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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Quatsch ist systemrelevant

Deutschland ist ein Internet-Entwicklungsland. Woran das liegt? An unserer fehlenden Bereitschaft zum Blödsinn, glaubt Sascha Lobo. Denn Quatsch hält die Kommunikationsgedärme der Gesellschaft geschmeidig, für den Fall, dass doch mal etwas Wichtiges passiert. Ein Plädoyer für mehr Unsinn.

Theodor Fontane konnte Ende des 19. Jahrhunderts nicht ahnen, dass der Titel des vierzeiligen Gedichts "Unter ein Bildniß Adolf Menzel's" gut hundert Jahre später im Internet als deppenapostrophiert bezeichnet werden würde. Fontane schrieb: "Erst der Ernst macht den Mann, erst der Fleiß das Genie." Ein Schriftsteller gratuliert einem Maler mit Worten, die auch aus dem Mund eines Schweizer Finanzbeamten noch trocken klingen würden; deutsche Künstler unter sich.

Diese Haltung prägt Deutschland noch immer: Ernsthaftigkeit ist das goldene Kalb in der Mitte, um das man aber gefälligst nicht herumtanzt. Außer zu dafür amtlich vorgesehenen Zeiten wie Karneval, Oktoberfest und Sommerschlussverkauf. Es ist bezeichnend, dass der Begriff "Spaßpartei" der Verächtlichmachung dient und grober Unfug bis 1975 strafbar war; es gibt in Deutschland eine tiefe Sehnsucht nach ungebrochener Ernsthaftigkeit. Und leider kommt eine ärgerliche Tradition hinzu, Ernsthaftigkeit als Abwesenheit alles Unterhaltsamen zu interpretieren. Nur weil die Beschwerde über deutsche Humorlosigkeit zum unerträglich oft wiederholten Gemeinplatz geworden ist - jüngst durch Christoph Waltz in einer amerikanischen Talkshow  -, ist sie leider nicht weniger wahr. Obwohl derzeit vor allem die Politik vorbildlich mit einer Reihe von Premiumscherzen dagegensteuert (Euro-Rettung, Thüringer Verfassungsschutz).

Vielleicht erklärt das, weshalb Deutschland noch immer mit dem Internet fremdelt: Quatsch ist die Grundlage der digitalen Kultur. Das Netz lebt durch Unsinn, Witz und Aberwitz, auf jeden schweren Gedanken von ernsthafter Tiefe kommen zehn Chuck-Norris-Witze und hundert Katzenbilder. Und vielleicht herrscht in Deutschland ein dramatischer Mangel an digitalem Qualitätsquatsch, weil halbwegs kluge und gebildete Leute sich um keinen Preis zum Narren machen wollen.

Deutschland muss als Netzentwicklungsland bezeichnet werden

Der fehlende Sinn für Unsinn hat schwerwiegende Folgen für die deutsche Netzlandschaft. Blogs sind nie richtig angekommen hierzulande. Twitter dümpelt als Nische für Wortspielsüchtige und Bundestagsabgeordnete herum. Und das ehemals wichtigste heimische Netzwerk StudiVZ schrumpft so konstant, dass es im zweiten Quartal 2012 eine zusätzliche Million Leute brauchen wird, um keine Nutzer mehr zu haben. Deutschland muss als Netzentwicklungsland bezeichnet werden, mit durchaus ernsten Folgen, zum Beispiel findet sich im Dax nicht ein einziges Internetunternehmen. Und wenn ein soziales Netzwerk wie Google Plus weltweit neu an den Start geht, bestehen die Top Ten der meistverfolgten Nutzer im englischsprachigen Raum  aus Milliardären und Weltstars - wogegen die deutschen Top Ten aus denselben Witzfiguren bestehen , die auch schon Twitter geprägt haben: männliche, mittelalte Blogger, die sich trotz offensichtlicher Lächerlichkeit bemühen, so ernsthaft wie möglich aufzutreten.

