S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Das Technium

Eigentlich sind wir alle Cyborgs, weiß Sascha Lobo. Und wir sind Teil eines größeren Etwas, eines riesigen Organismus, der gehegt und gepflegt, gefüttert und erweitert werden will - und uns als Gegenleistung erlaubt, ein paar tausend Jahre Evolution zu überspringen.

Jede Dekade hat eine handvoll Bücher, die ihr die Welt erklären. Eines der Nuller-Jahre kam spät, im Jahr 2008: "Here comes everybody" von Clay Shirky. Er beschreibt darin die Macht der Vielen durch die Vernetzung mit den richtigen Instrumenten. Spätestens seit dem Arabischen Frühling müssen die von ihm beschriebenen Effekte der "Organisation ohne Organisation dahinter" als weltverändernd gelten.

Eines der Bücher dieser Dekade ist Kevin Kellys "What Technology Wants". Das dem Buch zugrunde liegende Gedankenmodell ist begeisternd und beängstigend gleichermaßen. Und darin liegt seine Stärke. Kelly beschreibt die Technologie, insbesondere die der digitalen Vernetzung, als eine Art Organismus und gibt diesem Überwesen einen Namen: das Technium. Dieser Organismus tut das, was alle Organismen tun, er wächst, entwickelt sich weiter und reproduziert sich.

Unbelebte Strukturen mit biologischen Großmetaphern zu erklären ist nicht neu. Ein hervorragendes Modell für Kommunikation stammt vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der 1976 in seinem Buch "The Selfish Gene" die Memetik begründete. Ideen können sich wie Gene verhalten, wie "Einheiten kultureller Vererbung". Sie pflanzen sich fort, indem sie kopiert und von Wirt zu Wirt weitergetragen werden. Diese ideenartigen Einheiten bezeichnete Dawkins als Mem, nach dem griechischen Mimem, der Imitation. Eines der erfolgreichsten Meme ist das Christentum, das seit 2000 Jahren weitergetragen wird - so, als würde es kulturell vererbt. Das Erklärungsmodell der Meme funktioniert besonders gut im Netz, wo Meme Kommunikationseinheiten sind, die weiterverbreitet und dabei weiterentwickelt werden.

Zu den bekanntesten Internet-Memen gehören die LOL-Cats, mit Gags angereicherte Katzenbilder. Die Verballhornung von Ursula von der Leyen im Zusammenhang mit dem Sperrgesetz, "Zensursula", aufgebracht vom Twitternutzer @erdgeist, ist ebenfalls ein Mem: eine explosive Idee, in ein leicht reproduzierbares und weitererzählbares Wort gebracht. Ohne dieses wohl erfolgreichste, deutschsprachige Mem wäre der Protest gegen die Netzsperren nicht derart erfolgreich gewesen - und genau hier zeigt sich die Macht der Meme. Durch ihre Verbreitungskraft provozieren sie Kommunikation im Netz und die kann eine entsprechend mobilisierende Wirkung haben. Obamas "Yes we can!" war ein aktivierendes Mem und auch der derzeitige Jugendaufstand in Spanien wird kommunikativ getragen von einem ähnlich genialen Mem: "Yes we camp!"

Das Konzept des Technium stellt die Mem-Idee, die bisher trotz verschiedener Weiterentwicklungen etwas verloren in der Landschaft stand, in einen größeren Kontext. Kellys große Leistung dabei ist, zwei scheinbar unvereinbare Diskurse um das Netz in einem Modell zusammenzuführen: Internet-kritische und Internet-begeisterte. Ein wichtiger Teil von Frank Schirrmachers "Payback" zum Beispiel dreht sich um ein Zitat von George Dyson : "Es könnte sein, dass es das eigentliche Schicksal unserer Spezies ist, dass wir eine Intelligenz aufbauen, die sehr erfolgreich ist, egal ob wir sie verstehen oder nicht." Obwohl dieser Satz mit Absicht bedrohliche Untertöne entwickelt, ist er ein Steilpass für die Existenz des Techniums, und Kelly verwandelt ihn auf andere Art als vermutet.

