S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Beschwert euch!

Da geht noch was: Das digitale Leben in Deutschland 2012 könnte so viel schöner sein, findet unser Kolumnist Sascha Lobo, wären da nicht bräsige Politiker und ängstliche Unternehmen. Abhilfe könnte eine in Verruf geratene Kulturtechnik schaffen: das beharrliche Beschweren.

Die Erfindung Deutschlands ist eng verbunden mit der Beschwerde an sich. Was man im Alltag bloß erahnt, hat ein historisches Fundament. Der Gravamina nationis germanicae  , den gesammelten Beschwerden der deutschen Nation wider den Papst ab dem 15. Jahrhundert, lässt sich ein großer Einfluss auf die Entstehung dieser Mischkalkulation zuschreiben, die wir heute Deutschland nennen. Diesen Ball nahm Friedrich der Große später auf, als er die Vorläufer der Petition ins Allgemeine Preußische Landrecht einband :

"Dagegen steht es einem Jeden frey, Einwendungen und Bedenklichkeiten gegen Gesetze und andere Anordnungen im Staate sowie überhaupt seine Bemerkungen und Vorschläge über Mängel und Verbesserungen sowohl dem Oberhaupt des Staates, als den Vorgesetzten der Departments anzuzeigen."

Und doch ist die Beschwerde inzwischen außerordentlich schlecht beleumundet. Wer sich beschwert, wird schnell als Querulant bezeichnet, was deshalb so perfide ist, weil diese Bezeichnung sich selbst verstärkt. Man kann sich ja schlecht darüber beschweren, dass man als jemand bezeichnet wird, der sich dauernd beschwert. Dabei hat die Beschwerde zu Unrecht einen schlechten Ruf. Revolutionen verändern die Welt, Beschwerden machen sie besser. Jedenfalls mittelfristig.

Die seit Jahren beständig vorgetragenen Beschwerden, Deutschland sei ein Hort unangenehmer Bürokratie, haben zum Beispiel dazu geführt, dass heute der Besuch im Bürgeramt eine wundervolle Überraschung sein kann. Man kann sich im Internet Termine geben lassen, die so etwas Ähnliches wie eingehalten werden. Das Wartenummernsystem vor Ort ist verständlich und gibt Informationen wie die verbleibende Wartezeit preis. Es informiert den Bürger sogar kostenlos per SMS zehn Minuten vor dem Termin, weshalb man nach Wunsch koffeiniert in einem nahen Café herumsitzen kann. Dank gebührt den Hunderttausenden Beschwerenden, die so lange meckerten, bis es spürbar besser wurde. Vermutlich werden die Beschwerer auch dann nicht mit dem Beschweren aufgehört haben, aber das ist ein anderes Problem.

Eingedenk der großen Weltverbesserungskraft der Beschwerde scheint es also sinnvoll, sich über die aktuellen Unzulänglichkeiten des Internets zu beschweren. Wieder und wieder. Während die klassische deutsche Beschwerde auch ein obrigkeitsstärkendes Element beinhaltet - irgendjemand außer dem Beschwerer selbst muss verantwortlich sein, und dem Adressaten einer Beschwerde wird automatisch Macht zugeschrieben -, richtet sich die Beschwerde über das Internet nicht immer an eine konkrete Instanz. Sondern ersatzweise an den digitalen Weltgeist, und diese Sau hat eine ganze Menge verbockt in den letzten Jahren.

Der Transfer großer Dateien zwischen Leuten, für die FTP eine falsch abgekürzte Partei ist  (und das sind die meisten), ist noch immer ein ungelöstes Problem. Jede Hobbykamera speit inzwischen Urlaubsfotos mit Dutzenden Millionen Pixeln aus, aber mehr als fünf dieser Fotos hält kein normaler Mailserver aus. Für die große Mehrheit der Internetnutzer ist der einfachste Weg, jemandem zwei Gigabyte - die Datenmenge eines halben Kinofilms - zukommen zu lassen, eine DVD per Post zu verschicken. Das ist kaum weniger ulkig, als würde man, statt zu mailen, einen digitalen Text ausdrucken und per Kurier versenden. Wenn auch nicht so ulkig wie das Fax, dieser garstige Irrweg der technischen Evolution, ein schlechtvernähter Sohn Frankensteins, halb digital, halb analog, aber jeweils die falsche Hälfte.

