S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Die Ideologie des Internets

Ist das Netz rechts, links, liberal? Sascha Lobo ergründet, ob Technologie eine Weltanschauung haben kann - oder nur ein Instrument mächtiger Konzerne ist.

"In Frankreich sind die Menschenrechte erklärt worden, damals; heut ist dort im wesentlichen Geldherrschaft. […] Amerika ist ein freies herrliches Land mit Demokratie und Republik und sonstwas; es herrscht aber auch dorten zufällig - und noch viel toller - das gemeine Geld. […] Die Verbrecherinstinkte rücken zur Philosophie auf. Nebenbei eine kleine Perspektive auf die Verchinesung Europas und Amerikas. […] Kurzum: die Zeit ist aus den Fugen."

Auf seltsame Art scheint die Welt wieder dort angekommen zu sein, wo sie war, als Alfred Kerr diesen Text am 31. Dezember 1899 in der Breslauer Zeitung als Kolumne veröffentlichte. Das Datum deutet auf die Stimmung Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg: Fin de Siècle, das Ende einer Epoche, mit ungewissem Ausgang.

Heute kann man schon bei leichtem Medienkonsum wieder den Eindruck bekommen, dass eine Epoche endet. Wie das 19. Jahrhundert erst 1914 wirklich aufhörte - endet auch das 20. erst mit einer guten Dekade Verspätung, bloß mit Geldkrieg statt Weltkrieg? Aber wie es auch kommen mag, unruhige Zeiten sind die Zeiten der Ideologien. Und die Wucht, mit der das Internet heute in allen Bereichen auf die Gesellschaft wirkt , führt zu der Frage: Gibt es eine Ideologie des Netzes? Hat das Internet eine eingebaute politische Weltanschauung?

Oberflächlich betrachtet spricht Einiges dafür. Das Netz ist dezentral aufgebaut und partizipativ. Es fördert durch seine Struktur Datenzugänglichkeit und Transparenz. Das Internet ist (gegenüber technisch Sachkundigen) sehr schwer zu zensieren. Durch die sozialen Medien ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, eine Art Volksdiskurs. Dazu kommt der umfassende Zugang zu Wissen und Bildung, ergänzt durch eine weitgehende Demokratisierung digitaler Produktionsmittel. Diese Merkmale deuten zunächst auf eine linksliberale, basisdemokratische Tendenz des Internets, mit anarchischen oder zumindest antihierarchischen Einsprengseln. Über die oft als belegarme Phrase zitierte "demokratisierende Wirkung des Internet" diskutierten die US-amerikanischen Autoren Evgeny Morozov und Clay Shirky  im Dezember 2010 auf der Diskursplattform edge.org.

Und tatsächlich ist nicht geklärt, ob repressive Staaten mit großem technischen Know-how das Internet nicht als perfektes Kontrollinstrument benutzen können, das den zweifellos vorhandenen Vorteil einer digitalen Gegenöffentlichkeit und hyperflexiblen Organisationsstruktur mehr als aufwiegt.

Das Internet wird geprägt von kalifornischen Unternehmen

Aber diese Fragen, so entscheidend sie sind, behandeln das Netz als Instrument. Wenn man einen tiefer liegenden, ideologischen Kern - sollte er vorhanden sein - entdecken möchte, muss man an einen Ort gehen. Die drei beherrschenden Konzerne der heutigen digitalen Sphäre sind Apple, Facebook und Google. Laut Google Maps  lassen sich alle drei Konzernzentralen mit dem Auto in nur 29 Minuten abfahren - das Internet wird geprägt von kalifornischen Unternehmen. Das ist kein Zufall, sondern das Produkt einer Weltanschauung, die dort ihren Ursprung hat: die kalifornische Ideologie. Schon 1995, als Apple fast pleite, Google noch nicht gegründet und Mark Zuckerberg elf Jahre alt war, beschrieben die britischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron diese Haltung des Silicon Valley als techno-libertär mit neoliberalem Einschlag. Konrad Lischka erklärte anlässlich Steve Jobs' Tod, wie tief diese Weltanschauung in Apples Produkten verankert ist.