Natürlich ist die fehlende Internetaffinität der deutschen Gesellschaft nicht allein ihrer quatsch-aversen Haltung geschuldet. Wenn man aber den Siegeszug der digitalen Vernetzung durch die englischsprachige Welt genauer ansieht, so ist dieser zweifellos gespeist von Quatsch. Ein Gutteil der Kommunikation, die das Netz ausmacht, funktioniert nach den Kriterien der Memetik. Dieses Denkmodell, 1976 entworfen vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins, geht davon aus, dass Ideen und kleinere Kommunikationseinheiten sich ähnlich verhalten können wie Gene, sie pflanzen sich fort und entwickeln sich weiter. Diese einzelnen Gedanken, Meme genannt, fungieren im Internet dem Öl ähnlich als Schmiermittel und Kraftstoff gleichzeitig; sie bilden nach einer ausgedachten US-Studie von Forcaster Research bis zu 52,4% der Kommunikation auf digitalen Plattformen. Das Internet-Phänomen "Lolcat" (zu deutsch: Lachkatze) gehört zu den bekanntesten Memen. Eine simple Suchmaschinenrecherche aber offenbart die schreckliche Wahrheit: Die meisten Meme bestehen aus purem Quatsch.

Die Beschäftigung mit diesem Quatsch allerdings erfüllt eine wichtige Funktion für die entstehende digitale Gesellschaft. Denn der Informationsfluss, dem der vernetzte Bürger ausgesetzt ist, wird immer größer und reißender, er wird zum Informationsstrom. Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 130 Friends und sondert dreimal am Tag etwas ab, allein Facebook versorgt den Bürger also mit knapp 400 zusätzlichen Kommunikaten monatlich. Es ist ja nicht so, als hätte man sich vorher Postkarten geschrieben mit aufgeklebten Katzenbildern. Ein solcher Informationsstrom muss weitgehend aus Quatsch bestehen - anders ließe er sich tagein, tagaus gar nicht aushalten, man stelle sich einen Newsfeed vor, bestehend ausschließlich aus Habermas-Zitaten. Diese digitalen Ballaststoffe - eben Quatsch - sorgen zudem dafür, dass die Kommunikationsgedärme der Gesellschaft geschmeidig bleiben, auch wenn gerade mal nichts Wichtiges verarbeitet werden muss. Denn obwohl die Welt wirklich groß ist, passiert einfach viel zu wenig Relevantes, um das ganze Internet andauernd mit ernsthaften Inhalten zu bespielen. Und umgekehrt würde ein Netzwerk, das nur hochrelevante Ernsthaftigkeiten verbreitet, mangels Nutzerinteresse rasend schnell verstudivzetten und schließlich weder Quatsch noch Ernsthaftes transportieren können. Netzquatsch ist systemrelevant.

Die sozialen Medien erziehen ihre Nutzer zum Quatsch

Um das digitale Deutschland voranzubringen, fehlt also eine gewisse Quatschbereitschaft des Volkes - also desjenigen Teils des Volkes, der Günther Jauch als bestvorstellbaren Bundespräsidenten bezeichnet, das aber tatsächlich ernst meint. Es geht dabei nicht nur um Humor, sondern letztlich auch um den Mut zum Quatsch, der das Netz befeuert. Der persönliche Quatsch, den man auf Facebook veröffentlicht, ist immer auch das Gegenteil von "Was sollen bloß die Nachbarn denken?". Je mehr Informationen man teilt, desto höher die Chance, sich zum Horst zu machen, bis sich schließlich alle mal blamiert haben und es nicht mehr so schlimm ist. Die sozialen Medien erziehen ihre Nutzer zum Quatsch.

Schon der erste Blick in ein normales Social Network zeigt: Internet und Peinlichkeit sind zwei schwer miteinander vereinbare Konzepte. Entweder hatte Freud einfach unrecht mit dem Diktum, dass der Verlust der Scham ein Zeichen für Wahn sei, oder der kollektive Irrsinn steht unmittelbar bevor. Es bleibt zu hoffen, dass nicht nur Freud falschlag, sondern auch Fontane mit seinem urdeutschen Ernsthaftigkeitsfetisch, dass also pure Vernunft niemals siegen wird, dass der Quatsch in der deutschen Volksseele endlich den ihm zustehenden Platz findet und so das Internet wenigstens zum zweitwichtigsten sozialen Ort wird nach der bundesdeutschen Firmenteeküche. Ernsthaft.

tl;dr

Mangelnde Akzeptanz von Quatsch ist mit schuld, dass Deutschland ein Web-Entwicklungsland ist. Denn Quatsch ist Grundlage digitaler Kultur.

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