Die digitale Vernetzung ist noch immer erbärmlich dysfunktional

Generell besteht das Themenfeld Datenübertragung und Netzzugang aus aneinandergehäkelten Zumutungen und ist deshalb ein Beschwerdemagnet. Seit Jahren twittern Astronauten munter aus dem All , aber im Zug Hamburg-Berlin gibt es kein W-Lan, und mit dem Handy kann man jedes Bit einzeln mit Vornamen begrüßen. Unter deutschen Hotels scheint ein Wettbewerb zu laufen, wer die absurdesten Preise für eine Stunde Internet verlangen kann, ohne von aufgebrachten Gästen niedergebrannt zu werden. Ein Wettbewerb übrigens, der im Kontrast kindergartig wirkt gegen die Kosten einer völlig normalen Benutzung des Smartphones im Ausland.

Datenroaming kostet noch immer 3,40 Euro je Megabyte innerhalb Europas, was ein schönes, also schön beklopptes Symbol für den Aberwitz von Kommunikation und Geld im EU-Kontext darstellt. Diese Preisgestaltung macht einen YouTube-Film zu einem 20-Euro-Vergnügen. Außer: Das Video enthält Content von sonstwem und ist in diesem Land nicht verfügbar. Aber solche Ärgernisse passen zur digitalen Staatsräson: Die durchschnittliche Bandbreite deutscher Netzanschlüsse gilt in Ländern wie Finnland oder Südkorea als "offline". Und die Netzneutralität, wichtigste infrastrukturelle Grundlage der digitalen Sphäre, wird behandelt, als hätten wir ein Ersatzinternet im Kofferraum .

Kaum besser wird die Datenübertragung, wenn man vom Großen ins Kleine zoomt. Wer hätte noch nicht irgendwelche Links per Hand abgeschrieben, weil Copy-und-Paste nicht zwischen zwei Geräten funktioniert. Wieso muss man sich vom iPhone selbst Fotos per E-Mail schicken, die dann auch noch "foto.jpg" heißen? Oder zur Fotoübertragung ein so lotusnotiges Programm wie iPhoto benutzen?

Auch die erbitterte Beschwerde über DRM (Digital Rights Management) darf in keiner guten Internet-Meckerei fehlen. Dieses Pestbakterium des Internets verhindert angeblich unbefugtes Weitergeben von digitalen Gütern wie Musik- oder Filmdateien. Tatsächlich kostet es digitalen Unhold zwölf Sekunden, eine Datei mit Spezialprogrammen zu cracken, wogegen der ehrliche Nutzer Tage und Wochen seiner kostbaren Zeit damit verbringt, den legal gekauften Song von einem eigenen Gerät auf ein anderes, eigenes zu transferieren. Aber die Dunkelziffer der wegen Zeit- und Nervendiebstahls durch DRM von eigentlich kaufwilligen Nutzern rachekopierten Songs fehlt in jeder Bilanz.

Alle diese Punkte stellen nur einen winzigen Ausschnitt der unendlichen Weiten des Beschwerdepotentials über das gegenwärtige Internet dar. Denn die digitale Vernetzung, die immerhin das Leben in der westlichen Zivilisation strukturiert und immer stärker bestimmt, ist noch immer erbärmlich dysfunktional. Eigentlich ist die Beschwerde erste Digitalbürgerpflicht, bis das Internet gesundgemeckert ist. Nicht zu unfreundlich, um die Welt-Laune-Entropie nicht zu sehr ins Negative zu ziehen, aber doch deutlich: Höfliche Hartnäckigkeit hilft. Vielleicht gibt es schon in 500 Jahren eine Gravamina internetis germanicae, auf der das digitale Land unserer Nachfahren aufgebaut sein wird. Und wenn nicht, können sie sich immerhin darüber beschweren.

tl;dr

Höfliches, hartnäckiges Beschweren über die Zumutungen der Welt macht sie zwar kurzzeitig unangenehmer, aber später besser (Schätzwert).

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.