Sascha Lobo

Deutsche Russland-Versteher Mit der Putinbrille auf der Nase sieht die Welt ganz anders aus

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Wer die Maßstäbe liberaler Demokratie anlegt, kann in Putin keinen Verbündeten sehen. Dennoch finden viele Deutsche für jede seiner Taten eine Entschuldigung. Doppelstandards und Realitätsblindheit helfen dabei.
Wladimir Putin mit Spezialbrille bei einem Besuch der Gorny-Universität in St. Petersburg

Wladimir Putin mit Spezialbrille bei einem Besuch der Gorny-Universität in St. Petersburg

Foto: Mikhail Klimentyev / AP

Anlässlich der russischen Eskalation gegen die Ukraine, die EU und die Nato lässt es sich in sozialen und redaktionellen Medien sowie in der Politik wieder einmal beobachten: Es gibt eine spezifisch deutsche Putinpsychologie, eine Reihe von Denk-, Kommunikations- und Verhaltensmustern, die sämtliche Angelegenheiten rund um Russland betreffen. Ich nenne sie die Putinbrille.

Die Putinbrille färbt jede Wahrnehmung der Realität ideologisch zu Putins Nutzen ein. Die Putinbrille hilft, Doppelstandards als normal zu betrachten, Teile der Wirklichkeit auszublenden und noch für jede Putinsche Monstrosität Erklärungen, Entschuldigungen und Täter-Opfer-Umkehrungen zu finden. In Deutschland sind wesentliche Bestandteile der Putinbrille: ein solider Antiamerikanismus, altlinke Verbrüderungsträume und rechts durchwirkte Kulturkampf-Fantasien, wie sie der ehemalige Chef der deutschen Marine vor wenigen Tagen zur Schau gestellt hat . Ergänzt wird die Funktionsweise der Putinbrille durch einen scheinheiligen, knalldeutschen Vulgärpazifismus, der alles Militärische dumpf ablehnt, aber im Zweifel natürlich doch empört ist, dass man die Taliban oder russische Söldnertruppen nicht mit einem einstimmigen Gremienbeschluss (zwei Enthaltungen) der »Nichtraucher für den Frieden Kassel Nord e.V.« zum Einlenken bewegen kann.

Einerseits haben sich überraschend viele Menschen in Deutschland mit Begeisterung von ganz allein die Putinbrille aufgesetzt. Andererseits arbeitet Putins Propagandamaschinerie intensiv daran, die Putinbrille möglichst weit zu verbreiten. Ach bringt doch ein wenig Verständnis mit, habt Empathie, schaut doch bloß mal aus der russischen Perspektive auf die Situation, der arme Putin! Hat man im gleichen, beinahe mitleidvollen Sound je davon gehört, dass man Biden, Xi oder Erdoğan verstehen müsse? Dass die Ärmsten gar keine andere Wahl hätten, als X zu tun oder Y zu überfallen?

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet im Putinschen Kontext ständig von Verständnis haben, verstehen müssen die Rede ist. Dahinter steht ein geschicktes, propagandistisches Vexierspiel, das komplett widersprüchliche Aussagen gleichzeitig sinnvoll erscheinen lässt. Je nachdem, was aus Putinsicht gerade besser ist. Zum Beispiel ist Putin zugleich übermächtig stark sowie strategisch brillant – und aber auch ein gar nicht anders könnendes Opfer der gemeinen EU sowie der noch gemeineren Nato. Die Opferpose, die tief in die Putinbrille eingebrannt ist, ist dabei psychologisch extrem wirkungsvoll.

Die Opferpose erlaubt zweierlei: Zum einen kann so die Verantwortung für das eigene Handeln auf die Gegner projiziert werden. Wer Opfer ist, reagiert schließlich nur. Zum anderen kann die Opferpose auch der Vorbereitung eines Angriffs dienen. Denn nach allgemein menschlichen Maßstäben ist die Selbstverteidigung diejenige Anwendung von Gewalt, die moralisch am nachvollziehbarsten erscheint. Dass Putin keine andere Wahl hätte und man ihn deshalb machen lassen solle, gehört zu den häufigsten Narrativen deutscher Putinbrillenträger. Die immer gleichen, komplett einseitig aufgestellten Entschuldigungen für Putins Aggressionen halten Putins Opferpose aufrecht. Etwa, dass die Nato Russland gewissermaßen umzingelt habe, dass Russland deshalb in seiner Not gar nicht anders könne.

