S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Krieg und Spiel

Müssen Soldaten künftig gegen Hacker ausrücken? Sascha Lobo hält nichts davon, nach jedem Server-Einbruch den Cyberwar auszurufen. Oft geht es den Angreifern nur um etwas Spaß - den versteht das Militär aber nicht.

Zu Zeiten des Kalten Krieges Anfang der achtziger Jahre sitzt David Lightman an seinem Computer und hackt sich in einen vermeintlichen Spiele-Server ein. Er entscheidet sich angesichts der Auswahl von Schach, Backgammon und Dame nachvollziehbarerweise für eine Strategiesimulation mit dem Namen "Weltweiter Thermonuklearer Krieg". Er wählt als Team die Sowjetunion und beginnt einen virtuellen Angriff auf die USA. Zu diesem Zeitpunkt weiß er nicht, dass es sich nicht nur um eine Simulation handelt, sondern auch um ein offensichtlich sonyhaft gesichertes Programm zur Steuerung des Atomwaffenarsenals der Vereinigten Staaten. Er setzt einen Prozess in Gang, der den Dritten Weltkrieg auslösen kann.

Die Geschichte wirkt etwas konstruiert, und zwar, weil sie konstruiert ist: Es handelt sich um den Film "War Games"  von 1983. Der kann aber gut als Metapher für das aktuelle Geschehen um den sogenannten Cyberwar dienen.

Das Problem mit dem Cyberwar beginnt bei der unreflektierten Verwendung des Begriffs. Mit der ständigen Wiederholung - Krieg! - manifestiert sich in der Öffentlichkeit nicht nur die Wahrnehmung einer Bedrohung, sondern vor allem die Kategorie der Bedrohung. Wer jede halblegale oder illegale Aktion von Hackern in das Begriffsfeld Cyberwar rückt, trägt zu einer unguten Bedeutungseskalation bei. Kriminelle Handlungen werden zu kriegerischen uminterpretiert.

Krieg gegen Anonymous und LulzSec

Für Kriminalität ist die Polizei zuständig, aber Krieg ist eine Sache des Militärs. Vor allem gelten im militärgeführten Krieg andere Regeln als im polizeigesicherten Frieden, und das durchaus mit Zustimmung der Bürger. In einer emotional pazifistisch geprägten Gesellschaft findet kaum eine absolute Aussage soviel Zustimmung wie "Krieg muss mit allen Mitteln verhindert werden". Die fatale, antidemokratische Bedeutung der Wendung "mit allen Mitteln" verblasst gegen den Horror des Krieges.

Gegen das Schreckgespenst des Begriffs Cyberwar hilft eine Einordnung verschiedener Geschehnisse. Der als Stuxnet bezeichnete Trojaner, der vermutlich Atomanlangen im Iran gestört hat, kam in letzter Zeit einer kriegerischen Handlung im Netz am nächsten, wenn auch die Überschrift der Analyse von CCC-Sprecher Frank Rieger etwas arg zugespitzt erscheint: "Der digitale Erstschlag ist erfolgt." 

Aber zusammen mit den Hackerangriffen auf Google Mail, die sich einigermaßen eindeutig chinesischen Kräften zuordnen lassen, ist hier der Begriff Cyberwar nicht falsch aufgehoben, weil sich dabei militärische Einheiten oder Staaten gegenüberstehen.

"Cyberwar with China? More Likely, the Enemy Will Be Anonymous",  titeln zwei Autoren des "Forbes"-Magazins. Diese auch von vielen anderen Medien transportierte Perspektive dagegen erklärt hochdiffuse Gruppierungen wie Anonymous oder LulzSec zu satisfaktionsfähigen Gegnern für den militärischen Apparat. Dabei verhält sich Anonymous zu Stuxnet wie ein paar Schulhoffieslinge zur GSG9.

"Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man"

Den strategischen Hintergrund zur Verschiebung vom Verbrechen zum kriegerischen Akt liefert ein Papier des General-Rapporteurs der Parlamentarischen Versammlung der NATO  (das zwischen Nato und den Parlamenten der Mitgliedstaaten vermittelt). Die digitale Revolution könnte "möglicherweise zu einer neuen Klasse internationaler Konflikte zwischen diesen Gruppen [Hackern] und Nationalstaaten führen."

