und haben sicher alles unternommen, um Einfluss in den USA zu erzielen. Aber dass es ausgerechnet dieser unberechenbare US-Präsident gewesen sein soll, den sie unterstützt haben, bleibt mir unerklärlich. Ich sehe keinen plausiblen Grund. Aber die nichtvorhandene Nachvollziehbarkeit, wer, womit und wohin im Netz unterwegs ist, bleibt das größte Manko des gegenwärtigen Internetverkehrs. Und ein Schelm, wer bei der derzeitigen Aktion gegen Huawei nicht das Gefühl bekommt, es geht nicht um Iransanktionen - aber worum geht es dann?
andraschek 18.12.2018
5. Ja, ich denke so ist es.
Auch wenn ich glaube, dass die Bespitzelung selbst unserer Bundeskanzlerin und natürlich ihrer Vorgänger und Nacholger/innen selbstverständlich dazu dient Regierungen zu kontrollieren und wenn erforderlich auch zu schwächen.
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