Der Pressespiegel ist eher nicht Putins Entscheidungsgrundlage

Diese Erzählung blendet vollständig aus, dass das Interesse der osteuropäischen Staaten an der Nato eher nicht wegen des attraktiven Logos der Allianz zustande kam. Sondern einerseits durch die Besetzungshistorie und andererseits durch die so großspurigen wie großrussischen Erzählungen und Taten von Putin selbst. Spätestens Putins Annexion der Krim hat diese Befürchtungen vor einer russischen Invasion sehr real werden lassen. Aber mithilfe der opferposigen Putinbrille wird sich selbst bei einem eindeutigen Überfall Russlands auf die Ukraine immer jemand finden, der ernsthaft erklärt: Es fing damit an, dass die Ukraine zurückgeschlagen hat. Die klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Eine besonders perfide Variante der Verantwortungsverschiebung wird von Putinbrillenträgern derzeit sehr gern benutzt: Der scheinbesorgte Aufruf an die Öffentlichkeit und speziell die Medien, man möge den Konflikt nicht herbeireden. Als würde der Kreml sich jeden Morgen einen deutschen Pressespiegel als Entscheidungsgrundlage bestellen, und wenn der stellvertretende Ressortchef Politik des »Hanauer Landboten« etwas zu harsch kommentiert – greift Putin aus Wut die Ukraine eben doch an! Obwohl er bis gestern noch eigentlich ganz lieb sein wollte und bloß ein bisschen Truppenübungen machen.

Für das Verständnis von Russlands gegenwärtiger Bedrohung der Ukraine ist die Putinbrille besonders fatal. Sie blendet nämlich die Muster aus, nach denen Putin in den vergangenen über 20 Jahren an der Macht häufiger Konflikte gesucht und gefunden hat. Zwei dieser Muster sind im Moment besonders relevant. Das erste ist außenpolitisch-wirtschaftlich und lässt sich zusammenfassen mit »Nord Stream 2«, also der Gaspipeline von Russland nach Deutschland. Die wurde Anfang September 2021 fertiggestellt, dann kam die Wahl, bei der mit den Grünen und der FDP die am wenigsten Putin-freundlichen Parteien eine sehr machtvolle Rolle bekamen, und jetzt scheint das Projekt in Gefahr. Da kommt ein schönes Druckmittel gerade recht . Deutschland als aus Putinsicht wichtigster Akteur der EU würde mit der Gaspipeline über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte eine große Abhängigkeit von Russland in das politische und wirtschaftliche Betriebssystem des Landes einbauen. Ein wesentlicher Teil von Putins Aggression zielt wahrscheinlich darauf, am Ende als Preis für die Deeskalation »Nord Stream 2« ohne größere Hindernisse in Betrieb nehmen zu können. Und sich dauerhaft Einfluss auf Deutschland zu sichern.

Das andere Muster ist ein innenpolitisches und lässt sich grob an Putins Umfragewerten  ablesen. Gerade autoritäre Führer sind auf breite Zustimmung der bauchgefühlten Mehrheit im Land angewiesen, um ihr antidemokratisches, korruptes und deshalb oft ökonomisch zerstörerisches Spiel so ungestört wie möglich durchführen zu können. Im August 1999 kam Putin an die Macht und wurde von der Öffentlichkeit mit einer Zustimmungsrate von nur 33 Prozent eher negativ wahrgenommen. Wenig später eskalierte der russische Krieg mit Tschetschenien, und zack: Die Putin-Zustimmung stieg bis auf sagenhafte 84 Prozent. Es ist weder eine neue noch überraschende Erkenntnis, dass kriegerische Konflikte nationalistisch geprägte Öffentlichkeiten einnehmen können.

