S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Wer gute Manieren hat, braucht keine Verbote
Das Grundgesetz ist ein famoses Stück Weisheit. Es verbietet beruhigenderweise die Vorbereitung der Führung eines Angriffskriegs (Art. 26, Abs. 1). Es erlaubt interessanterweise Abgeordneten die freie Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel (Art. 48, Abs. 3). Und es ist derart steinern verankert, dass die heute gültige Version vom Bundestag noch in alter Rechtschreibung verbreitet wird.
Trotzdem wäre das Grundgesetz nur ein Stück Papier, wenn nicht etwas ganz Wesentliches dazukäme: Eine Gesellschaft funktioniert nur über die Einsicht, bestimmte Dinge freiwillig nicht zu tun - unabhängig von gesetzlichen Verboten und staatlicher Kontrolle. "Das Gewissen eines jeden Bürgers ist sein Gesetz", schrieb Thomas Hobbes 1651. Wenn auf einem bepflanzten Mittelstreifen die Blumen nicht massenweise abgerissen werden, dann liegt das kaum an der Furcht, dafür ins Gefängnis zu wandern.
Die derzeitige politische und gesellschaftliche Diskussion um das Internet missachtet wesentliche Erkenntnisse über den Grund, weshalb die meisten Leute weder Blumen vom Mittelstreifen abreißen noch auf der Straße auf den Boden rotzen: der gesellschaftsbildende Prozess namens Zivilisation. Bei diesem Prozess spielt heute das Netz eine wichtige Rolle, schon immer hatte Zivilisation eine Komponente des richtigen Gebrauchs von Technologien. Und sei es nur bei der angemessenen Benutzung von Essbesteck, die - wenn die Volltextsuche des Browsers Firefox funktioniert - nicht im Grundgesetz geregelt ist, sondern seit Generationen beim Abendessen in den Werbepausen von den Eltern an die Kinder weitergegeben wird.
Die deutschen Städte sind auch ohne Verbot nicht zugerotzt
Der Großsoziologe Norbert Elias hat am Beispiel des Ausspuckens ausgeführt, wie sich in Europa eine ursprünglich breit akzeptierte Handlung etwa im 17. Jahrhundert in ein Tabu verwandelte. Dieser Wandel wurde weniger durch Gesetze herbeigeführt als durch den verbalisierten Druck der Gesellschaft, zum Beispiel durch die damals ungeheuer hippen Manieren-Codices und Benimmbücher, also durch Gebote statt Verbote. Als zivilisierte Gesellschaften (gegenüber primitiven) bezeichnet Elias solche, in denen sich "Fremdzwänge mehr oder weniger vollkommen in Selbstzwänge verwandeln". Das ist der Grund, warum man heute auch dann nicht spuckt, wenn sonst niemand zuschaut. Wenigstens tun die meisten Leute das nicht, die Straßen der meisten deutschen Städte scheinen selbst ohne Spuckverbot mit Strafandrohung nicht flächig zugerotzt. Man spuckt auf der Straße nicht aus, weil man es nicht will - und nicht weil es verboten wäre. Das bedeutet Zivilisation.
Genau dieser Mechanismus wird beim Aufbau einer digitalen Gesellschaft und einer dazu passenden Form digitaler Zivilisation zu wenig beachtet: Freiwilligkeit statt Fremdkontrolle. Anonymität, Vorratsdatenspeicherung, "Killerspiele" - die Antworten der Politik auf die Probleme der digitalen Gesellschaft werden von Verboten und Kontrollen geprägt. Leider bestehen die Gegenvorschläge der digital gebildeten Schichten zu oft bloß aus der Negation "kein Verbot und keine Kontrolle" - es scheint, passend zum Datenraum, nur null und eins zu geben.
Gebraucht wird eine weniger digitale Sichtweise der digitalen Sphäre - entscheidend sind die Fragen: Bis wohin reicht die Kraft von Geboten, wie es sich für eine digitale Zivilisierung gehört? Um welche Gebote handelt es sich genau? Und ab wann werden Verbote notwendig, deren grundsätzliche Notwendigkeit heute außer von Teilzeitanarchisten und radikalen Spekulanten kaum mehr bezweifelt werden?
An einem Schulfach Internet führt kein Weg vorbei
Die Wirksamkeit von Geboten aber hängt von der Bildung ab, wie Elias schreibt. Für die Entwicklung einer digitalen Gesellschaft ist das vor allem deshalb interessant, weil genau an dieser Stelle die wichtigste Wissensquelle versagt: schon wegen der Geschwindigkeit der Entwicklung ist es heute eher die Ausnahme, dass Eltern ihren Kindern das digitale Rüstzeug mitgeben können. Damit ist nicht die Verwendung des SMS-TAN-Verfahrens gemeint, sondern die Muster einer gerade entstehenden, digitalen Zivilisation: technisches Know-how, ungeschriebene Verhaltensregeln, informelles Lernen und Wissen.
An einem Schulfach Internet führt kein Weg vorbei. Wenn man bezogen auf die Geschwindigkeit in der Bildungspolitik der deutschen Bundesländer äußerst optimistisch plant, dürfte das Problem der Entwicklung einer digital zivilisierten Gesellschaft also in kaum vierzig Jahren gelöst sein. Um in der Zwischenzeit nicht völlig untätig zu sein, böte sich eine substanzielle Diskussion über die digitale Zivilisierung an - jenseits von Verboten und Totalkontrolle und auch jenseits der Freude am Netzanarchismus. Statt einer Diskussion darüber, wie man noch jeden digitalen Spucker technisch einwandfrei überführen könnte. Das ist auch gar nicht nötig, einen gewissen Anteil an Idioten verträgt die Gesellschaft.
Das Ziel muss es sein, dass die Mehrheit im Netz ein Gefühl für richtig und falsch bekommt und freiwillig danach handelt, ohne dass dahinter ein bewaffneter Sheriff steht; das Ziel ist eine digitale Gesellschaft der Freiwilligkeit. Dazu gehören Bildung und Geduld, Nutzer mit einer gewissen Vernunftbegabung sowie eine Politik mit einem Grundvertrauen in die Bürger. Diese Vorstellung mag sich sehr naiv anhören. Sie ist nicht viel naiver als in ein Gesetz hoffnungsvoll hineinzuschreiben: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."
tl;dr
Eine Diskussion zur digitalen Zivilisierung tut Not. Statt um Verbot vs. Nichtverbot sollte es um Gebote und freiwillige Einsicht gehen.