S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Einfach mal abschalten!

Schlimm!! Übel!! Unerträglich!! Es ist mal wieder Jammerzeit - die Technik frisst uns auf, heißt es, die E-Mail-Flut ist zum Tsunami angeschwollen. VW verspricht jetzt Abhilfe: keine nächtliche Post mehr. Was für ein Quatsch.

Ende Dezember, Weihnachten, die arbeitsfreien Tage zwischen den Jahren. Nachdenken im Sessel. Zeit, sich klarzuwerden über die Welt und das Büro. Es sind Tage der Quartalsbesinnung, Tage der Kurzzeiteinkehr und der Ruhe vor dem wiederkehrenden Arbeitssturm im neuen Jahr. Tage also mit der akuten Gefahr, sich selbst zu belügen mit dem gequirltestmöglichen Mist. Denn eine ehrliche Abrechnung mit dem eigenen Schaffen in anderthalb Wochen, in denen das Blut eher im Verdauungstrakt als im Hirn zirkuliert - das ist so unwahrscheinlich wie ein ICE-Halt in Wolfsburg. Viel wahrscheinlicher, weil angenehmer: eine verantwortliche Instanz zu finden für alles, was in Beruf und Privatleben sowie dazwischen schiefläuft. Als Getriebener ist man nur für wenig wirklich selbst verantwortlich.

Glücklicherweise gibt es einen Universalschuldigen am eigenen Unglück und dem der westlichen Arbeitsgesellschaft. Es ist der aggressive Fortschritt, der das Leben so unerträglich macht, die Beschleunigung der Arbeitswelt, die Elektrifizierung des Privatlebens, die daraus resultierende Oberflächlichkeit. Das jedenfalls wird rechtzeitig zu Weihnachten medial und politisch ausgekübelt, damit zwischen zwei Cholesterinattacken für zwölf Leseminuten die selbstmitleidige Illusion des Innehaltens aufrechterhalten werden kann. Oh, wie schwer hat man es im Restjahr, wenn dauernd das Handy klingelt, weil der Chef den Bericht bis halbfünf gemailt haben möchte.

Ursula von der Leyen hat mit ihrem sicheren Gespür für prä-präsidiale Polit-PR aus der Lektüre der vergangenen fünf Bestseller über die Arbeitswelt gelernt, dass Burnout ein kampagnenfähiges Medienthema ist. Vor allem eines, bei dem man sich mit niemandem wirklich anlegen muss. Burnout hat ja keine Lobby bisher, und solange die Stuttgarter Parkschützer mit dem Juchtenkäfer beschäftigt sind, ist es unwahrscheinlich, dass irgendjemand einen Verband zum Schutz des Burnout gründet.

Wichtig ist Rilke statt Facebook

Auf SPIEGEL ONLINE schreibt Stefan Berg einen Besinnungstext, in dem er zum Schluss kommt, dass niemand mehr Zeit für Liebe hat, weil alle in einem Teilchenbeschleuniger sitzen, der die Hirne zerreisst. Jedenfalls das Metaphernzentrum. Und dass man nichts verpasst, wenn man bloß die Borke eines Baums betastet. Besonders wichtig ist auch Rilke statt Facebook.

Mit viel Gefühl für das richtige Timing ringt schließlich der Betriebsrat den VW-Konzern nieder und verkündet kurz vor Weihnachten, dass ein Teil der VW-Angestellten in Zukunft nach Ende der Gleitzeit keine E-Mails mehr auf ihre Dienst-Blackberrys bekommt. Als würden die armen Leute nicht schon genug darunter leiden, dass sie keine richtigen Smartphones abbekommen haben. Diese E-Mail-Blockade zeigt mustergültig, was falsch ist beim Umgang der Gesellschaft mit dem Fortschritt und wie sehr vernetzte Technologie zum Erbsündenbock erklärt wird.

