S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Nie zuvor war so viel Ich

Seine eigenen digitalen Hinterlassenschaften quälen Sascha Lobo. Wie peinlich das oft war, was man da so geschrieben hat! Immerhin: Vielleicht sorgt das Internet am Ende dafür, dass wir den früheren Versionen unseres Ichs mit mehr Toleranz begegnen.

In dem Film "Zurück in die Zukunft 2" gibt es eine schöne Szene, in der die Hauptfigur Marty McFly verzweifelt versucht, ihrem Ich in der Vergangenheit nicht zu begegnen. Ein mögliches Aufeinandertreffen beschreibt Martys Freund Doktor Emmett Brown mit den Worten: "Die Begegnung bewirkt ein Zeitparadoxon, in deren Folge eine Kettenreaktion ausgelöst wird, die die Struktur des Raum-Zeit-Kontinuums auflöst und das gesamt Universum vernichtet!"

Das Universum kann nach Meinung der meisten Wissenschaftler bisher als eher unvernichtet gelten. Die Begegnung mit seinem eigenen, früheren Ich aber ist zum Alltag geworden.

Wer soziale Netzwerke nutzt, wer E-Mails verschickt oder SMS, findet sich immer wieder mit den Texten und Textchen konfrontiert, die das damalige Ich aufgeschrieben hat. Je älter und persönlicher das Aufgeschriebene, desto seltsamer fühlt es sich oft an. Objektiv betrachtet kann man dabei nur verlieren. Findet man zum Beispiel das eigene bedeutungsschwere Geschreibsel an eine vor Jahren verflossene Liebe im Nachhinein gut, hat man die Wahl zwischen zwei ungünstigen Deutungen: Entweder ist man Opfer einer überhöhten Selbstwahrnehmung. Oder man hat sich nicht weiterentwickelt. Findet man seine Schriften dagegen schlecht bis unerträglich (der Normalfall), dann muss man zugestehen, früher unbemerkt unter leichter bis mittlerer Dämlichkeit gelitten zu haben. Dazu noch, ohne konkret benennen zu können, warum und wann das in der Zwischenzeit anders geworden sein sollte.

Ich-bezogene Fremdscham

Ähnlich schlimm dürfte eine neue Funktion von Facebook sich anfühlen: Der Download von allem, was man je dort hinterlassen hat. Im besseren Fall sind die kurzen Zeilen, die man während des Schreibens als irgendwie unterhaltsam oder informativ, zumindest aber als veröffentlichbar empfunden hat, vollkommen belanglos. Im schlechteren Fall lässt sich der Download kaum durchlesen wegen des seltenen Gefühls ichbezogener Fremdscham.

Die fortlaufende digitale Dokumentation des eigenen Lebens, aktiv wie passiv, ist als weitverbreitetes Gesellschaftsphänomen noch so jung, dass sich die Spätfolgen nur vermuten lassen. "Wir kreieren heute alle zwei Tage so viel Daten wie seit Menschengedenken bis 2003", sagte Geradenoch-Google-Chef Eric Schmidt im August 2010 - und ein nicht geringer Teil davon besteht aus der Selbstbespiegelung und Selbstdefinition, die mit jedem ins Netz gespeisten Bit geschieht. Diese ständigen Momentaufnahmen der eigenen Persönlichkeit machen jede Entwicklungsstufe später unangenehm nachvollziehbar. Nie zuvor waren so viele Menschen mit so viel Ich konfrontiert.

Schon vor dem heutigen Internet, Anfang der neunziger Jahre, wurde diskutiert, was die digitale Sphäre für die einzelne Person bedeutet: "Digital Persona", ein Begriff des Australiers Roger Clarke, lässt sich ungefähr mit "Digitale Persönlichkeit" übersetzen und beschreibt, wie sich eine digitale Identität aus vielen Einzeldaten zusammensetzt. Meistens handeln die Überlegungen aber davon, wie Politik und Gesellschaft mit den Daten umgehen, die das Ich bedeuten.