Schirrmacher nimmt weitgehend die Perspektive des Menschen ein, Kevin Kelly hat die Betrachtung umgedreht und schaut aus dem neuen Organismus auf die Welt: "Das Technium kann nur verstanden werden als eine Sorte evolutionären Lebens."

Und mit dieser simplen Verkehrung der Perspektive ergibt sich ein Modell der Erklärung der digitalen Welt, das ähnlich wie das Bild von "Natur" kaum in gut oder schlecht geordnet werden kann - sondern eben als Teil einer übergeordneten Entwicklung. Betrachtet man das Internet nach dem genialen Organismusmodell des Technium, lassen sich die Argumente beider Seiten sehr viel einfacher nachvollziehen.

Kritisch betrachtet, drängt das Technium uns, es stärker - möglichst unverwundbar - und größer zu machen, mit Daten zu füttern und mit Kommunikation, mit Memen. Es belohnt uns für investierte Zeit und Energie, das Technium, das Internet ist ein Riesen-Tamagotchi für die gesamte Menschheit. Irgendwann genügte es dem Technium nicht mehr, auf den Tischen zu stehen und es drang in die Jackentaschen vor, vermutlich wird das Wesen aus Technologie irgendwann in die Körper vordringen.

Das Technium verändert die Verhaltensweisen, es bringt etwa seine menschlichen Follower dazu, in Panik zu verfallen, schon kurz bevor ihm die Energie ausgeht und treibt sie zur nächsten Steckdose. Auf Angriffe reagiert das Technium, indem es seine Fans wie eine Ameisenkönigin zur Verteidigung treibt. In manchen Ländern lässt es sie gar Parteien gründen, deren Zweck das Wachstum und die Stärkung des vernetzten Techniums ist. Wenn vom Kontrollverlust des Internet-Zeitalters die Rede ist - handelt es sich eigentlich um eine Kontrollverschiebung zu Gunsten des Techniums.

Die positive Betrachtung des gleichen Modells kommt Leuten mit hoher Affinität zum Internet bekannt vor: mit der Technologie fühlt man sich überhaupt erst in der Lage, sein Potential auszuschöpfen. Man wäre vielleicht gerade so funktionsfähig, aber unvollständig ohne das Technium, deshalb tut man alles, es zu erhalten. Natürlich ist man abhängig vom Netz, ungefähr wie ein Kurzsichtiger von seiner Brille abhängig ist. Aber ohne das Technium fühlt man sich als halber Mensch. Zu Recht. Die Anthropologin Amber Case hat Ende 2010 einen kurzen Vortrag gehalten, "We are all cyborgs now", wir sind alle längst kybernetische Mischwesen, also Mensch-Maschinen.

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Das interessante ist, dass sie zum Beweis dieser Behauptung nicht mehr tun musste, als die ursprüngliche Definition von Cyborg, wie sie in den sechziger Jahren in der Raumfahrt verwendet wurde, auf den heutigen Menschen anzuwenden.

Aus dieser Perspektive ist das Technium ebenfalls der Superorganismus und - auch wenn es sich seltsam anhört - die natürliche Weiterentwicklung des Menschen. Kevin Kelly nennt das die "beschleunigte Evolution", denn Darwins evolutionäres Prinzip wirkt über sehr lange Zeiträume. Aber was tut man zwischendurch, während man auf die nächste, besser an die schwierigen Bedingungen der Welt angepasste Generation wartet? Man entwickelt Workarounds gegen die eigene Unzulänglichkeit, und genau das ist Technologie. Damit schöpft man das eigene Potential schon zu Lebzeiten aus und kommt so der Evolution ein paar tausend Jahre zuvor. Das Technium ist unser Selbstbild in der Zukunft. Technologie ist Evolution für Ungeduldige.