S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Flitzpiepe, wir müssen gar nichts!

Ihr! Wir! Klickt hier! Im Netz verfällt man ganz schnell einem diffusen, digitalen Gruppengefühl. Doch Vorsicht: Ratzfatz steckt man mit Hohlwelt-Theoretikern und Bon-Jovi-Fans in einem Wir.

Eine der schönsten Nachkriegsbeleidigungen stammt von Theodor Wiesengrund Adorno: "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen." Im Zeitalter des Internets aber wird immer deutlicher, dass es die weitaus größere Unverschämtheit ist, Wir zu sagen.

Die sozialen Netzwerke haben neben der Blüte der Haustier- und Nahrungsmittelfotografie eine eigentlich seltsame Formalisierung der eigenen Beziehungen mit sich gebracht. Kennenlernen ist ein diffuser, langsamer und oft asymmetrischer Prozess, aber die Freundschaftsanfrage auf Facebook fordert eine schnelle und eindeutige Antwort. Das ist nicht schlimm, nur eben anders. Ähnlich verhält es sich mit der Gruppenzugehörigkeit, mit dem Wir, das in Social Networks recht schnell angewendet wird. Gewöhnungsbedürftig schnell. Wer hätte sich noch nicht im digitalen Überschwang dazu hinreißen lassen, dieser oder jener Gruppe in einem sozialen Netzwerk beizutreten, nur um dort festzustellen, dass man in einen Topf geworfen wird mit Leuten, mit denen man niemals Wir sein wollte:

"Hey Fans, ihr müsst hier und dort unbedingt volle Möhre für mich voten!"

Antworten möchte man umgehend:

"Hey, du Flitzpiepe, wir müssen gar nichts, weil es "uns" nämlich gar nicht gibt, die Leute, die du für deine Fans hältst, haben nicht mehr gemeinsam, als dass sie sich aus den unterschiedlichsten Gründen zu einem einzigen Klick haben breitschlagen lassen, was ja wohl das kleinste gemeinsame Wir überhaupt darstellen dürfte, außer vielleicht der Gruppe der Atmenden."

Veränderung des Wir-Begriffs

Aber so antwortet man natürlich doch nicht, weil man an dieser Zuordnung so ganz unschuldig ja auch nicht ist. Das Gefühl allerdings, im Netz allzu schnell zu einer Gruppe dazugehören zu sollen, ständig Einladungen zu einem brandneuen Wir zu bekommen, ist ein deutliches Anzeichen für die Veränderung des Wir-Begriffs. Begünstigt wird die Verwandlung des Wir durch die ständige Bühnensituation im Internet: Wer auch immer sich wo auch immer im Großraum Social Media äußert, tut dies vor einem virtuellen Publikum, einem digitalen "ihr".

Wo im Englischen wegen der Wortgleichheit von "you" (du) und "you" (ihr) die Problematik anders gelagert ist, hat im Deutschen die digitale Verihrung begonnen. Klickt hier, tut dies, interessiert euch für jenes. Es dürfte schwer sein, belastbare Statistiken dafür zu bekommen - aber die Alltagssituationen, in denen eine einzelne Durchschnittsperson vor einer ganzen Gruppe kommunizierte, haben mit den sozialen Medien vermutlich dramatisch zugenommen. Der Ansprache Ihr steht ein seltsam diffuses, schwaches, digitales Wir gegenüber. Für Kulturpessimisten dürfte es schwer sein, darin nicht eine gesellschaftliche Atomisierung, soziale Vereinzelung und überhaupt den Untergang zu sehen, es bleiben im Raum: Facebook, Twitter, YouTube und die Blogs.

"Mit euch möchte ich nicht wir sein"

Norbert Elias stellte fest, dass sich die gesellschaftliche "Wir-Ich-Balance" ständig verändert - und sich immer verändert hat, im 20. Jahrhundert deutlich in Richtung Individualismus. Mit dem Netz wurde diese Entwicklung beschleunigt - aber was genau macht die Digitale Sphäre mit dieser Balance? Es gibt eine Reihe von Anzeichen, dass das Internet eine Neudefinition des Wir bewirkt. Das Unwohlsein, in sozialen Netzwerken ständig geihrt und verwirt zu werden, ergibt sich auch aus der großen Fülle der persönlichen Informationen. Ein ehrliches Wir spricht sich leichter aus, wenn man nicht weiß, dass das Gegenüber begeisterter Schlagerfan ist oder der Hohlwelttheorie anhängt.