An der Person des Apple-Gründers lässt sich - zum Beispiel im direkten Vergleich mit Bill Gates - die kalifornische Ideologie erkennen. Gates, prägend für die Informationstechnologie der neunziger Jahre, möchte die Welt mit seinem Geld besser machen. Dafür gründete er die bestfinanzierte Stiftung der Welt mit einem Stiftungsvermögen von mehr als 37 Milliarden Dollar. Jobs, prägend für die vernetzte Informationstechnologie der Nullerjahre, stoppte bei seiner Wiederkehr in die Geschäftsführung sämtliche philantropischen Projekte von Apple - er wollte die Welt mit seinen Produkten besser machen.

Darin liegt der Schlüssel zum Verständnis einer Internetideologie: Sie begreift die vernetzte Technologie als grundsätzlich gut, weil sie der umfassenden Selbstermächtigung des Einzelnen dient. Sie betrachtet das Netz - trotz der ungeheuren Abhängigkeit dieser Struktur von Politik, Infrastruktur und Energie - gleichzeitig als Symbol und als Basis der eigenen Unabhängigkeit. Im Kern geht die Internetideologie davon aus, dass jedes soziale Problem eine technische Lösung hat. Sie ist damit ein Nachfahre von Thorstein Veblens Technokratie, der - irrwitzige Koinzidenz - 1929 exakt dort starb, wo heute Facebook sein Hauptquartier hat und der eine Herrschaft der Ingenieure propagierte, weil die doch kybernetische Systeme viel besser bedienen könnten.

"Programmierer zu Politikern" ist das neue "Schwerter zu Pflugscharen"

Was Dietmar Dath in seinem Text "Ostblock, Westblock, Weblog"  beschrieb - Ideologiekritik als Ideologie - das ist die Internetideologie: warum Ideologie, wenn es doch Technologie gibt? Internetideologen glauben, sie seien gar keine Ideologen. Nirgendwo wird das deutlicher als bei der Piratenpartei: Sie stellen das Primat der Politik in Frage, weil sie mit der vernetzten Technologie zur Entscheidungsfindung als Politikersatz viel bessere Erfahrungen gemacht haben: "Programmierer zu Politikern" ist das neue "Schwerter zu Pflugscharen". Nachdem die Politik im neuen Jahrtausend bisher so mittelüberzeugend agiert, erscheint das vielen als sinnvolle Alternative.

Aber obwohl es dringend notwendig ist, eine digitale Demokratie zu entwickeln, kann es sich dabei nicht um die Ersetzung der Demokratie durch die digitale Vernetzung handeln. Denn das Internet ist nicht links oder rechts, sondern vorn. Es ist Mittel, nicht Zweck, und enthebt niemanden von der Entscheidung, welche Politik, welche Weltanschauung man am Ende vertritt. Wer bei Facebook unter "Political Views" einträgt: Internet - der ist bloß unfähig oder unwillig sich zu entscheiden. Und das hat nichts mit der Verkennung dieses wunderbaren Kulturraums Netz und seiner Möglichkeiten zu tun.

Aber vielleicht bleibt die in der Medienluft liegende, große Verwerfung auch aus. Und trotz Arabischen Netzfrühlings, Wikileaks, Occupy und Piratenpartei köchelt eine Internetideologie - quasi nebenbei beim Aufbau der Gesellschaftsbetriebssysteme von Google und Facebook - weiter vor sich hin und hält sich für wichtiger, als sie ist, weil die wirklich großen Entscheidungen noch anderswo und auf andere Art getroffen werden.

"Dichter Nebel lag auf der Erde, am ersten Tag des 20. Jahrhunderts, in der deutschen Hauptstadt. Soll das so fortgehen? Es gibt ja ganze Jahrhunderte, die entsetzlich verliefen. Für den einzelnen hat diese Vorstellung, eine langwierige öde Entwicklung mitmachen zu müssen, etwas Trostloses."

Die erste Kolumne von Alfred Kerr im neuen Jahrhundert hätte nicht falscher vorhergesagt sein können. Denn das 20. Jahrhundert verlief zwar entsetzlich, aber nicht, weil es langwierig öde war. Sondern wegen der Ideologien.

tl;dr

Das Internet ist nicht links oder rechts, sondern vorn. Das Digitale ist politisch - aber erst, wenn man es dazu macht.

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