Am Blackberry gibt es einen Ausknopf. Wer ihn nicht bedienen kann, dem hilft auch kein Betriebsrat. Und wer sich nicht traut, ihn zu bedienen, hat einen großen Haufen Probleme, die durch die Abschaltung eines Servers nicht gelindert oder gar gelöst, sondern nur versteckt werden. Statt nach den Gründen zu forschen, weshalb überhaupt dringende E-Mails mit angeblich sofortigem Bearbeitungsbedarf um 22.45 verschickt werden - und falls diese tatsächlich unnötig sein sollten, gegen die Ursachen anzuarbeiten -, begnügt man sich mit dem symbolischen Akt, den Blackberry-Mailserver abzuschalten. Diejenigen, die wirklich um diese Zeit kommunizieren wollen oder müssen, werden verbotenerweise ausweichen auf ihre privaten E-Mail-Adressen, was zu noch intensiverer Verschmelzung von Arbeit und Privatleben führt und zusätzlich katastrophale Folgen für die Datensicherheit des Unternehmens hat.

Die außer den Segnungen auch vorhandenen negativen Folgen des Fortschritts lassen sich nicht durch Ignorieren, pauschale Ablehnung oder symbolische Handlungen bekämpfen. Sondern nur durch den richtigen Gebrauch der Technologien. Das Ziel muss die richtige Haltung gegenüber Arbeit und Vernetzung sein, unabhängig von technischen Begrenzungen und Möglichkeiten. Wer zu Feierabendzeiten ungewollten E-Mail-Verkehr hat, hat kein technisches, sondern ein persönliches Problem, ob es aus der eigenen Unfähigkeit zum Abschalten besteht oder einem unbarmherzigen Chef.

Misstrauisch beäugt wird, wer nicht kurz vor dem Burnout steht

Mit dem Schimpfen auf die Beschleunigung und der larmoyanten Ablehnung des ach so hektischen Fortschritts schiebt man die Schuld für seine Selbst-Unzufriedenheit auf die böse Technologie. Statt zu fragen, ob man überhaupt fähig ist, mir ihr richtig umzugehen. Statt zu fragen, ob man wirklich das Leben führt, das man führen möchte. Statt zu fragen, ob man sich das ständige Piepen des Smartphones vielleicht selbst ausgesucht hat, um von der eigenen Leere abzulenken. Und also die Abschaffung des piependen Smartphones gar nicht die Lösung des Problems wäre.

Der medial explodierende Begriff Burnout gehört in die gleiche Kategorie: Arbeiten ist so schnell und so anstrengend geworden - in bundesdeutschen Betriebsteeküchen misstrauisch beäugt wird, wer nicht kurz vor dem Burnout steht. Und auch hier ist mal mehr, mal weniger über Bande die böse Technologie schuld mit ihrem unmenschlichen Takt. Das Praktische daran ist, dass der diffuse Feind Fortschritt so unaufhaltsam, übermächtig und allgegenwärtig ist, dass alles andere dagegen verblasst. An so einem Burnout sind weder die miesen Kollegen oder die falsch kalkulierende Firma schuld noch der zur Erholung unfähige Mitarbeiter selbst, sondern eben die unerbittliche Riesenmaschine Fortschritt. An der man ja nichts ändern kann, leider, leider, Paraglider. Müller hat Burnout, oh verdammt, der Arme, aber jetzt schnell ins Meeting, Schmidt macht Müllers Kram mit, war ja eh nicht so viel, hoho.

Es ist sehr praktisch, in der Dreiviertelstunde besinnlichen Nachdenkens am Ende des Jahres dem Handy die Verantwortung für die Ruhelosigkeit aufzudrücken. In Facebook den Grund für die mangelnden Sozialkontakte zu sehen. Das Internet für die Ursache der eigenen, unkonzentrierten Oberflächlichkeit zu halten. Auf diese Weise fühlt man sich weniger schlecht, weil man 500- oder 5000-mal im Jahr die Fehlentscheidung getroffen hat, bloß nochmal kurz in die E-Mails reinzusehen, anstatt zu knutschen, mal wieder ein gutes E-Book zu lesen oder was auch immer zu tun, online, offline, egal - aber selbstbestimmt.

tl;dr

Wenn man nicht hauptberuflicher Eremit ist, lässt sich Selbstbestimmung nur mit richtiger Verwendung von Technologie erreichen, nicht dagegen.

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