Internetkontrolle in Russland Telegram blockieren? Leichter gesagt als getan!

Russlands Medienaufsicht blockiert den beliebten Messenger-Dienst Telegram, theoretisch zumindest. Praktisch zeigt ihr Vorgehen vor allem, wie überfordert die Behörde im Duell mit den Machern der Chat-App ist.
Von Inna Hartwich
Smartphone-Nutzer vor dem Logo von Telegram

Smartphone-Nutzer vor dem Logo von Telegram

Foto: DADO RUVIC/ REUTERS

Über keine russische Behörde dürfte gerade so gespottet werden wie über Roskomnadsor. Gemeint ist die 2007 von Wladimir Putin gegründete Medienaufsichtsbehörde, die dieser Tage versucht, vielen Russen etwas zu nehmen, durch das sie sich frei fühlen: den Kurzmitteilungsdienst Telegram.

Telegram ist eine Chat-App, vergleichbar mit Diensten wie WhatsApp oder Facebooks Messenger, und eine globale Erfolgsgeschichte "made in Russia", die nicht auf Öl und Gas basiert. Die russische Regierung jedoch sieht Telegram mittlerweile als Problem.

Vor einigen Tagen kam es zu einer gerichtlich angeordneten Blockade des Dienstes, die jedoch auf dem Papier dramatischer wirkt als in der Praxis. Denn offenbar hat man bei Roskomnadsor nicht damit gerechnet, wie ausgefeilt die Technik von Telegram ist - und wie frech ihre Entwickler.

Stattdessen offenbart das Vorgehen von Roskomnadsor die Sichtweise des russischen Machtapparats auf das Internet. Alexander Scharow, der Roskomnadsor-Chef, sagte, er kämpfe gegen Terroristen. Telegram dagegen unterstütze diese.

Rund 120.000 blockierte Seiten

Roskomnadsor greift immer dann ein, wenn sie die Sicherheit des Volkes bedroht sieht. So sind in Russland mittlerweile alle Veranstaltungen, alle Bücher, alle Videos mit dem Zusatz "0", "+12" oder "+18" versehen, um jedem vor Augen zu führen, von welchem Alter an was eigentlich erlaubt sei. Vielmehr aber kümmert sich die Behörde um das Netz und das Sperren gewisser Seiten oder Apps, sei es die Geschäftskontakte-Plattform LinkedIn oder die Walkie-Talkie-App Zello.

Beide Dienste sind blockiert, wie etwa 120.000 russische Internetseiten. Regelmäßig geraten aber auch die Websites des Oppositionellen Alexej Nawalny, die Wikipedia-Seite, Facebook, Twitter, YouTube ins Blickfeld der Aufseher.

Und nun also steht Telegram im Mittelpunkt der Aufregung, die Chat-App des russischen Jungunternehmers Pawel Durow.

Die Plattform bietet Chats mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und auch ihre sogenannten "Kanäle", mit denen sich öffentliche Mitteilungen an viele Leute zugleich schicken lassen, sind beliebt: Durch sie avancierte die App zu einer Art neuem Medium, das Nachrichten wie Gerüchte verbreitet. So mancher Telegram-Nutzer - weltweit gibt es etwa 200 Millionen - hat mehr als 150.000 Abonnenten.

Russische Unternehmen wickeln ihren Kundenservice über Telegram ab, Theater verkaufen Tickets darüber, selbst der Pressedienst des Kreml hatte einen Telegram-Kanal, um mit Journalisten in Kontakt zu bleiben. Beliebt ist der Dienst auch bei Kreml-Kritikern, die sich immer mehr der Verfolgung durch die Behörden ausgesetzt fühlen. Und nach Angaben der Geheimdienste nutzen auch Terroristen Telegram.

Dem Geheimdienst-Chef zwei echte Schlüssel geschickt

Letzteres wird nun angeführt, um das Vorgehen gegen Telegram zu begründen. Auf Basis zweier Gesetze aus den Jahren 2014 und 2016 wird von Telegram im Grunde die Aufgabe seiner Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gefordert: Der Inlandsgeheimdienst FSB verlangte von App-Entwickler Durow, der einst auch den Facebook-Klon Vkontakte groß herausbrachte, die Herausgabe der Verschlüsselungs-Codes.

Durows Unterstützer - er selbst lebt mittlerweile in Dubai - schickten auf dieser Forderung hin zwei metallene Schlüssel an den FSB-Chef Alexander Bortnikow. "Alles erdenklich Gute! P.W. Durow", hieß es dazu. Noch fand man es spaßig.

Ein Moskauer Gericht aber gab dem FSB Recht, deshalb blockiert Roskomnadsor seit Anfang dieser Woche den Messenger-Dienst - beziehungsweise versucht es zumindest. Denn Telegram funktioniert trotzdem und Nutzer spotten über die vermeintliche Blockade.

Ständig wechselnde IP-Adressen

Telegram geht geschickt vor: Der Dienst wechselt ständig die IP-Adressen, informiert die Nutzer mit Push-Mitteilungen über den Umweg und entzieht sich so der Sperre. Dass die Chat-App weiter läuft und dass sie viele Leute auch weiter nutzen wollen, hat kuriose Folgen: So verschicken etwa selbst staatliche Stellen an ihre Mitarbeiter Anweisungen, wie sie die Blockade umgehen können. Und sogar der Vize-Leiter des Ministeriums für Kommunikation, der Stelle, der Roskomnadsor unterstellt ist, erklärt, wie VPNs zu benutzen sind, Tunnvelverbindungen, über die sich weiter auf Telegram zugreifen lässt. Alles kein Problem also?

Mitnichten, denn die Blockadeversuche treffen auch unbeteiligte Dritte. Mehr als 16 Millionen IP-Adressen blockierte die Behörde laut Medienberichten seit dem Gerichtsurteil, darunter Seiten von Blumenverkäufern, Kurieren, Bezahlservices in Lebensmittelläden. Es trifft plötzlich Menschen, die den Dienst nur nutzen, um ihren Alltag zu planen.

"Die Sperrung richtete sich gegen den IS", spotten da manche Internetnutzer. "Nun stellt sich heraus - wir sind der IS".

Eins zumindest zeigt der Fall: Russlands Behörden sind längst nicht so weit wie die der Chinesen, was das Sperren jeglichen staatskritischen Inhalts angeht. Doch sie üben. Bis Ende 2018 haben sie die Überprüfung von Facebook angekündigt.

Weigert sich der US-Konzern weiter, mit dem FSB zu kooperieren - unter anderem durch den Umzug seiner Server nach Russland -, will Roskomnadsor auch Facebook sperren. Später auch Twitter. Und vielleicht YouTube. Zunächst aber muss man erst einmal Telegram in den Griff kriegen.

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