In nahezu jeder Diskussion fällt dann auch ein Verweis auf den imaginären Personalchef, der einen Bewerber aussortiert, von dem wilde Partyfotos im Netz zu finden sind. Das ist angstsäender Unfug, Personalchefs sind schließlich keine viktorianisch geprägten Außerirdischen. Jedenfalls nicht alle. Und in einem Land, in dem sich in höchsten Staatsämtern Falschaussagen im Nachhinein mit einem "Blackout" entschuldigen lassen, sollten Bildzeugnisse schwerer Trunkenheit einigermaßen verkraftbar sein. Viel schlimmer ist, in digital-unerbittlicher Unverfälschtheit selbst mit seiner konservierten "Digital Persona", in Texten, Fotos und Videos mit seinen früheren Verhaltensweisen und Gedanken konfrontiert zu werden.

Monatelanges, selbstmitleidiges Gewimmer

Das Gehirn funktioniert als Verklärwerk, das die Vergangenheit in der Erinnerung so zurechtbiegt, dass es mit dem Selbstbild einigermaßen vereinbar ist. Nicht die Zeit heilt alle Wunden, sondern der eigene Geist in der Retrospektive. Aber je umfassender das eigene Leben dokumentiert ist, desto komplizierter wird die Verklärung: Man kann sich selbst (und andere) wesentlich schwieriger belügen. In digitaler Unbestechlichkeit führt das Netz noch Jahre später vor, dass man sich damals eben nicht einvernehmlich getrennt hat, sondern schmählich verlassen worden ist und danach drei unerträgliche Monate lang selbstmitleidiges Gewimmer von Werther'scher Wehleidigkeit von sich gegeben hat. Jeder peinliche Fehler, jede wirre Meinung, jedes Zeichen von Unreife bleibt schmerzhaft präzise dokumentiert und offenbart so im Nachhinein einen bedrückenden Unterschied zwischen Fremd- und Selbstbild: Die soziale Technologie verursacht Ich-Schmerzen.

Historische Vorläufer dieser Ich-Schmerzen sind ebenfalls mit sozialen Technologien verbunden: Beim Betrachten alter Fotos ist es oft schwer, sich angesichts der Lächerlichkeit der getragenen Kleidung und Frisuren zwischen Lachen und Weinen zu entscheiden. Ebenso das unangenehme Gefühl, mit Aufnahmegeräten und besonders dem Camcorder aufgekommen, seine eigene, aufgezeichnete Stimme zu hören. "Ich ist ein anderer" ist ein Zitat des Schriftstellers Arthur Rimbaud, das er im selben Alter schrieb, in dem Jugendliche heute versuchen, angemessene Begleitworte für die Änderung des Beziehungsstatus' auf Facebook zu finden. Die digitale Dauerdokumentation bringt bei Durchsicht zumindest die Erkenntnis mit sich: "Ich war ein anderer."

Und das wiederum erinnert an ein bekanntes politisches Phänomen - Politiker sind ja schon seit langer Zeit der ständigen Dokumentation aller ihrer Worte und Taten ausgesetzt. Sie lösen ihre politischen Ich-Schmerzen fehlender Konsistenz oft wie Adenauer mit "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern". Einen ausgefeilteren Ansatz hat Kurt Kister, heute Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", ausgemacht: 2006 betitelte er einen Artikel über Gerhard Schröder mit "Das Ich und das Ex-Ich" und meinte damit ironisch dessen scheinbare Selbstdistanzierung.

Vielleicht aber liegt im neuen Konzept des Ex-Ich, also in der souveränen Selbstdistanzierung - "ja, da war ich wohl gerade dämlich" - auch der Ausgang aus der Misere, die aus dem Mangel an Vergessen der eigenen Unzulänglichkeit besteht. Kommenden Generationen wird es vermutlich leichter fallen, die eigene, digital archivierte Würstchenhaftigkeit zu akzeptieren, die offensichtliche, beschämende Inkonsistenz im eigenen Denken, Fühlen, Handeln. Die Dokumentationsmaschine Internet könnte so zu einer neuen Toleranz beitragen: Der gesellschaftlichen Akzeptanz der Tatsache, dass fast alle mit einem phasenweise bescheuerten, vergangenen Ich-Zwilling zurechtkommen müssen, von dem man sich viel zu oft wünscht, ihm rechtzeitig eine Ohrfeige verpasst oder wenigstens die Tastatur weggenommen zu haben.


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