Das Mantra von den Kriegstreibern

Als 2008 zwischen Wirtschafts- und Finanzkrise sowie im Zusammenhang mit dem Präsidentenwechsel zu Medwedew die Zustimmungswerte drohten, Schaden zu nehmen, kam gerade rechtzeitig der Krieg gegen Georgien. Der die Zustimmung bis auf Höchstwerte von 88 Prozent katapultierte. Weil autoritäre Regime aber den Alltag für viele Menschen schwer machen, sank die Zustimmung kontinuierlich bis auf aus Putinsicht bedrohliche Werte in der Region um 60 Prozent im November 2013. Es folgte der Überfall auf die Krim, und die Zustimmung stieg wieder über die 80-Prozent-Marke. Bis Mitte 2020, wo sie durch die Pandemie und die fortgesetzte wirtschaftliche Schwäche Russlands wieder auf die geringsten Werte seit 1999 fielen. Man muss schon eine Putinbrille aufhaben, um zu ignorieren, dass die Konflikte mit der Ukraine und den Nato-Staaten massive Auswirkungen auf die Zustimmungswerte und damit die Machtbasis des Präsidenten haben.

Natürlich ist die ganze Gemengelage nicht nur von diesen beiden Aspekten, Nord Stream 2 und Zustimmungswerte, getrieben. Weltpolitik ist selten pur und kann immer kompliziert sein. Aber gerade diese beiden Faktoren mit der deutschen Putinbrille auszublenden, hilft Putin, sich als Opfer der Umstände und damit des Westens darzustellen. Das ist auch der Grund, warum Putinbrillenträger einen Begriff mantraartig für alle verwenden, die es wagen, die Stimme gegen Putin zu erheben: Kriegstreiber . Auch hier finden sich Spuren der Täter-Opfer-Umkehr, denn natürlich ist vollkommen egal, wie viele russische Soldaten an der ukrainischen Grenze schwerstbewaffnet aufmarschieren – Putin ist nie Kriegstreiber. Sondern immer und ausschließlich diejenigen, die sich anmaßen, in gigantischen Truppenaufmärschen und militärischen Drohübungen tatsächlich eine Aggression sehen.

Der vielleicht wichtigste Mechanismus der Putinbrille ist die Überzeugung, es gäbe keine Putinbrille. Man sähe stattdessen – als einzige Gruppe überhaupt! – unideologisch und objektiv auf die Welt, in der alle anderen gehirngewaschen, gekauft oder bösartig sind. Das basiert auf einer sogenannten kognitiven Verzerrung, dabei handelt es sich um systematische Fehlwahrnehmungen und -einschätzungen des Gehirns. Die Putinbrille funktioniert mit der Verzerrungsblindheit , die die eigenen Verzerrungen für nicht existent erklärt: Ich bin unbeeinflusst! Natürlich könnte man mit der Putinbrille auf der Nase den Spieß versuchen herumzudrehen und allen anderen Verzerrungsblindheit vorwerfen. Das allerdings mündet aus einem schlichten Grund in der Sackgasse. Man muss sich zur Ablehnung von Putins Politik gar nicht in abenteuerlich konstruierte Gedankenwelten verirren – denn es gibt eine Ideologie, die Putin klar und eindeutig entgegengesetzt ist. Sie heißt liberale Demokratie samt demokratischer Selbstbestimmung und ist – bei allen Schwierigkeiten, notwendigen Kritiken und Schäden daran – immer noch die politische Essenz der EU und großer Teile der westlichen Welt. Wer die Maßstäbe liberaler Demokratie und damit der Grund- und Menschenrechte anlegt, kann in Putin keinen Verbündeten, kein armes, in die Enge getriebenes Hascherl, keine verlässliche politische Größe sehen.

Unter Putin werden Oppositionelle und Journalisten ermordet, im Inland wie im Ausland. Gesellschaftliches Engagement wird bedroht, dem Regime unbequeme Figuren zu Terroristen erklärt, die Pressefreiheit verstümmelt, viele grundrechtlich essenzielle, gesellschaftliche Freiheiten werden absichtsvoll zerstört. In Putins Russland werden Homosexualität und Geschlechtsdiversität unterdrückt, häusliche Gewalt gegen Frauen legitimiert, Meinungsfreiheit massiv bedroht. Von der katastrophalen Korruption ganz zu schweigen. Die Putinbrille verharmlost diese Tatsachen, blendet sie aus oder lässt die imperialen, autoritären und totalitären Bestrebungen Putins als irgendwie akzeptabel erscheinen.