Diese Aufstellung entspricht den "War Games" - auf der einen Seite findet sich der militärische Apparat, auf der anderen Seite sind Hacker, ziemlich sicher Privatleute, vermutlich nicht wenige darunter, die in den USA nicht einmal alleine Bier kaufen dürften. Und plötzlich bekommt eine uralte Metapher eine neue, vernetzte Facette: der Krieg als Spiel. Der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz schrieb in seinem Standardwerk "Vom Kriege" um 1830, dass "von allen Zweigen des menschlichen Tuns [der] Krieg dem Kartenspiel am nächsten" käme.

Die Anzeichen, dass eine Gruppierung wie LulzSec ihre Hackerangriffe als Spiel versteht, sind unübersehbar. Schon der Name ist eine Verballhornung der Chatabkürzung LOL, loughing out loud. Entsprechend dienten die Aktionen und veröffentlichten Erklärungen bisher der Lächerlichmachung des Gegners. Auch bei Anonymous, entstanden im Umfeld des provokationsaffinen Mega-Forums 4chan, ist die Motivation in aller Regel eine leicht pervertierte Art der Schadenfreude, sogar bei scheinbar politisch orientierten Attacken wie dem stellvertretenden Rachefeldzug für WikiLeaks. "Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man", ist zwar ein geschmeidiges Nietzsche-Zitat, taugt aber kaum als Begründung für einen Krieg im Cyberspace.

Was aber passiert, wenn die eine Seite Karten spielt und die andere einen echten Krieg führen will? Diese Gefahr ist alles andere als theoretisch. Ob ein Angriff aus einer Kommandozentrale voll mit chinesischen IT-Offizieren geführt wird oder von zwei 16-jährigen, problematisch begabten Nerds aus New York, ist mit hundertprozentiger Sicherheit nur sehr schwer festzustellen. Vor diesem Hintergrund bekommt die neue Sicherheitsdoktrin der USA, Cyberattacken als kriegerische Handlungen zu werten, einen unangenehmen Beiklang.

Digitalvandalen als Kriegsgrund

Denn die vermutlich beabsichtigte Abschreckung taugt durchaus dazu, sich ins Gegenteil zu verkehren und die Spaßguerilla den Ursprung ihres Namens entdecken zu lassen. Einzelne Akteure von Anonymous hatten vor Jahren große Freude daran, grell blitzende Filmsequenzen in Epileptikerforen einzustellen, um bei den regulären Benutzern Anfälle auszulösen. Wie viele Lulz ließen sich dann erst aus einer vorgetäuschten Attacke gewinnen, die entsprechend einer Cyberwar-Doktrin zu einem echten Krieg führen könnte?

Angenommen, von einem Server in Venezuela gingen Attacken auf das Stromnetz einer US-Großstadt aus. Wäre ein Amtshilfeersuchen an die venezolanische Polizei tatsächlich die wahrscheinlichste, zu erwartende Antwort? Die Grenzen zwischen Krieg und dem, was manche für ein Spiel halten, verschwimmt auf die unangenehmst denkbare Weise. Aber "Militär ist sehr wahrscheinlich nicht die Antwort auf diese Bedrohung", sagt Thomas Wiegold , Journalist mit dem Spezialgebiet Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, und plädiert damit dafür, die Zuständigkeit bei den Polizeibehörden anzusiedeln.

Hier besteht auch eine mediale Verantwortung. Die ständige Verwendung des Wortes "Cyberwar" in allen irgendwie digitalen, subversiven Kontexten von Sony-Hack bis WikiLeaks, verschiebt das Thema in der Öffentlichkeit auf sehr ungünstige Weise. Nicht nur, dass Digitalvandalen bei der Polizei irgendwie besser aufgehoben wären - für das Militär gilt wie für die meisten anderen Organisationen: Wenn man einen tollen Hammer hat, möchte man in jedem Problem einen Nagel sehen.

Im dem Film "War Games" übrigens kann der drohende Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion in letzter Minute verhindert werden. Der Computer, Sinnbild für den militärischen Apparat, kann mit viel Mühe überzeugt werden, die echte Kriegsmaschinerie trotz des virtuellen Angriffs zu stoppen, mithilfe des Spiels Tic Tac Toe. Noch mal klappt das nicht.

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