"Mit euch möchte ich nicht wir sein", dieses Gefühl findet sich aber auch in der Politik: Vielleicht rührt die Politikverdrossenheit (die ja eigentlich eine Parteienverdrossenheit ist) daher, dass immer weniger Leute bereit sind, ihre Überzeugungen in substantiellen Teilen einer Gruppe anzupassen, nur um als Wir wahrgenommen zu werden. Die dazugehörige These: die Piratenpartei ist auch ein Symptom der Wir-Schwierigkeiten der digitalen Generation, der Vereinnahmung noch weniger angenehm scheint als den politischen Generationen davor.

Digitale Verflüssigung sozialer Beziehungen

Am Abend der Berlinwahl standen im September 2011 Parteichef Sebastian Nerz und der damalige Leiter der Berliner Geschäftsstelle Stephan Urbach beieinander und antworteten auf die Frage "Sind die Piraten links?" jeweils wie aus der Laserpistole geschossen. Nur eben einer mit "Ja" und einer mit "Nein". Selbst die simpelsten Formen der Zuordnung in "wir" und "die", in der Politik also links und rechts, funktionieren kaum noch. Die Piratenpartei hat offensichtlich Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines politischen Wir - und ist damit auch ein Symptom für die digitale Verflüssigung sozialer Beziehungen. Vielleicht ist der Versuch, mit der Software "Liquid Feedback" ein fein differenziertes, politisches Meinungsbild der Partei zu bekommen, so wichtig, weil gar keine Alternative dazu besteht: die Piraten als Gegenteil von "mir san mir". Vielleicht aber ist das auch der Formalisierung wegen notwendig: Wen das soziale Netz zwingt, die sechzigsekündige Partybekanntschaft mit dem Wort "Freund" zu bezeichnen, braucht zwangsläufig ein neues Verständnis des Begriffs, von sozialen Beziehungen insgesamt und damit auch vom Wir.

Diese Entwicklung ist natürlich nicht allein dem Internet zuzuschieben, die Abkehr vom Kollektiv zum Individuum ist eindeutig schon länger im Gang. Und natürlich wurde "wir" schon vorher sowohl von hundertjährigen Zwillingsgeschwistern wie auch von Bon-Jovi-Fans verwendet und hatte dementsprechend schon immer eine große Bandbreite. Das soziale Netz mit seinen Ihrungen und Wirungen aber hat zusätzlich noch sehr niedrigschwellige Kollektive bereitgestellt, die so vorher nicht existierten. Abgesehen davon, dass ein ironischer Klick einfacher ist als ein ironischer Eintritt in einen Verein - mit weniger Engagement als einem Klick konnte man noch nie zu einer beliebigen gesellschaftlichen Gruppe von "Erbitterte Gegner der Todesstrafe" bis "Mäßig engagierte Freunde der neuen Rechtschreibung" gehören. Von außen betrachtet lässt sich deshalb kaum sagen, wie ernst solche Gruppen im Zweifel genommen werden können oder müssen.

Eine der wichtigsten Fragen der nächsten Jahre dürfte deshalb lauten, was die Existenz solcher schwachen Klickkollektive politisch noch bewirken wird - zumal die klassischen starken Kollektive wie Volksparteien und Gewerkschaften nicht gerade überrannt werden von begeisterten Leuten, die einen Teil ihres Ich gegen ein Wir traditioneller Bauart eintauschen wollen. Vielleicht müssen wir einfach zugeben, dass wir noch sehr wenig über das digitale Wir wissen. Aber immerhin sind wir damit nicht allein.

tl;dr

Im Netz scheint es ein neues, digitales, quasi flüssiges Wir zu geben, als Reaktion auf die Turboindividualisierung durch das Internet.